Panorama

"Kein Keim wird sein Verhalten ändern"Ärzte gegen neue Gesetze

25.08.2010, 08:21 Uhr
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Tödliche Verunreinigung? Möglicherweise ist die Infusion verantwortlich. (Foto: dpa)

Nach dem Tod von drei Säuglingen in Mainz entbrennt eine hitzige Debatte um die Hygiene in deutschen Krankenhäusern. Der Marburger Bund lehnt neue Gesetze ab, es gebe keinen Mangel an Richtlinien. Dagegen fordert die SPD bundesweit einheitliche Vorschriften.

In der Debatte nach dem Tod von drei Babys an der Uniklinik Mainz hat sich die Ärzte-Gewerkschaft Marburger Bund gegen neue Hygienevorschriften für Krankenhäuser ausgesprochen. Es gebe keine Notwendigkeit, jetzt in gesetzgeberischen Aktionismus zu verfallen, sagte Sprecher Hans-Jörg Freese dem "Tagesspiegel". "Wir haben keinen Mangel an Richtlinien, und kein Keim wird wegen eines bundesweiten Gesetzestextes sein Verhalten ändern." Wer effektivere Kontrollen wolle, müsse die Gesundheitsämter mit mehr Personal ausstatten. Hilfreich wäre zudem ein Hygienebeauftragter in möglichst jedem Klinikum. Allerdings dürfe das nicht auf Kosten anderer Stellen gehen.

Der Vorsitzende des Marburger Bundes, Rudolf Henke, warnte ebenfalls vor Symbolpolitik. Das Bewusstsein für Hygiene sei beim Krankenhauspersonal in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Ein Bundesgesetz sehe er nicht als notwendig an. Zum Tod der Babys, die eine verunreinigte Infusion bekommen hatten, sagte Henke: "Hier scheint es sich um einen schrecklichen Einzelfall zu handeln."

Rösler will mit Ländern sprechen

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Intensivstation für Frühgeborene: Die Vorfälle in Mainz haben eine neue Debatte über die Hygiene in Krankenhäusern ausgelöst. (Foto: dpa)

Am vergangenen Freitag war dort elf Kindern auf der Intensivstation eine verschmutzte Infusion verabreicht worden. Zwei Babys mit Herzfehlern starben am Samstag, das dritte, ein sehr junges Frühgeborenes, am Montagabend. Ob jeweils die Keime in der Infusionslösung den Tod verursachten, steht noch nicht fest. Ihr Tod hat aber eine Debatte um die Hygiene-Vorschriften in Krankenhäusern ausgelöst. Das Gesundheitsministerium hat angekündigt, mit den dafür zuständigen Ländern zusätzliche Regelungen zu erörtern.

Doch auch der holländische Mikrobiologe Ron Hendrix hält nichts von neuen Gesetzen. Hendrix berät unter anderem das Uni-Klinikum Münster in Hygiene-Fragen. "Es hat keinen Zweck hat, neue Richtlinien zu erlassen, denn die gibt es schon", sagte er im Interview mit n-tv.de. Deutschland habe sehr gute Hygiene-Richtlinien für Krankenhäuser. "Das große Problem ist die Umsetzung." Es fehle an Personal, aber auch am Bewusstsein für das Problem.

Ebenso findet der Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA) die Hygiene-Vorschriften in deutschen Klinikapotheken für ausreichend. "Das ist der erste schwerwiegende Zwischenfall, an den ich mich in den vergangenen 20 Jahren erinnern kann", sagte ADKA-Geschäftsführer Klaus Tönne der "Leipziger Volkszeitung". "Ich kenne kein Krankenhaus, in denen die Sicherheitsstandards besser geregelt sind", sagte Tönne. "Die Apotheke der Universitätsklinik Mainz arbeitet auf einem sehr hohen und beispielhaften Niveau."

SPD fordert einheitliche Vorgaben

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisierte dagegen Krankenhäuser und Bundesländer. "Offenbar müssen erst Leichen auf der Straße liegen, bis einige Bundesländer aufwachen und ihrer Verantwortung gerecht werden", sagte er dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Bisher gebe es in den meisten Ländern keinerlei verbindliche Hygienevorgaben für Kliniken. In zahlreichen Häusern würden einfachste Regeln missachtet. Deshalb fordere die SPD-Bundestagsfraktion eine bundesweit verbindliche Hygieneverordnung für alle Kliniken.

Die Bundesärztekammer forderte mehr Hygiene-Spezialisten an Krankenhäusern. "Es ist richtig, dass die Krankenhäuser Hygiene-Fachkräfte einstellen müssen, die immer Schwachstellen bei der Hygiene auf der Spur sind", erklärte Vizepräsident Frank Ulrich Montgomery der "Thüringer Allgemeine". "Es gibt ständig neue Analysemethoden, aber auch neue Technik, die unter die Lupe genommen werden muss."

Quelle: dpa/AFP/rts