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50 Jahre "Marsch auf Washington": Martin Luther King erzählt von seinem Traum

Von Markus Lippold

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"Heute sage ich euch, meine Freunde, trotz der Schwierigkeiten von heute und morgen habe ich einen Traum." (Foto: AP)

"Heute sage ich euch, meine Freunde, trotz der Schwierigkeiten von heute und morgen habe ich einen Traum."

"Heute sage ich euch, meine Freunde, trotz der Schwierigkeiten von heute und morgen habe ich einen Traum."

Es ist der Traum von Martin Luther King Jr. und 250.000 anderen Demonstranten, die …

… am 28. August 1963 den Aufrufen der Bürgerrechtsbewegung gefolgt sind und am "Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit" teilnehmen.

Bedeutend ist jener heiße Sommertag aber nicht nur, weil es die bis dahin größte Demonstration des Landes ist.

Bedeutend ist dieser Tag vor allem, weil die friedliche Massenkundgebung den Druck auf Präsident John F. Kennedy und den Kongress erhöht, die Forderungen der Afroamerikaner nach Gleichbehandlung zu erfüllen.

"Es ist jetzt die Zeit, unsere Nation von den Treibsänden der rassistischen Ungerechtigkeit zum festen Felsen der Gemeinschaft aller Menschen zu erhöhen", sagt King in dem für ihn typischen Rhythmus eines Gospels.

Und: "Die Wirbelstürme der Revolte werden weiterhin das Fundament unserer Nation erschüttern, bis der helle Tag der Gerechtigkeit erscheint."

Diese "Revolte" gipfelt 1964 im Bürgerrechtsgesetz, das diskriminierende Einschränkungen im Wahlrecht aufhebt und die Rassentrennung in öffentlichen Einrichtungen verbietet.

Der Kernsatz der Rede - "I have a dream" - wird spätestens nach Kings Ermordung 1968 zum Schlachtruf der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

Er brennt sich tief ein in das kollektive Gedächtnis der USA, ...

... weshalb der Anlass der Rede, der Marsch auf Washington, zum 50. Jahrestag eine Neuauflage erlebt.

Nur wäre jener ikonische Satz fast nie gefallen. Vor der Rede rät ein Berater King ab, von diesem Traum zu sprechen. Er hält das für abgedroschen.

Der Satz ist schließlich nicht neu, der Baptisten-Prediger aus Georgia hat ihn bereits Monate zuvor verwendet.

In Kings Redemanuskript für Washington taucht die heute berühmte Sequenz gar nicht auf. Aber nach einigen Minuten legt King seine Zettel zu Seite und redet frei weiter.

Und dann fällt ihm spontan dieser Satz vom Traum wieder ein. Wobei die Gospelsängerin Mahalia Jackson etwas nachhilft - sie ruft King während seiner Rede zu: "Erzähl' ihnen von dem Traum, Martin."

Und King erzählt ihn: "Es ist ein Traum, der seine Wurzel tief im amerikanischen Traum hat, dass sich diese Nation eines Tages erheben wird und der wahren Bedeutung seines Glaubensbekenntnisses, (...) dass alle Menschen gleich geschaffen sind, gerecht wird."

Es ist der Traum, dass eines Tages "auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne von früheren Sklaven und die Söhne von früheren Sklavenbesitzern gemeinsam am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können".

Es ist Kings Traum, dass "meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht wegen der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden".

Der spontane Einfall kommt an: King gelingt ein rhetorisches Meisterwerk, das sich an die Unabhängigkeitserklärung der USA ebenso anlehnt wie an Abraham Lincolns Reden und die Bibel.

Immer wieder hämmert er seinen Zuhörern das eindringliche "I have a dream" ein und ruft dazu auf, in den Vereinigten Staaten endlich die "Glocken der Freiheit" erklingen zu lassen, von jeder Erhebung, von Bergen und Maulwurfshügeln.

Kein Wunder, dass der "Marsch auf Washington" zu den Sternstunden der Bürgerrechtsbewegung zählt. Schließlich hören nicht nur seine Teilnehmer Kings Worte, sondern auch Millionen Menschen vor den Fernsehern.

Vor der Demonstration hatten die Behörden noch vor Ausschreitungen gewarnt und 5000 Vertreter von Polizei, Nationalgarde und Armee mobilisiert.

Doch die Stimmung an jenem Tag, an dem etliche Menschen aufgrund der Hitze in Ohnmacht fallen, gleicht eher einem Volksfest.

Bob Dylan und Joan Baez treten auf, schwarze und weiße Demonstranten singen Freiheitslieder. Unter ihnen sind Stars wie Marlon Brando, Paul Newman, Harry Belafonte und Charlton Heston.

Die Demonstranten sind aus allen Landesteilen angereist - zu einer Zeit, als es noch wenig Flugverkehr gab und die Fahrten mit Bussen und Bahnen anstrengend und zeitraubend sind.

