Es ist ein historischer Moment: Am 24. August 1989 hebt sich der Eiserne Vorhang ein Stück, das bis dahin Undenkbare wird Wirklichkeit.Bild 1 von 97 | Foto: REUTERSErstmals tritt im Ostblock ein eingefleischter Antikommunist an die Spitze des Staates, das polnische Parlament wählt Tadeusz Mazowiecki einstimmig zum Regierungschef.Bild 2 von 97 | Foto: picture-alliance/ dpa"Durch das Parlament weht der Wind der Geschichte", erklärt Parlamentschef Mikolaj Kozakiewicz nicht ohne Pathos.Bild 3 von 97 Schon lange hatte es in Polen gegärt.Bild 4 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSWährend in den sozialistischen Bruderstaaten noch Grabesruhe herrscht, wird Polen 1980 von einer Streikwelle überrollt.Bild 5 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSZunächst geht es nur um die Erhöhung der Fleischpreise.Bild 6 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSDoch schon bald um viel mehr.Bild 7 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSDer erste Streik an der Danziger Leninwerft am 14. August wird durch die Entlassung der Kranführerin Anna Walentynowicz ausgelöst. Sie war für unabhängige Gewerkschaften eingetreten.Bild 8 von 97 | Foto: picture-alliance/ dpa/dpawebDer bis dahin weitgehend unbekannte Elektriker Lech Walesa betritt die politische Bühne.Bild 9 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSGleichermaßen charismatisch wie unerschrocken gründet er ein Streikkomitee.Bild 10 von 97 | Foto: APErst stehen in Danzig die Maschinen still; innerhalb kürzester Zeit greifen die Streiks auf das ganze Land über.Bild 11 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSIm Gegensatz zu vorherigen Revolten in Polen kämpfen diesmal Arbeiter, Studenten und Intellektuelle Seite an Seite.Bild 12 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSUnd sind erfolgreich.Bild 13 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSNach langwierigen Verhandlungen trotzen Walesa und seine Mitstreiter der Regierung etliche im Ostblock einzigartige Zugeständnisse ab, festgehalten im "Danziger Abkommen".Bild 14 von 97 | Foto: APEnde August 1980 lässt die Regierung offiziell unabhängige Gewerkschaften zu, ...Bild 15 von 97 | Foto: AP... auch ein Denkmal für 1970 vom Staat ermordete Arbeiter wird gegenüber der Werft aufgestellt.Bild 16 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSZehn Millionen Polen, fast jeder zweite Erwerbstätige, gehören 1981 der Gewerkschaft an. Selbst viele Parteimitglieder sind Mitglied der oppositionellen Solidarnosc.Bild 17 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSDie Opposition gibt sich allerdings nicht mit dem Erreichten zufrieden. Sie will mehr, doch die Regierung hat bereits ihre Schmerzgrenze überschritten.Bild 18 von 97 | Foto: APUnd versucht - so zumindest ihre Rechtfertigungen später - einer brüderlichen Hilfe aus dem sozialistischen Ausland zuvorzukommen.Bild 19 von 97 Es kommt zur "polnischen Lösung".Bild 20 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSIn der Nacht zum 13. Dezember 1981 fallen Schüsse, ...Bild 21 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESS... über die Fernsehbildschirme flimmert ein Mann in Uniform und großen Brillengläsern.Bild 22 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSGeneral Wojciech Jaruzelski, seit wenigen Monaten Erster Sekretär der Kommunistischen Vereinigten Arbeiterpartei Polens (PVAP), erklärt das Kriegsrecht:Bild 23 von 97 | Foto: Associated Press"Ich wende mich an die gesamte Weltöffentlichkeit. ...Bild 24 von 97 | Foto: picture-alliance/ dpa... Wir appellieren an Ihr Verständnis für die außergewöhnlichen Bedingungen, die in Polen entstanden und für die außerordentlichen Mittel, die notwendig geworden sind."Bild 25 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSDie außergewöhnlichen Mittel: Tausende werden interniert, unter ihnen Walesa und Mazowiecki.Bild 26 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSDutzende sterben, ...Bild 27 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESS... rund 90.000 Bürgerrechtler und Anhänger der Gewerkschaft werden festgenommen.Bild 28 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSDie Hoffnungen werden niedergewalzt.Bild 29 von 97 | Foto: Associated PressMit dem Kriegsrecht wird die Lage immer desolater.Bild 30 von 97 Die Läden sind leer, ...Bild 31 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESS... wenn einmal etwas angeliefert wird, muss man stundenlang danach anstehen.Bild 32 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSNur Mütter von Kleinkindern können sich vordrängen, was zu einem regen Austausch von Babys in den Warteschlangen führt.Bild 33 von 97 Auch nach der Aufhebung des Kriegsrechts 1983 ändert sich nicht viel an der katastrophalen wirtschaftlichen Lage.Bild 34 