9/11-"Opfer" logAlles nur erfunden
Die Geschichte war herzzerreißend. Eine junge Frau im Südturm des World Trade Centers überlebt den 11. September 2001, während ihr Verlobter im Nordturm ums Leben kommt.
Die Geschichte war herzzerreißend. Eine junge Frau im Südturm des World Trade Centers in New York überlebt schwer verletzt die Terrorattacken vom 11. September 2001, während ihr Verlobter im Nordturm bei dem Inferno ums Leben kommt. Tania Head hat diese Geschichte immer und immer wieder erzählt, jahrelang. Sie hat andere Opfer damit getröstet. Sie hat als Fremdenführerin am Ground Zero zahllosen Touristen das Unfassbare fassbar gemacht. Und sie hat als Präsidentin des angesehenen "Netzwerks der Überlebenden" (World Trade Center Survivors' Network) mit ihrem Schicksal um Spenden geworben. Jetzt stellt sich heraus, dass höchstwahrscheinlich alles ein Lügengespinst war. "Wir fühlen uns verletzt und betrogen - und traurig", sagt Richard Zimbler, Heads Nachfolger an der Spitze des Vereins.
Die "New York Times" hat in einer langwierigen Puzzlearbeit herausgefunden, dass die Teile dieser ergreifenden Geschichte nicht zusammenpassen. Die Familie des angeblichen Verlobten weiß nichts von einer Tania Head. Die Bank Merrill Lynch, bei der sie gearbeitet haben will, hatte sie nie auf der Gehaltsliste. Und die Universitäten Harvard und Stanford, von denen ihre Abschlüsse stammen sollen, kennen den Namen nicht. Sie selbst scheint sich für alle Nachfragen von Medien wie in Luft aufgelöst zu haben. Und auch ihre Anwältin gibt keine Auskunft. Nur der "New York Times" sagte Head bei einem Telefonat vergangene Woche knapp: "Ich habe nichts Illegales getan."
Das "Netzwerk der Überlebenden" hat die Präsidentin inzwischen fristlos entlassen. Dabei war die untersetzte, pummelige Frau lange Zeit das Aushängeschild des Vereins. Sie gab an, eine hochgebildete, weitgereiste Diplomatentochter zu sein, die unter anderem 2004 den Tsunami-Opfern in Asien und den "Katrina"-Hurrikanopfern in Louisiana vor Ort geholfen habe. Ganz gleich, was davon stimmt oder nicht, um Geld schien es der ehrenamtlich arbeitenden Frau nie zu gehen.
Ihre Erlebnisse vom 11. September schilderte sie vor Kollegen, Reportern und den Touristen am Unglücksort bis ins Detail: Wie sie an jenem strahlend blauen Spätsommertag den Aufprall der United-Airlines-Maschine im 78. Stockwerk des Südturms unmittelbar miterlebte. Wie ein junger Mann, der später selbst ums Leben kam, die Flammen an ihren Kleidern ausschlug und sie so rettete. Und wie sie nach fünf Tagen im Krankenhaus aus dem Koma erwachte - nur um zu erfahren, dass ihr Verlobter Dave im Nordturm gestorben war.
"Was ich dort erlebt habe, werde ich nie vergessen", sagte sie einmal. "Es gab viel Tod und Zerstörung, aber es gab auch Hoffnung." Besonders anrührend war die Schilderung, wie ein sterbender Mann ihr in all dem Chaos des zerstörten Turms seinen Ehering anvertraute - mit der Bitte, ihn seiner Frau zurückzugeben. Niemand kam auf die Idee, dass Tania Heads Geschichte vielleicht zu gut war, um wahr zu sein.
Auch die Reporter der "New York Times" wurden erst hellhörig, als die sonst so auskunftsfreudige Präsidentin drei Mal hintereinander einen Interview-Termin mit ihnen platzen ließ. Nach und nach stießen sie auf immer mehr Ungereimtheiten. Einmal war der Tote aus dem Nordturm ein Verlobter, ein andermal der Ehemann. Erst ganz am Schluss soll Head laut "New York Times" einer Sozialarbeiterin gegenüber zugegeben haben, Dave sei nur eine "Fantasie".
Auch die Geschichte ihrer Rettung ist nicht belegt. Tatsächlich hat der 24-jährige Aktienhändler Welles Remy Crowther unter Hingabe seines Lebens mehrere Menschen im Südturm gerettet. Ob aber Head - wie angegeben - dazugehörte und ob die Narben an ihren Armen wirklich aus dem Inferno vom 11. September stammen? "Sie hat über solche Einzelheiten nicht gesprochen, und wir wollten nicht fragen", sagte Crowthers Mutter Alison den Reportern. "Ich hatte das Gefühl, das ist zu intim und schmerzlich für sie."
Von Nada Weigelt, dpa