Es geht den Demonstranten aber nicht nur um höhere, idealistische Ziele. Sie fordern ganz konkret ein Ende der Diskriminierung im täglichen Leben, …

… am Arbeitsplatz, im Kino, im Restaurant und in Bussen, wo die Plätze nach Rassen getrennt sind.

Für das Land ist dies ein Armutszeugnis, denn 100 Jahre nach der Verkündung der Sklavenbefreiung durch Abraham Lincoln sind die Schwarzen noch immer Bürger zweiter Klasse.

"Hundert Jahre später ist der Neger immer noch nicht frei", sagt auch King in seiner Rede. Stattdessen werden die Schwarzen diskriminiert und schikaniert.

Vor allem in den US-amerikanischen Südstaaten.

Dem "Marsch auf Washington" geht deshalb bereits ein jahrzehntelanger Kampf für die Gleichberechtigung voraus.

Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts hatten sich verschiedene Bürgerrechtsorganisationen wie die NAACP gegründet, die auf verschiedenen Wegen eine Gleichstellung forderten.

Doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg kommen Forderungen auf, die nicht mehr nur eine rechtliche Gleichstellung anstreben, sondern auch das Ende der Rassentrennung.

Ein erster Höhepunkt ist der "Montgomery Bus Boycott" in der Hauptstadt Alabamas. Auslöser ist Rosa Parks (hier 1971), die sich 1955 weigert, ihren Sitzplatz im Bus für einen Weißen zu räumen.

Parks wird zu einer Geldstrafe verurteilt, was einen Boykott des Busunternehmens durch die schwarze Bevölkerung nach sich zieht.

Vor allem aber erreichen die Bürgerrechtler vor Gericht eine Aufhebung der Rassentrennung des Busunternehmens, da dies gegen die Verfassung verstößt. 1956 wird das vom Obersten Gerichtshof bestätigt.

Der Busboykott macht zudem erstmals den charismatischen Prediger Martin Luther King Jr. (r.) landesweit bekannt. Er gehört zu den Anführern des Protestes und wird dabei auch verhaftet.

Einen weiteren Erfolg erlebt die Bürgerrechtsbewegung 1957, als der Gouverneur von Arkansas und aufgebrachte weiße Bürger in Little Rock verhindern wollen, dass neun schwarze Schüler Zugang zu einer bis dahin "weißen" Schule erhalten.

Das Fernsehen berichtet live von den Ereignissen und Präsident Eisenhower muss eingreifen - nur mit Hilfe der Nationalgarde kann den Schülern der Zugang zur Schule gewährt werden.

Generell lehnt die Bürgerrechtsbewegung Gewalt jedoch ab. Stattdessen setzt sie auf zivilen Ungehorsam, nach dem Vorbild Gandhis in Indien.

Ein Beispiel dafür ist das Sit-In von vier Studenten in einem Restaurant in Greensboro in North Carolina im Jahr 1960. Die Studenten besetzen dabei für Weiße reservierte Plätze. Bedient werden sie aber nicht.

Auch grenzüberschreitende Busfahrten in die Südstaaten führen der Öffentlichkeit vor, dass entgegen der Rechtsprechung Rassentrennung und Gewalt gegen Schwarze tägliche Realität ist. Im Bild versucht ein weißer Mann, den Bus aufzuhalten, indem er sich davorlegt.

Auch die friedlichen Proteste in Birmingham in Alabama haben 1963 die Aufhebung der Segregationspolitik zum Ziel.

Doch die Polizei geht mit äußerster Gewalt gegen die Sitzstreiks vor und verhaftet unter anderem auch King. Aufgrund öffentlichen Drucks kommt er aber nach wenigen Tagen frei und kann die Proteste weiter anführen.

Bei den weiteren Demonstrationen in Birmingham verhaftet die Polizei nicht nur mehr als 900 Kinder, …

… sie setzt auch die Feuerwehr gegen die Demonstranten ein und …

… hetzt Hunde auf sie.

Die US-amerikanische Öffentlichkeit reagiert geschockt auf die gewalttätigen Bilder aus Birmingham und der Druck der Geschäftsleute der Stadt führt unter anderem zur Aufhebung der Rassentrennung in allen Restaurants.

Es folgt der Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung - der "Marsch auf Washington".

Die riesige Demonstration wird auch im Weißen Haus wahrgenommen - Kennedy empfängt noch am Abend die Redner. So ebnet der Protest den Weg für das Bürgerrechtsgesetz von 1964.

Dieser "Civil Rights Act", unterzeichnet von Präsident Lyndon B. Johnson, beendet die Rassentrennung in den Südstaaten und untersagt die Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, Geschlecht oder Religion.

Für King gibt es zudem einen ganz persönlichen Erfolg: Er erhält 1964 den Friedensnobelpreis, was die Bürgerrechtsbewegung international bekannt macht.

Im März 1965 kommt es dann zu den Selma-Montgomery-Märschen, bei denen Schwarze für die Wahl registriert werden sollen.

Doch die Polizei greift die Demonstration mit Knüppeln, Tränengas, mit Stacheldraht umwickelten Gummischläuchen und Bullenpeitschen an, Dutzende Menschen werden verletzt.

