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Politik

Der Bessere: Joachim Gauck

 
Der Bessere: Joachim Gauck

Deutschland hat einen neuen Bundespräsidenten.

Die Bundesversammlung wählt den ostdeutschen Theologen Joachim Gauck am 18. März bereits im ersten Wahlgang.

Die Zustimmung für Gauck liegt bei 80 Prozent - bei immerhin 108 Enthaltungen. Die Grund für die Enthaltungen hat eine Vorgeschichte.

Kanzlerin Angela Merke hatte nach einigem Gerangel und doppeltem Misserfolg den Kompromisskandidaten präsentiert.

Gemeinsam mit den Spitzen von CSU, FDP, SPD und Grünen einigt sich die CDU-Chefin, auch wenn es dabei heftig im schwarz-gelben Gebälk knirscht. Und zwar auf den Mann, den sie 2010 durch die Kandidatur von Parteisoldat Christian Wulff noch als Bewohner von Schloss Bellevue verhindert hat. Wie kommt das?

Mitten in der närrischen Jahreszeit platzt die Bombe. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen das Staatsoberhaupt, Wulff steht im Verdacht, im Gegenzug für das Gewähren staatlicher Hilfen von dem Film-Entrepreneur David Groenewold zu gemeinsamen Reisen eingeladen worden zu sein.

Gehen nun Ermittler im Schloss Bellevue ein und aus? Ein Gedanke, den viele Beobachter erschaudern lässt. Hat die Würde des Bundespräsidentenamts nicht schon genug gelitten?

Die Meinung der Deutschen wird immer einhelliger: Wulff wird zur Last und sollte seinen Hut nehmen.

Und Wulff reagiert: Im Wochen währenden Krieg gegen die Vorwürfe gibt er sich geschlagen und verkündet in Anwesenheit seiner Gattin Bettina seinen Rücktritt.

Wulff ist von nun an wieder Privatier, Kanzlerin Merkel geht zum zweiten Mal ein Präsident von der Stange. In allen Kanzlerschaften zuvor ist noch nie ein Staatsoberhaupt zurückgetreten.

Es beginnt ein schwieriges Wochenende: Die Koalition will schnellstmöglich die "P-Frage" vom Tisch haben. Zu lange schon belastet die "Causa Wulff" die Bundespolitik.

Wenn Schwarz-Gelb nicht Schaden nehmen soll, muss ein Kandidat her, der dem Amt seine Würde zurückgibt. Eine Person, den über die Parteigrenzen hinweg alle akzeptieren können.

Für die Mehrheit der Bürger ist klar: Es kann nur Gauck machen. Schon 2010 war er der "Präsident der Herzen", und Wulff ist gescheitert. Ist die logische Konsequenz nicht, den Fehler zu korrigieren und den vermeintlich Besseren zu küren?

Doch so leicht ist das nicht. Merkel sträubt sich lange, wird von einer Mehrheit aus SPD, Grünen und - heiklerweise - FDP in die Knie gezwungen.

Nun also Gauck, der mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt ins Berliner Schloss Bellevue einzieht.

Was macht Gauck zu einem "guten Präsidenten"? SPD-Chef Sigmar Gabriel spottete noch vor der Wahl 2010:"Joachim Gauck bringt ein Leben mit in seine Kandidatur und in sein Amt". Der Koalitionskandidat Wulff bringe nur "eine politische Laufbahn mit". Und genau das trifft es.

Gaucks Leben ist geprägt durch die Erfahrung zweier Diktaturen. 1940 wird er als Sohn eines Kapitäns in Rostock geboren.

Elf Jahre später wird sein Vater von der sowjetischen Geheimpolizei zur Zwangsarbeit nach Sibirien verschleppt.

Erst 1955 kommt er nach dem Besuch von Kanzler Konrad Adenauer in Moskau frei.

Bereits als Neunjähriger habe er gewusst, "dass der Sozialismus ein Unrechtssystem war", sagt Gauck 1991 der "Frankfurter Rundschau".

Weil Gauck weder bei den Jungen Pionieren noch bei der Freien Deutschen Jugend mitmacht, kann er nicht wie gewünscht Journalist werden.

Stattdessen studiert er Theologie und tritt 1965 in den Dienst der Evangelischen Landeskirche von Mecklenburg ein.

Als Pastor gerät er bald in das Visier der Stasi und muss mit ansehen, wie der Geheimdienst einige junge Leute aus seiner Rostocker Kirchengemeinde monatelang ins Gefängnis steckt, nur weil sie regimekritische Parolen an eine Wand gesprüht haben.

Im Wendeherbst 1989 gehört Gauck in Rostock zu den Mitbegründern des Neuen Forums. In der Marienkirche leitet er die Gottesdienste, von denen die Demonstrationen für Freiheit und Einheit ausgehen.

Als einziger Vertreter der Bürgerbewegung in Mecklenburg-Vorpommern wird er 1990 in die Volkskammer gewählt.

Hier übernimmt er die Leitung des Sonderausschusses für die Aufarbeitung des Stasi-Unrechts. Erst wenige Monate zuvor war die Stasi-Zentrale von empörten Demonstranten gestürmt worden.

Am 2. Oktober 1990 - dem letzten Tag der DDR - wählt ihn die Volkskammer zum Beauftragten für die Stasi-Unterlagen. Am 3. Oktober bestätigt ihn die Bundesregierung.

Die Behörde wird schließlich seinen Namen tragen.

Seine Arbeit in der Stasi-Unterlagenbehörde ...

... sowie die Erfahrungen nach 50 Jahren Leben in einer Diktatur prägen ihn.

"Die Akten einer Diktatur sind die Apotheke gegen Nostalgie", wendet sich Gauck gegen eine Verklärung der DDR.

Besonders heftig streitet er sich mit dem brandenburgischen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe (SPD, rechts) über dessen Stasi-Kontakte als DDR-Kirchenpolitiker.

Auch mit PDS-Star Gregor Gysi legt er sich an, was ihm bis heute viele Linke nachtragen.

Ganz zu schweigen von seiner harten Kritik an anderen Gepflogenheiten der DDR.

Nach zwei fünfjährigen Amtszeiten gibt Gauck 2000 sein Amt an die Bundesbeauftragte Marianne Birthler ab. Doch zieht er sich keineswegs aus der Öffentlichkeit zurück.

2001 versucht er sich als Fernsehmoderator mit der Talkshow "Gauck trifft ...". Auch in Publikationen und Interviews meldet er sich immer wieder zu Wort.

Im November 2003 wird er Vorsitzender des "Vereins Gegen Vergessen - für Demokratie". Die Organisation setzt sich für die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und der DDR-Vergangenheit ein.

Mit den Ostdeutschen geht Gauck stets hart ins Gericht, wenn sie über neue Erfahrungen im vereinten Deutschland, wie etwa Arbeitslosigkeit, klagen.

"Wir träumten vom Paradies und wachten auf in Nordrhein-Westfalen", sagt der begnadete Redner in der Feierstunde des Bundestag zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 1999.

Den Deutschen bescheinigt er mehr als einmal Furchtsamkeit:

"Wir sind besonders begabt für Angst und Ängste. Dieses Land fürchtet sich mehr vor der Freiheit, als dass es die großen Chancen und Möglichkeiten sieht."

Furchtsam ist Gauck nicht, das hat er mehr als einmal bewiesen.

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