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSDie Fabriken sind marode, ...Bild 35 von 97 ... die Landwirtschaft ist in einem archaischen Zustand.Bild 36 von 97 | Foto: REUTERSDas Land hat horrende Schulden in Milliardenhöhe und leidet unter Sanktionen - die westliche Antwort auf das Kriegsrecht.Bild 37 von 97 Nur dank defätistischer Witze ...Bild 38 von 97 ... und der starken Unterstützung durch die katholische Kirche, die in Polen seit jeher eine bedeutende Rolle gespielt hat, ertragen die meisten Polen die Zeit.Bild 39 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSBesonders der aus Polen stammende Papst Johannes Paul II., seit dem 16. Oktober 1978 im Amt, gibt ihnen immer wieder Hoffnung.Bild 40 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSAls er 1983 und 1987 das Land besucht, ...Bild 41 von 97 | Foto: AP... pilgern Millionen zu den Messen.Bild 42 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESS"Die Kirche spendete Trost, bot sich als Konflikttherapeutin an und hatte den Vorteil, ...Bild 43 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESS... dass ihre Paradiesversprechen naturgemäß schwieriger überprüfbar waren als die Verheißungen des Sozialismus", meint der ungarische Historiker György Dalos.Bild 44 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSDoch nicht nur der Papst spielt eine außergewöhnliche Rolle bei der Überwindung des Kommunismus in Polen.Bild 45 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSAuch ohne Michail Gorbatschow, seit 1985 Führer der Sowjetunion, wäre es kaum so schnell so weit gekommen.Bild 46 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSNach Jahren der Stagnation unter Leonid Breschnew ...Bild 47 von 97 | Foto: Associated Press... und dessen Nachfolgern Juri Wladimirowitsch Andropow ...Bild 48 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESS... und Konstantin Ustinowitsch Tschernenko - alle innerhalb weniger Jahre zu Grabe getragen - taut es plötzlich in Moskau.Bild 49 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSBereits nach Tschernenkos Beerdigung teilt Gorbatschow den Staatschefs des Warschauer Pakts mit: "Die Sowjetunion hat nicht wenig wirtschaftliche Sorgen, aber wir wissen, dass auch die Lage der anderen sozialistischen Länder nicht einfach ist."Bild 50 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSDer Bauernsohn und Jurist aus Saratow weiß nur zu gut: Auf lange Sicht kann er im Rüstungswettlauf mit den USA nicht mithalten.Bild 51 von 97 | Foto: Associated PressMit radikalen Reformen versucht Gorbatschow zu retten, was zu retten ist.Bild 52 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSEs folgen Glasnost und Perestroika; öffentliche Diskussionen sind plötzlich möglich, der Druck auf Kultur und Öffentlichkeit schwindet, Institutionen, Ministerien und Betriebe erhalten mehr Selbstständigkeit.Bild 53 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSAuch seine Außenpolitik und die Haltung zu den sozialistischen Nachbarstaaten unterscheidet sich fundamental von seinen Vorgängern.Bild 54 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESS"Uns allen ist bewusst, dass unsere Beziehungen zu den sozialistischen Ländern in eine neue Etappe eingetreten sind. Wie es war, so kann es nicht weitergehen", so Gorbatschow im Juli 1986 unter strengster Vertraulichkeit im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion.Bild 55 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESS"Die Methoden, die wir gegenüber der Tschechoslowakei und Ungarn anwendeten, sind unannehmbar …Bild 56 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESS… Wir können keine administrativen Methoden in der Führung der Freunde anwenden …Bild 57 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESS... Im Grunde brauchen wir diese Führung über sie gar nicht. Das bedeutet nämlich, dass wir sie uns auf den Hals laden."Bild 58 von 97 | Foto: picture-alliance/ dpaWenig später macht Gorbatschow bei einem Besuch in Prag auch den Staats- und Parteichefs unmissverständlich klar: "Wir werden unsere Perestrojka nicht auf eure Kosten machen, aber denkt nicht daran, auf unsere Kosten zu leben."Bild 59 von 97 | Foto: ReutersWährend den greisen Herrn in der DDR und Ungarn, in der Tschechoslowakei, Bulgarien und Rumänien spätestens nun Böses schwant, ergreift Polen die Gelegenheit beim Schopf.Bild 60 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSAusgerechnet Jaruzelski, der General des Kriegsrechts, zeigt sich 1986 offen für Wandel. Unter vier Augen sagt er zu Gorbatschow, mit den Kollegen im Ostblock, insbesondere dem rumänischem Staatschef Nicolai Ceausescu, werde aus der Reform nichts werden:Bild 61 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESS"Ceausescu wird nichts davon verwirklichen. Und die anderen können es einfach nicht: …Bild 62 von 97 | Foto: AP… Sie sind alt und zurückgeblieben. Wir sollten diesen Karren zu zweit ziehen."Bild 63 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSAuch wenn die Gründe für den plötzlichen Reformeifer des Generals zweifelhaft sein mögen und er sicher nicht so schnell die Macht abgeben will:Bild 64 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSImmerhin ist ihm klar, dass es so in Polen nicht weitergehen kann.Bild 65 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESS"Tatsächlich war die eine wie die andere Seite schwach. Die Streiks scheiterten", so General Jaruzelski später. "Sie waren schwach, schwach. Und wir waren auch sehr schwach".Bild 66 von 97 | Foto: APEs ist wie bei so manchem alten Paar: Man braucht den anderen, auch wenn man sich gründlich satt hat.Bild 67 von 97 | Foto: APIm Herbst 1988, nach einem erneuten monatelangen Streik, stimmt die Regierung Gesprächen mit der Opposition zu.Bild 68 von 97 | Foto: APDie Möbelwerkstatt Henrykow erhält den Auftrag, einen Runden Tisch mit 58 Stühlen zu bauen - womit die Polen einen im Ostblock einzigartigen Sinn für Stil und historische Momente beweisen.Bild 69 von 97 | Foto: picture-alliance/ dpaAm 6. Februar 1989 beginnt die Tafelrunde der politischen Gegner.Bild 70 von 97 | Foto: picture-alliance/ dpaAuf der einen Seite General Jaruzelski und der Innenminster Czeslaw Kiszczak, einer der berüchtigtsten Männer aus den Jahren des Kriegsrechts, ...Bild 71 von 97 | Foto: AP... auf der andere Seite Walesa, inzwischen Friedensnobelpreisträger, sowie etliche oppositionelle Intellektuelle wie der Journalist Mazowiecki.Bild 72 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSMehr als 500 Teilnehmer besprechen hier zwei Monate lang alle wichtigen Fragen der polnischen Gesellschaft.Bild 73 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSFür beide Seiten sind die Gespräche eine Herausforderung und für nicht wenige Anhänger der Solidarnosc ein Verrat.Bild 74 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSDoch immerhin: Am Ende des Runden Tisches stehen die ersten halbwegs freien Wahlen im Ostblock.Bild 75 von 97 | Foto: REUTERSAm 4. Juni 1989, als in Peking Panzer die Demokratiebewegung niederrollen, gewinnt die Solidarnosc unter Führung Walesas haushoch.Bild 76 von 97 | Foto: picture-alliance/ dpaMoskau erkennt die Wahl als "eigenständiges polnisches Experiment" an.Bild 77 von 97 | Foto: APGeneral Jaruzelski wird kurz darauf mit einer Stimme Mehrheit zum Präsidenten des Landes gewählt, ...Bild 78 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESS... Mazowiecki übernimmt einen Monat später das Amt des Premierministers.Bild 79 von 97 | Foto: picture-alliance / dpa/epaDie Epoche des Kommunismus ist in Polen als erstem Land des Ostblocks unblutig zu Ende gegangen, ...Bild 80 von 97 | Foto: picture-alliance/ dpa... Kommunisten und Antikommunisten stehen Seite an Seite.Bild 81 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSUnd nicht nur das:Bild 82 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSDer polnische Virus grassiert, die Nachbarstaaten sind infiziert.Bild 83 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSMoskaus Imperium bricht binnen weniger Monate in sich zusammen.Bild 84 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSIn der DDR …Bild 85 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESS... und in Ungarn fallen die Grenzanlagen und Regime.Bild 86 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSUnd auch in der Tschechoslowakei, ...Bild 87 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESS… in Bulgarien und …Bild 88 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESS... in Rumänien stürzt das Volk seine kommunistischen Herren, ...Bild 89 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESS... müde der uneingelösten Heilsversprechen.Bild 90 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSBesonders in der DDR werden die Ereignisse in Polen genau beobachtet, und bleiben nicht ohne Einfluss.Bild 91 von 97 | Foto: AP"Der Weg von Solidarnosc kann in seiner Ermutigung auch für viele in der DDR gar nicht überschätzt werden", so Bundeskanzlerin Angela Merkel.Bild 92 von 97 "Ich weiß das aus meinem eigenen Leben."Bild 93 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESSViele Polen sehen dies noch pointierter und teilen die Meinung Walesas: "Ohne uns wäre der Ostblock nicht gefallen."Bild 94 von 97 | Foto: APWie groß tatsächlich die Rolle Polens war, mag umstritten bleiben.Bild 95 von 97 | Foto: picture-alliance / dpaGewiss ist jedoch: Auch wenn der Mauerfall das Symbol für den Zusammenbruch des Kommunismus geworden ist, begonnen hat alles viel eher.Bild 96 von 97 | Foto: picture-alliance / dpa/dpawebIn Polen. (Text: Gudula Hörr)Bild 97 von 97 | Foto: ASSOCIATED PRESS