Panorama

Mit Spaß und RespektAlzheimer-Kranke in Thailand

06.05.2008, 15:59 Uhr

Thailand wird bei Senioren als Altersruhesitz immer populärer. Die Zahl der registrierten Deutschen im Nordwesten um Chiang Mai ist innerhalb von acht Jahren von 600 auf 1000 gestiegen. Ein Schweizer Sozialarbeiter betreut mit seinen 30 Mitarbeitern demenzkranke Gäste, deren Familien zu Hause keine adäquate Betreuung gefunden haben.

Manfred Schlaupitz singt gerne. "Wenn die Elisabeth ...", flötet seine Betreuerin Nui in eine zum Mikrofon gedrehte Zeitschrift, "... nicht so schöne Beine hätt ...", singt Schlaupitz (71) sofort hinterher. Wenn er besonders gut drauf ist, schlägt er auf dem Tisch auch den Takt dazu und lacht. Seine Frau Hilde lacht mit. "So entspannt wie hier ist mein Mann, seit er krank ist, zu Hause nie gewesen", sagt sie. Der weit gereiste frühere Daimler-Benz-Ingenieur hat Alzheimer. Er lebt seit eineinhalb Jahren in Nordthailand, in einer Schweizer Einrichtung für Menschen mit Demenz.

Thailand wird bei Senioren als Altersruhesitz immer populärer. Die Zahl der registrierten Deutschen im Nordwesten um Chiang Mai ist innerhalb von acht Jahren von 600 auf 1000 gestiegen. Es gibt schon Seniorenresidenzen mit allem Komfort, selbst eine eigens für schwule Senioren. Der Online-Dienst Thai-Ticker hat jede Menge Tipps für Übersiedler, darunter zum Beispiel, wer deutsches Brot frei Haus liefert, und wo es Haftcreme für die dritten Zähne zu kaufen gibt.

Manche Deutsche gehen auf eigene Faust nach Thailand, weil sie hoffen, mit einer deutschen Minirente dort größere Sprünge machen zu können. Das geht oft ins Auge. Wer krank wird, gerät mangels Krankenkasse schnell in eine Notlage. Der deutsche Botschafter hat einen "Hilfsverein Thailand" gegründet, um Bedürftigen aus der Patsche zu helfen. "Schätzungsweise 20.000 Deutsche haben sich auf Dauer in Thailand niedergelassen - darunter eine rasch zunehmende Zahl von Senioren und Rentnern", informiert der Verein.

Über Betreuungsangebote entsetzt

Was der Schweizer Sozialarbeiter Martin Woodtli anbietet, ist allerdings speziell. Er betreut mit seinen 30 Mitarbeitern demenzkranke Gäste, deren Familien zu Hause keine adäquate Betreuung gefunden haben. Zu seiner Einrichtung in Faham bei Chiang Mai gehören sechs Häuser, in dem seine neun Langzeitgäste - Woodtli spricht nie von Patienten - wohnen. "In Europa ist die Diagnose "Alzheimer" wie ein Stempel: Dieser Mensch ist krank. Hier gehen die Menschen viel unbefangener mit Leuten um, die "anders" sind", sagt er.

Ehepaar Schlaupitz wohnt seit 30 Jahren in der norwegischen Heimat der Ehefrau. Die Demenz ihres Mannes begann, als er 63 war. Über die Betreuungsangebote für Alzheimer-Patienten war sie entsetzt. "Das Pflegeheim war grausam, kaum Personal", sagt sie. "Wir haben in Norwegen zwar viel Geld, aber kein Herz." Das "Baan Kamlangchay" bei Chiang Mai in Nordwestthailand war für sie die Rettung.

Ihr Mann lebt dort mit einem anderen Gast in einem normalen Wohnhaus. Er wird rund um die Uhr von drei Frauen betreut, die nur für ihn da sind. Die haben alle Zeit der Welt: wenn das Frühstück eine Stunde dauert - kein Problem. "In Norwegen hieß es nach zehn Minuten: Schluss, sie haben wohl keinen Hunger heute", sagt Hilde Schlaupitz. Nach Ansicht Woodtlis sind Unterernährung und Stürze die größten Gefahren in europäischen Heimen. In Baan Kamlangchay nicht: Wenn nachts einer aufsteht, ist das kein Problem. Die Nachtbetreuerin schläft im gleichen Zimmer und ist immer gleich zur Stelle.

Keine Berührungsängste

Betreuerin Nui hat entdeckt, dass Schlaupitz manchmal noch über die Musik zu erreichen ist. Das Weihnachtslied Jingle Bells flötet er gerne, dann meist mit Nui im Duett. Zählen ist auch gut, bis 30 kommt Schlaupitz immer noch, und das kann auch die Betreuerin auf Deutsch. Stundenlang spielen sie das Zahlenspiel. Manchmal wird der körperlich rüstige Mann auch unruhig. Dann steht er alle paar Sekunden auf und setzt sich auf einen anderen Stuhl. Schuhe an, Schuhe aus. Nui macht alles mit und weicht nicht von seiner Seite. Wenn Schlaupitz vor der Terrasse wieder das Moped entdeckt und sich aufschwingt, nimmt Nui hinter ihm Platz, als sollte es auf Spritztour gehen. Das reicht für Schlaupitz schon, zufrieden steigt er ab.

