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Sonntag, 27. November 2011

50 Jahre Marktrücknahme: Der Contergan-Skandal

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Vor 50 Jahren, am 27. November 1961, wurde das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan vom Markt genommen.

Vor 50 Jahren, am 27. November 1961, wurde das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan vom Markt genommen.

Vor 50 Jahren, am 27. November 1961, wurde das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan vom Markt genommen.

Zu spät für weltweit 10.000 Mädchen und Jungen.

Sie wurden Opfer des größten Unglücks der deutschen Pharmaindustrie ...

... und kamen Ende der 50er Jahre missgebildet zu Welt, ohne Arme und ohne Beine.

Das Medikament Contergan war unter der Leitung von Dr. Heinrich Mückter in der Forschungsabteilung der Stolberger Firma Grünenthal entwickelt worden.

Der Wirkstoff Thalidomid war als Mittel gegen Allergien erforscht worden. Dass es Schlaf bringt, war zunächst nur eine Nebenwirkung, die für die Ärzte aber bald im Mittelpunkt stand.

Am 1. Oktober 1957 brachte Grünenthal Thalidomid unter dem Namen Contergan in den Handel. Es war in allen Apotheken als Schlaf- und Beruhigungsmittel frei erhältlich.

Ein beispielloser Siegeszug begann: Contergan eroberte innerhalb von drei Jahren fast die Hälfte des bundesweiten Schlafmittelmarktes. Zwischen Oktober 1957 und November 1961 nahmen circa fünf Millionen Verbraucher 300 Millionen Tagesdosen ein.

Auch international war Thalidomid ein Verkaufsschlager: In 48 Ländern wurden thalidomidhaltige Medikamente vermarktet. Die Herstellerfirma hatte wesentlichen Anteil an diesem Erfolg. Die Werbung versprach die völlige Ungiftigkeit und Unschädlichkeit des Wirkstoffs.

Seit 1959 wurde von Ärzten und Kliniken eine Häufung von furchtbaren Fehlbildungen bei Neugeborenen bemerkt. Da es jedoch kein Meldegesetz für Fehlbildungen gab, blieb das wahre Ausmaß der Katastrophe zunächst im Dunkeln. Grünenthal will erst im Herbst 1961 von dem Verdacht gegen das Medikament erfahren haben, …

… als zwei Mediziner, der Hamburger Kinderarzt Widukind Lenz und der australische Gynäkologe William Griffith McBride, unabhängig voneinander die Vermutung äußerten, dass Thalidomid für die Missbildungen verantwortlich sein könnte.

Seinen Verdacht teilte Lenz (im Bild) am 15. November 1961 dem Forschungsleiter von Grünenthal mit. Er forderte eine sofortige Rücknahme vom Markt. Doch zunächst reagierte der Arzneimittelhersteller nicht.

Erst nach zwölf Tagen, als ein Zeitungsartikel die Wirkung von Contergan publik machte, zog Grünenthal sämtliche thalidomidhaltigen Präparate aus dem Handel. (Foto: Grünenthal Kupferhof)

Das ganze Ausmaß der Katastrophe wurde erst lange nach der Rücknahme klar: Es stellte sich heraus, dass die Einnahme einer einzigen Tablette während der 4. - 6. Schwangerschaftswoche mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Missbildungen führt.

Schaut man sich die Schwarzweiß-Aufnahmen an, glaubt man trotz der anrührenden Tragik den starken Optimismus der Wirtschaftswunder-Zeit zu erkennen.

Eine Lüge, wie Opfer berichten. Als Kinder mussten sie für solche Bilder posieren, erzählt der Contergan-geschädigte Maler und Fotograf Christian Knabe. (Foto: Knabes Hände)

Ob auf dem Spielplatz oder wie hier auf dem Fahrrad - Hauptsache fröhlich. Die Botschaft sollte lauten: Die gedeihende Republik steckt so etwas weg. Es geht vorwärts, auch Behinderte nehmen am Fortschritt teil.

Gegen Grünenthal wurde Ende 1961 ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Als im April 1967 Anklage gegen mehrere Verantwortliche des Unternehmens erhoben wurde, waren die geschädigten Kinder zwischen fünf und neun Jahren alt.

Der Prozess zählt zu den längsten Verfahren Europas. Die Anklageschrift umfasste knapp 1000 Seiten, mehr als 1200 Zeugen wurden vernommen.