Ein zweiter Marsch scheitert ebenfalls. Erst der dritte Versuch, der von der Nationalgarde geschützt werden muss, kommt in Montgomery an. Wenige Monate später unterschreibt Präsident Johnson den Voting Rights Act, der den ungehinderten Zugang von Afroamerikanern zu Wahlen garantiert.

So erfolgreich die friedliche Bürgerrechtsbewegung auch ist, Rassenunruhen und gewalttätige Zusammenstöße flammen immer wieder auf.

Zudem gibt es Widerstand von mehreren Seiten. Malcom X (r.) nennt den "Marsch von Washington" eine Farce. Seine Nation of Islam und andere Gruppen setzen auf radikale Forderungen, die notfalls mit Gewalt durchgesetzt werden sollen.

Weiße rassistische Gruppen wie der Ku-Klux-Klan in den Südstaaten kämpfen derweil weiter gegen eine Gleichstellung der Schwarzen.

Sie zünden jedoch nicht nur deren Häuser an, sondern verüben auch Bombenanschläge und ermorden Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung.

Am bekanntesten ist dabei vermutlich die Entführung und Ermordung von drei Bürgerrechtlern in Mississippi. Der Fall wird später als "Mississippi Burning" verfilmt.

Auf Martin Luther King gibt es mehrere erfolglose Anschläge, bevor er 1968 in Memphis in Tennessee auf einem Hotelbalkon von einem Attentäter erschossen wird.

Die ganze Welt ist schockiert.

In mehr als 100 Städten der USA kommt es zu gewalttätigen Unruhen, …

… bei denen Dutzende Menschen sterben. Besonders betroffen ist Washington D.C.

Als Mörder wird der Rassist James Earl Ray zu 99 Jahren Gefängnis verurteilt. Er stirbt, nach einem nur kurzzeitig erfolgreichen Fluchtversuch 1977, 30 Jahre nach Kings Tod im Gefängnis. Ungereimtheiten bei den Ermittlungen führen aber, wie schon bei der Ermordung von John F. Kennedy einige Jahre zuvor, bis heute zu Zweifeln an der Einzeltäterthese.

Kings Traum von einen USA ohne Rassismus hat sich bei seinem Tod noch lange nicht erfüllt.

Und er ist auch heute noch ein Traum, obgleich 2008 mit Obama erstmals ein Schwarzer zum Präsidenten gewählt wird.

Trotz all der Erfolge der Bürgerrechtsbewegung, trotz der Verbesserungen etwa im Schulsystem, ist die schwarze Bevölkerung, die etwa 14 Prozent der Gesamtbevölkerung der USA ausmacht, noch nicht gleichgestellt.

"Es gibt viel Kummer, viel Leid in Amerika", sagt der Kongressabgeordnete John Lewis, der letzte noch lebende Redner des "Marsches auf Washington".

Dafür gibt es auch konkrete Zahlen: Die Arbeitslosenquote ist unter Schwarzen etwa doppelt so hoch wie in der weißen Bevölkerung.

Die Armutsrate liegt mit 27 Prozent trotz einer positiven Entwicklung weit höher als der Durchschnitt von 15 Prozent.

Schwarze verdienen im gleichen Job etwa 10 Prozent weniger als weiße Kollegen. Und sie sitzen für gleiche Straftaten 20 Prozent länger im Gefängnis.

Und nicht nur das: Der Oberste Gerichtshof kippt im Juni 2013 Teile des Voting Rights Act. Auch einige Bundesstaaten verabschieden Wahlgesetze, die nach Meinung von Bürgerrechtlern ethnischen Minderheiten die Stimmenabgabe erschweren.

Nicht zuletzt zeigt in diesem Jahr der Prozess um die Tötung von Trayvon Martin, wie brisant das Thema Rassismus in den USA noch ist.

Martin Zimmerman (r.), Mitglied einer Bürgerwehr, erschießt den unbewaffneten, jungen Schwarzen - und wird freigesprochen. Es sei Notwehr gewesen, befindet die weiße Jury. In den gesamten USA kommt es zu meist friedlichen Protesten gegen das Urteil.

Präsident Obama zeigt allerdings Zurückhaltung bei der Bewertung des Freispruchs. Aber er sagt, dass auch er einmal "wie Trayvon" war.

Und er verweist auf den anhaltenden Rassismus: "Es gibt sehr wenige afroamerikanische Männer in diesem Land, die nicht die Erfahrung gemacht haben, verfolgt zu werden, während sie in einem Kaufhaus einkauften. Das gilt auch für mich", sagt Obama, der zum Jahrestag des Marsches am selben Ort wie King eine Rede halten wird.

Die Gleichstellung bleibt in der Realität ein Traum, auch 50 Jahre nachdem ihn Martin Luther King an einem heißen Augusttag in Washington beschworen hat. Heute erinnert dort eine Statue an seine berühmten Worte. (mit AFP/dpa)

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