"Natürlich spielen die Betreuungskosten eine Rolle", sagt Woodtli. Ein Platz im Heim in der Schweiz koste leicht 8000 Franken - 5000 Euro -, hier komme man dank niedrigerer Löhne und Lebenshaltungskosten mit weniger als der Hälfte aus. Viel wichtiger erscheint ihm aber die Einstellung der Thais zu alten Menschen. "Thailänder haben ein großes Einfühlungsvermögen", sagt Woodtli. "Für sie ist es eine begnadete Aufgabe, sich um die Älteren zu kümmern." Berührungsängste mit alten Menschen, wie viele in Europa, haben sie nicht. Sie bieten Massagen, Gesichts- und Fußpflege spontan an.

Die Wohnhäuser sind im Ort verstreut und je nach Geschmack der Bewohner eingerichtet. Ein Gast hat im Wohnzimmer eine Kuckucksuhr aufgehängt und Fotos von Kindern und Enkelkindern. Auf dem Tisch liegt ein Spitzendeckchen, daneben eine drei Monate alte Schweizer Zeitung. Der Mann ist über 80 und braucht viel Zeit für alles. Sein Betreuer Art hat die Ruhe weg. Beim Mittagessen, das die Gäste zusammen im Haupthaus auf der Terrasse einnehmen, redet er ruhig auf den Alten ein, der mit seiner Gabel im Essen herumstochert. Immer wieder schiebt er ihm behutsam einen Löffel in den Mund. Art hält die suchende Hand des Mannes fest, streichelt ihn und summt beruhigend vor sich hin. Es dauert eine Stunde, bis der Teller leer ist.

Mit der demenzkranken Mutter nach Thailand

Art kennt alle wichtigen Begriffe auf Schweizerdeutsch. "Bei schwer Demenzkranken kommt es aber auf die Sprache nicht mehr so an", sagt Woodtli. "Hier läuft vieles über die nonverbale Kommunikation." Die Erfahrungen hat Woodtli mit seiner eigenen demenzkranken Mutter gemacht, die er zunächst in der Schweiz betreute. "Zu Hause ging es nicht mehr, aber die Heime waren völlig unzumutbar", sagt er. Weil er Thailand von früheren Arbeitseinsätzen kannte, wanderte er 2002 mit seiner Mutter aus. "Sie blühte hier richtig auf", sagt Woodtli. Die Erfahrung brachte ihn auf die Geschäftsidee, Ferien und Langzeitaufenthalte für Menschen mit Demenz anzubieten. Entwurzelt fühlen sich seine Gäste nicht, ist Woodtli überzeugt. "Sie übertragen ihre Erinnerungen einfach her", sagt er. "Meine Mutter zeigte später beispielsweise immer auf ein Haus im Dorf und sagte, dort sei sie zur Schule gegangen."

Die Gäste kommen morgens, mittags und abends zu Fuß oder im Rollstuhl mit den Betreuern zu den Mahlzeiten ins Haupthaus und sind im Dorf bekannt. Wenn Richard Dankert unterwegs neugierig in die Autowerkstatt schauen will, ist das kein Problem. Die Einheimischen begrüßen die Besucher freundlich. Kinder spielen auf der Straße, und oft genug auch mit den Gästen. Woodtlis Nachbar fährt eins der hier üblichen Sammeltaxis - einen Kleinlaster mit überdachter Ladefläche und Sitzbänken. "Manchmal packen wir alle, die Lust haben rein, samt Rollstuhl, und machen Ausflüge", sagt Hilde Schlaupitz.

Sie war gerade vier Wochen bei ihrem Mann zu Besuch. Viele Angehörige kommen zwei-, dreimal im Jahr her. In den Wohnhäusern sind überall auch Zimmer für Besucher eingerichtet. So können Ehepartner und Kinder ganz nahe sein. Wer will, kann dort während der Urlaubszeit auch die Fürsorge für den Dauergast übernehmen. Oder die Pflege der Baan Kamlangchay-Mitarbeiter weiter in Anspruch nehmen.

Böse Kommentare in der Heimat

Zu Hause hat Hilde Schlaupitz mit skeptischen bis bösen Kommentaren eine Weile gekämpft, jetzt nicht mehr. "Die Leute sagen es nicht so, aber man sieht das Missfallen." Ärzte warnten sie vor dem Unterfangen, das Klima, die Umstellung, schon der Flug seien unzumutbar für ihren Mann, meinten sie. Der unausgesprochene Vorwurf von Freunden und Verwandten, sie habe ihren Mann abgeschoben, tat zunächst weh. Dann nahm sie ihre beste Freundin einmal zu Besuch nach Chiang Mai mit. Die Freundin war begeistert. "Wenn ich meinen Mann hier erlebe und die liebevolle Betreuung sehe, bin ich 100-prozentig sicher, dass es das Beste für ihn ist. Da macht mir Gerede nichts mehr aus", sagt Hilde. "Hier hat Manfred seine Freiheit und Würde."

Der frühere Schweizer Hotelier Paul Rathgeb (68) ist depressiv und manchmal durcheinander. Wenn es ihm gut geht, scherzt er gerne mit seiner jungen Betreuerin herum. Rathgeb sitzt auf seiner Terrasse und liest gerade Hermann Hesse: "Worte eines Zauberers". "Mir geht es richtig gut hier", sagt er. "Ich mache ja keine großen Sprünge mehr." Nur eins vermisst er allerdings, verrät er: "Schweizer Speckrösti."

Von Christiane Oelrich, dpa