Zu Tode behandeltÄrzte praktizieren weiter
Im nordrhein-westfälischen Krankenhaus Wegberg wurden monatelang Patienten falsch behandelt, sechs starben. Patienten wurden falsch oder unnötig operiert, Organe ohne medizinische Notwendigkeit entnommen. Trotz der Ermittlungen läuft der Betrieb weiter.
Monatelang wurden mindestens 19 Menschen falsch behandelt, sechs von ihnen starben. Doch der Betrieb im nordrhein-westfälischen Krankenhaus Wegberg bei Heinsberg läuft ohne Einschränkung weiter. Eine Schließung des Hauses sei nicht im Gespräch, sagte eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums. Das Ministerium werde mit dem Krankenhaus über die "Zukunftsperspektiven" sprechen.
Die unter Verdacht der Tatbeteiligung stehenden zehn Ärzte dürfen vorerst weiter praktizieren. Die Bezirksregierung Köln wird nach eigenen Angaben den Entzug der Approbationen prüfen. Dem Chefarzt war bereits vor mehreren Monaten die ärztliche Zulassung entzogen worden. Er ist aber weiter als Geschäftsführer der Klinik tätig. Am Dienstag hatte die Staatsanwaltschaft Mönchengladbach Einzelheiten des Skandals mitgeteilt.
Die Ärztekammer Nordrhein schließt ähnliche, bisher unentdeckte Fälle aus. "Die Umstände sind schockierend. In diesem Extrem ist das sicher ein Einzelfall", sagte der Kammer-Justiziar Dirk Schulenburg. Eine zentrale Frage sei, warum die mutmaßlichen Mitwisser unter den Ärzten geschwiegen haben. Gegen den 51-jährigen Chef des Krankenhauses wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt.
Die Staatsanwaltschaft erließ keinen Haftbefehl gegen ihn. Es bestehe weder Flucht- noch Verdunkelungsgefahr, begründete das ein Behördensprecher. Gegen zehn weitere Ärzte wird wegen Verdachts der Tatbeteiligung beziehungsweise unterlassener Hilfeleistung ermittelt. Das kleine Krankenhaus hat knapp 100 Betten und beschäftigt etwa zwölf Ärzte.
Nach einem von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebenen Gutachten wurden Patienten falsch oder unnötig operiert. Organe sollen ohne medizinische Notwendigkeit entnommen worden sein. Einigen Patienten wurde laut Gutachten einfach gepresster und nicht steriler Zitronensaft in Wunden oder in den geöffneten Bauchraum gegeben. Die Ermittlungen waren nach einer anonymen Anzeige ins Rollen gekommen. Bei einer Hausdurchsuchung in dem Krankenhaus hatte die Staatsanwaltschaft Patientenakten sichergestellt. Noch im März waren die Ermittler von zwei Todesfällen nach schweren Behandlungsfehlern ausgegangen. Bei einer 78-jährigen Frau soll laut Gutachten die Darmnaht undicht gewesen sein. Bei einem 69-jährigen Mann soll mangelnde Hygiene tödliche Folgen gehabt haben. Nach der Vernehmung von Pflegern, Angehörigen und Patienten hatte die Staatsanwaltschaft im April mit der Untersuchung von 25 Patienten-Fällen begonnen.
Die Ärzte hätten wahrscheinlich aus Angst vor beruflichen Nachteilen geschwiegen, vermutete der Ärztekammer-Justiziar. Die Betroffenen seien überwiegend junge Ärzte, die von dem Chefarzt abhängig seien, etwa wenn es um Zeugnisse gehe. Das Verhalten habe zum einen etwas mit der ausgeprägten Hierarchie im Krankenhaus zu tun. "Das betrifft auch die ärztliche Aus- und Weiterbildung, wie Leute sozialisiert werden im ärztlichen Beruf. Da ist Kritik eben nicht unbedingt erwünscht."
Nach Abschluss des Strafverfahrens will die Ärztekammer Akteneinsicht nehmen, um die Motivlage der zehn Ärzte zu prüfen. Die Kammer wolle verhindern, dass sich so etwas wiederholt. "Wir wollen Ärzte ermutigen, sofort den Mund aufzumachen. Sie dürfen unter keinen Umständen Karrierenachteile haben."
Die Krankenkassen haben nach Einschätzung der AOK keine Möglichkeit, mit Konsequenzen auf den Krankenhaus-Skandal zu reagieren. Das Krankenhaus habe einen Versorgungsauftrag für Innere Medizin und Chirurgie, sagte die Sprecherin der AOK Rheinland/Hamburg, Ellen von Itter. "Für jeden Patienten, der in das Krankenhaus geht und behandelt wird, zahlen wir die Rechnung. Wir können keine Entscheidung treffen, ob wir weiterzahlen wollen." Die Kassen hätten keine andere Wahl.