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Politik

Facebook-Ikonen, gestürzte Despoten und mutige Frauen: Ein Jahr "Arabischer Frühling"

 
Facebook-Ikonen, gestürzte Despoten und mutige Frauen: Ein Jahr "Arabischer Frühling"

Vor rund einem Jahr begannen die ersten jungen Araber, gegen ihre Regierungen zu demonstrieren. Ein Grund dafür war die hohe Arbeitslosigkeit unter gut ausgebildeten jungen Leuten in den arabischen Staaten.

Auch die Polizeiwillkür hatten die meisten satt. Nachdem Polizisten den Blogger Khaled Said am 6. Juni 2010 zu Tode geprügelt hatten, begannen Regimegegner sich im Untergrund zu organisieren. Die Revolution sollte aber erst sieben Monate später Fahrt aufnehmen.

Der Märtyrer der Tunesier heißt Mohammed Bouazizi. Der Gemüsehändler aus der tunesischen Provinzstadt Sidi Bouzid zündete sich am 17. Dezember 2010 aus Protest gegen Schikanen der örtlichen Polizei an. Drei Wochen später starb er.

Der in Tunesien verhasste und gefürchtete Präsident Zain Bin Abidine Ben Ali besuchte den schwer verletzten Bouazizi zwar noch im Krankenhaus, doch das konnte die Demonstranten im ganzen Land nicht mehr aufhalten: Am 14. Januar floh Ben Ali nach wochenlangen Massenprotesten im ganzen Land nach Saudi-Arabien.

Mohammed Bouazizi aus Tunesien ist längst eine der Ikonen des Arabischen Frühlings geworden.

Kein Geringerer als Che Guevara stand Pate für die Konterfeis der jungen "Märtyrer", die sich heute auf tausenden T-Shirts wiederfinden. Hier halten Demonstranten in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa ein Plakat des Argentiniers in die Höhe.

Nachdem der tunesische Machthaber gestürzt war, glaubten viele nicht an einen Dominoeffekt im arabischen Raum. Zu unterschiedlich seien die Staaten von Marokko bis Syrien.

Die vorläufige Bilanz nach einem Jahr: Als Erster dankte Zain Ben Abidine Ben Ali ab und floh ins Exil nach Saudi-Arabien. Inzwischen hört man nichts mehr von dem Diktator, der 23 Jahre lang Tunesien beherrschte.

Am 23. Oktober 2011 fanden die ersten Wahlen in Tunesien statt. Diese jungen Frauen haben vermutlich eine der säkularen Parteien gewählt.

Die meisten Stimmen holte aber die islamische Partei "Ennahda" von Rachid Ghannouchi. Der neue Regierungschef Moncef Marzouki vom Mitte-Links-Bündnis CPR führt nun die Koalition mit Ennahda und der sozialdemokratischen Partei.

Am 11. Februar erklärte Husni Mubarak seinen Rücktritt, nachdem hunderttausende Ägypter wochenlang gegen ihn protestiert hatten. Mubarak herrschte fast 30 Jahre über Ägypten.

Nach Mubaraks Sturz übernahm das Militär die Macht. Zwar vertrauten viele Ägypter dem Militär mehr als der alten Regierung, doch nach einigen Monaten knallte es erneut. Die Demonstranten vom Tahrir-Platz argwöhnten, dass der Militärrat gar keine Wahlen abhalten wolle.

Dem einstigen Präsidenten Mubarak wird inzwischen in Kairo der Prozess gemacht. Bei einer Verurteilung droht ihm womöglich die Todesstrafe.

Jemens Präsident Ali Abdullah Salih war der nächste arabische Präsident, dessen Macht ab März gefährlich wankte. Nach einem Attentat im Juni 2011 musste er nach 32-jähriger Regentschaft sein Land verlassen, um sich in Saudi-Arabien medizinisch behandeln zu lassen.

Nach einigen Monaten kehrte Salih aber in den Jemen zurück. Er hat einen Teil der Macht abgegeben unter der Bedingung, dass er nicht vor Gericht gestellt wird. Die Proteste im ärmsten arabischen Land gehen weiter, doch ob die Demonstranten Erfolg haben werden, ist fraglich.

Der libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi ließ sich nicht so leicht vom Thron stoßen. In seinem Land begannen die Proteste im Februar 2011, doch er ließ seine Truppen in einen blutigen Bürgerkrieg gegen die Rebellen ziehen.

Gaddafi starb am 28. Oktober 2011, als Rebellen ihn in einem Versteck am Straßenrand fanden. Die genauen Todesumstände sind nicht geklärt. Damit endete seine 42 Jahre währende Herrschaft über Libyen.

Die beeindruckendsten Bilder des Arabischen Frühlings kamen vor einem Jahr zunächst aus Kairo. Spätestens als tausende Ägypter auf den Platz der Befreiung strömten, merkten auch die Menschen in Europa, dass Tunesien kein Einzelfall bleiben würde.

Die ägyptische Opposition, die nur lose über das Internet organisiert war, hatte für den 25. Januar 2011 zu einem "Tag des Zorns" gegen Präsident Husni Mubarak aufgerufen. Nachdem sie den Platz einmal eingenommen hatten, blieben die Demonstranten dort.

Die Volksfeststimmung auf dem Tahrir-Platz kippte, als immer mehr Demonstranten bei Zusammenstößen mit Polizei und Militär verletzt wurden. Mehrere hundert Ägypter kamen während der drei Protestwochen ums Leben.

Als Mubarak Schlägertrupps mit Kamelen und Pferden auf den Platz schickte, drohte der Kampf der Ägypter kurzzeitig verloren zu gehen.