Im Dezember 1970 endete der Prozess mit einem Vergleich. Kein Verantwortlicher wurde damals verurteilt. (Auf dem Foto zwei der Angeklagten: Dr. Günther Sievers, 2.v.r, und Dr. Heinrich Mückter, rechts)

Grünenthal verpflichtete sich, 100 Millionen Mark an eine Stiftung zu zahlen, die sich um die Opfer kümmerte. Diese Zahlung löste aber sämtliche Ansprüche ab. (Foto: Grünenthal Werkszentrale heute)

Fritz Pleitgen, ein zu dem Zeitpunkt noch unbekannter Reporter, sagte 1968: "Ich musste damals darüber berichten, und ich habe erlebt wie diese Firma wirklich alles an Rechtsbeistand aufgeboten hat, was in Deutschland Rang und Namen hatte. Das war eine Armada von Rechtsanwälten."

Die Contergan-Katastrophe hatte erhebliche Konsequenzen für das deutsche Arzneimittelrecht. 1976 wurde ein Arzneimittelgesetz verabschiedet, das erstmals ein geregeltes Zulassungsverfahren für neue Medikamente einführte.

Dieses Gesetz trat am 1. Januar 1978 in Kraft. Seit Bekanntwerden des Zusammenhangs von Contergan und den Fehlbildungen bei Neugeborenen waren 17 Jahre vergangen.

Die Contergan-Kinder von einst sind heute Erwachsene.

Und für die 2700 noch lebenden Opfer in Deutschland spitzt sich die Situation zu, so Margit Hudelmeier, Vorsitzende des Bundesverbands Contergangeschädigter.

Viele von ihnen leiden unter schmerzhaften Folgeschäden durch die Fehlbelastung von Wirbelsäule, Gelenken und Muskulatur.

Der Gesellschaft war das Leid der Betroffenen lange Zeit nicht präsent.

Das änderte sich erst im Herbst 2006, als der Zweiteiler "Contergan – Eine einzige Tablette", der anhand des Schicksals einer Familie die Tragödie nachzeichnet, im Fernsehen laufen sollte. (Foto: die Darsteller Benjamin Sadler, Denise Marko und Katharina Wackernagel)

Grünenthal und ein an dem Contergan-Prozess beteiligter Rechtsanwalt stoppten die Ausstrahlung per einstweiliger Verfügung. Erst ein Jahr später konnte der Zweiteiler gezeigt werden.

Der Film wurde ein großer Erfolg. Er erhielt 2007 einen Bambi ...

... und ein Jahr später den Deutschen Fernsehpreis. Dem Film von Regisseur Adolf Winkelmann (im Bild mit Denise Marko, die aufgrund eines Gendefekts gehandicapt ist) ...

... und anderen mutigen Projekten (Werbung für den Film "No Body's Perfect") ist es zu verdanken, dass der Medikamenten-Skandal erneut ins Gedächtnis der Gesellschaft gelangte.

Der Druck der Öffentlichkeit zwang Grünenthal dann auch erneut zum Handeln. 2009 zahlte das Unternehmen 50 Millionen Euro in die Conterganstiftung ein.

Seit dieser Sonderzahlung erhalten Contergan-Geschädigte, je nach Schwere ihrer Behinderung, monatlich bis zu 1116 Euro aus dem Opferfonds.

Zu wenig, finden die Betroffenen.

Der Contergan-Opferverband fordert von Grünenthal 100.000 Euro pro Opfer für "die erlittenen Lebenseinbußen" ...

... und konkrete Hilfen zur Bewältigung des Alltags - etwa die teure Ausstattung von Autos mit einer Fußlenkung.

Neben den gesundheitlichen Problemen ist es aber auch die seelische Erniedrigung, die für die Betroffenen besonders schlimm ist. "Ein Contergan-Opfer muss sich mit all seinen Defiziten zeigen, erst als süßes Conti-Kind, dann als Zirkuspferd, das ja so viel schafft ohne Arme und Beine, ... (Foto: Bettina Eistel, Europameisterin im Dressurreiten)

… man wird bloßgestellt und das Problem wird bagatellisiert", berichtet eine Betroffene. (Symbolbild)

Eines der bekanntesten Contergan-Opfer ist Thomas Quasthoff. Aber auch der Sänger musste bis zu seinem Ruhm viele Hindernisse überwinden: "Die Musik hat mir über so viel Schlimmes in meinem Leben hinweggeholfen."

Auch 50 Jahre nach der Contergan-Katastrophe sind die Opfer auf Hilfe angewiesen. Aber "der von Grünenthal immer wieder zitierte Dialog mit den Betroffenen ist eine Farce", klagt der Bund Contergangeschädigter. (Foto: Der contergangeschädigte Anwalt Ashcroft. Alle nicht gekennzeichneten Bilder dpa, AP)

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