Panorama

Beretta vom Vater17-Jähriger läuft Amok

11.03.2009, 13:39 Uhr

Bei einem Amoklauf in Baden-Württemberg sind insgesamt 16 Menschen getötet worden, darunter auch der jugendliche Täter. Der Amoklauf begann in der ehemaligen Schule des 17-Jährigen. Dort tötete er acht Mädchen, einen Jungen und drei Lehrerinnen. "Die Toten hatten teilweise noch ihre Schreibstifte in der Hand", sagte Landesinnenminister Rech.

Bei einem Amoklauf in Baden-Württemberg sind insgesamt 16 Menschen getötet worden, darunter auch der jugendliche Täter. Der 17-Jährige war zunächst geflüchtet, wurde dann aber von der Polizei gestellt. Für Donnerstag wurde Trauerbeflaggung angeordnet.

Tim K. war gegen 09.30 Uhr im schwarzen Kampfanzug in die Albertville-Realschule in der Kleinstadt Winnenden bei Stuttgart eingedrungen. Er hatte 2008 seinen Abschluss an dieser Schule gemacht. Nach Angaben von Landesinnenminister Heribert Rech schoss er in drei Klassenräumen um sich. "Die Toten hatten teilweise noch ihre Schreibstifte in der Hand", sagte Rech bei einer Pressekonferenz am Abend in Waiblingen.

Der Amokläufer tötete acht Schülerinnen und einen Schüler aus den Klassenstufen acht und neun sowie drei Lehrerinnen, darunter eine junge Referendarin. Sieben Schülerinnen wurden verletzt. "Es ist auffällig, dass primär Mädchen getötet wurden", sagte Rech. Daraus könne man aber noch kein Motiv ableiten. "Die Motivlage ist derzeit unklar."

Auf seiner fast dreistündigen Flucht tötete der 17-Jährige einen Beschäftigten des nahegelegenen Krankenhauses für psychisch Kranke. Im 40 Kilometer entfernten Wendlingen erschoss er zwei weitere Menschen. In der Schule wurden offenbar Unmengen an Munition gefunden. "Die Menge der nicht abgefeuerten Munition deutet darauf hin, dass er weitaus mehr vor hatte", sagte der leitende Kriminaldirektor Ralf Michelfelder.

Flucht nach Wendlingen

In Winnenden zwang er einen Mann, ihn im Auto mitzunehmen. Auf der Autobahnzufahrt bei Wendlingen gelang dem 41-Jährigen die Flucht, nachdem der Wagen zuvor im Seitenstreifen steckengeblieben war. Während der Fahrer zu einer Polizeistreife rannte, flüchtete der junge Mann zu Fuß in Richtung des nahegelegenen Industriegebiets.

In Wendlingen drang Tim K. in ein VW-Autohaus ein und erschoss dort Rech zufolge einen Angestellten und einen Kunden. Als er das Gebäude verließ, eröffnete er das Feuer auf Polizisten und verletzte einen Polizisten und eine Polizistin schwer. Baden-Württembergs Landespolizeipräsident Erwin Hetger sagte, der Täter habe "quasi auf alles geschossen, was für ihn sichtbar war".

Schließlich tötete der Amokläufer sich selbst. Er sei von der Polizei angeschossen worden und habe anschließend seine Waffe gegen sich selbst gerichtet, sagte ein Polizeisprecher. Zunächst hatte die Polizei erklärt, der Todesschütze sei von einem Beamten erschossen worden.

Polizei an allen Schulen

Rund 1000 Einsatzkräfte hatten versucht, den Täter zu finden sowie Schüler und Passanten in Sicherheit zu bringen. Das Elternhaus wurde von der Polizei durchsucht. Alle Schulen wurden von der Polizei überwacht, den Schülern wurde verboten, ihre Schulen zu verlassen. Autofahrer wurden angehalten und Insassen überprüft. Die Polizei forderte Autofahrer auf, keine Anhalter mitzunehmen. "Die ganze Stadt gleicht einer Festung", sagte ein Augenzeuge. "Es herrscht blankes Entsetzen."

Zwischenzeitlich hatte es geheißen, zehn Schüler seien getötet worden, eine Schülerin sei im Krankenhaus ihren Schussverletzungen erlegen. Dies wurde später von der Polizei korrigiert. Ein Polizeisprecher in Waiblingen sagte, ihm seien falsche Angaben übermittelt worden.

"Angeber-Typ" und Hobby-Schütze

Unbekannt ist, ob der Täter von einem Amoklauf in den USA wenige Stunden zuvor beeinflusst worden war. Tim K. stammte aus Leutenbach im Rems-Murr-Kreis in der Nähe von Winnenden. Kultusminister Helmut Rau sagte unter Berufung auf die Schulleiterin, der Amokläufer sei ein völlig unauffälliger Schüler gewesen. Er habe seinen Schulabschluss gemacht und dann eine Ausbildung angefangen. Seine "doppelte Identität" sei allen verborgen geblieben.

Ein Nachbar sagte dagegen, Tim habe oft angegeben mit dem vielen Geld, das der Vater ihm zugesteckt habe. Er sei insgesamt ein "Angeber-Typ" gewesen, aber auch ein Einzelgänger, der mit seiner Art zunehmend die Leute vergrault habe. Zu Hause habe der Täter eine umfangreiche Sammlung an Horrorvideos.

Ein ehemaliger Mitschüler sagte bei n-tv, Schießen sei ein Hobby von Tim K. gewesen. Er habe eine Zielscheibe im Keller gehabt, "und er hat eigentlich immer ins Schwarze getroffen".

Die Tatwaffe, eine Beretta-Pistole, hatte Tim K. aus seinem Elternhaus. Rech sagte, der Vater besitze legal 15 Waffen, von denen er 14 im Tresor aufbewahre und eine im Schlafzimmer. "Der junge Täter muss also die Waffe im Schlafzimmer an sich genommen haben", so Rech. Er habe "Munition im dreistelligen Bereich" bei sich gehabt.

Schweigeminute im Europaparlament

Das Europaparlament gedachte der Opfer des Amoklaufs mit einer Schweigeminute. Parlamentspräsident Hans-Gert Pöttering sprach den Familien der Toten im Namen des EU-Parlaments sein Beileid aus. "Als verantwortliche Politiker müssen wir unser möglichstes tun, um derartige Taten zu verhindern."

Bundespräsident Horst Köhler erklärte, seine Gedanken seien bei den Opfern und ihren Familien. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und die gesamte Bundesregierung äußerten sich tief erschüttert und entsetzt über die Tat. Merkel sagte, es sei ein "Tag der Trauer für ganz Deutschland". Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger sprach von einer "grauenvollen und in keiner Form erklärbaren Tat". Er drückte den betroffenen Eltern und Mitschülern sein Mitgefühl aus.

Erfurt bietet Hilfe an

Der Amoklauf weckt Erinnerungen an Erfurt, wo im April 2002 ein 18-jähriger ehemaliger Gymnasiast an seiner alten Schule 16 Menschen erschoss, bevor er sich das Leben nahm. Im November 2006 hatte ein 18-Jähriger in Emsdetten in seiner ehemaligen Schule um sich geschossen und mehrere Menschen verletzt, bevor er Selbstmord beging.

Die Stadt Erfurt und das Land Thüringen boten Baden-Württemberg Hilfe bei der Betreuung von Schülern oder der Angehörigen von Opfern an. Es könnten kurzfristig speziell geschulte Notfallpsychologen entsandt werden, erklärte Kultusminister Bernward Müller.