Umso größer war die Freude am 11. Februar, als der Präsident endlich seinen Rückzug ankündigte.

Das Gesicht des arabischen Frühlings ist jung. Mehr als die Hälfte der Bevölkerungen ist jünger als 30 Jahre alt. Hier demonstrieren tunesische Studenten in Sfax im Februar 2011 gegen die nach Ben Alis Flucht eingesetzte Übergangsregierung unter Interimspräsident Mohammed Ghannouchi.

Mit Sit-Ins haben die tunesischen Jugendlichen auch nach dem Sturz des alten Präsidenten immer wieder Druck gemacht. Sie hatten Angst, dass die Nachfolger ebenso korrupt seien wie Ben Ali. Drei Übergangsregierungen wechselten sich bis zu den ersten Wahlen im Oktober ab.

Das Gesicht der arabischen Revolution ist nicht nur jung, sondern auch weiblich.

Die Frauen auf dem Tahrir-Platz in Kairo demonstrierten wochenlang Seite an Seite mit den männlichen Regime-Gegnern. Dabei kam es offenbar kaum zu sexuellen Übergriffen, die sonst im Alltag der ägyptischen Hauptstadt ein großes Problem sind.

Selbst im erzkonservativen Jemen demonstrierten die Frauen an vorderster Front gegen den dortigen Machthaber, Ali Abdullah Salih.

Die 32-jährige Jemenitin Tawakkul Karman bekam sogar gemeinsam mit zwei Liberianerinnen den Friedensnobelpreis für ihr Engagement im Arabischen Frühling. Die Hoffnung: Ein Übergang zu mehr Demokratie käme auch den Frauen in Arabien zugute.

Auch in Libyen spielten die Frauen eine Rolle bei den Demonstrationen. Ein wichtiges Accessoire für die Gegner Gaddafis: die frühere Landesflagge, die nach der Unabhängigkeit ab 1951 unter König Idris geweht hatte.

Nutznießer der Proteste in Tunesien und Ägypten waren die Islamisten. Auf diesem Bild sind Anhänger Muslimbruderschaft in Kairo zu sehen. Bei den Wahlen im Dezember und Januar erreichten sie in manchen Regionen über 50 Prozent der Stimmen.

Im Westen fürchteten viele einen Sieg der Islamisten, die die Losung "Der Islam ist die Lösung" ausgegeben haben. Bei den Ägyptern sind die Muslimbrüder aber sehr anerkannt und gelten nicht als Hardliner. Solche sind eher die Salafisten von der Licht-Partei, die ein Viertel aller Stimmen bekam. Noch ist aber keine neue Regierung gebildet.

Auch Mohammed El-Baradei, früherer Chef der Internationalen Atomenergiebehörde und Exil-Oppositioneller, hatte sich Chancen ausgerechnet. Doch den Reformer, der auch vom Westen unterstützt worden wäre, wollten die Ägypter nicht. Seine Präsidentschaftskandidatur hat er jetzt zurückgezogen.

Von der Revolution in Ägypten profitierten aber noch ganz andere: Händler bieten heute am Tahrir-Platz Revolutions-Andenken wie T-Shirts, Armbänder und Poster feil.

Dabei braucht man zumindest in Kairo keine tragbaren Andenken an die Revolution: Vom Tahrir-Platz aus sieht man das völlig ausgebrannte Gebäude der früheren Regierungspartei. Man hat es einfach so stehen lassen.

Die Slogans, die gegen die Machthaber verwendet wurden, waren übrigens überall dieselben: "Hau ab!" steht auf den Händen dieses jemenitischen Kindes.

"Hau ab" steht auch auf diesem Fladenbrot.

Die libyschen Rebellen verließen sich lieber auf ihre Maschinengewehre. Woher sie die eigentlich hatten, fragte sich manch einer während des monatelangen Krieges.

Unterstützt von der Nato lieferten sich die libyschen Rebellen einen Stellungskrieg gegen die Truppen Gaddafis. Hier sichern junge Männer im September 2011 einen Checkpoint südlich von Tripolis.

Der Chef des inzwischen gebildeten libyschen Übergangsrates, Mustafa Abd al-Dschalil (hier bei einer Rede in Tunis zum Jahrestag der Revoulution am 14. Januar) wird erst einmal damit zu tun haben, die unter anderem von europäischen Staaten hochgerüsteten Rebellen wieder zu entwaffnen.

Der Konflikt in Syrien, der seit März mehr als 5000 Todesopfer gekostet haben soll, geht währenddessen weiter. Viele Syrer haben Angst vor einem Bürgerkrieg wie in Libyen und ziehen dem den Status Quo mit Assad als Präsident immer noch vor. Das Bild zeigt eine Pro-Assad-Demonstration in Damaskus.

Bilder aus den Protesthochburgen gibt es kaum. Das Bild zeigt Menschen in Homs, die einen Verletzten nach einem Anschlag in der vergangenen Woche wegtragen.

Zwei fehlen noch, sagt das Plakat dieser Libanesin in Beirut. Auch Menschen in anderen arabischen Ländern nehmen Anteil an den Ereignissen in ihren Nachbarländern.

"Der Tyrann ist gefallen, aber die Tyrannei ist es noch nicht" steht auf dieser Wand im tunesischen Sidi Bouzid. Diese Erkenntnis hatten wohl nicht nur die Tunesier. Das Jahr 2012 wird zeigen, ob weitere Machthaber fallen und ob die vorläufig geglückten Revolutionen Bestand haben werden.

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