Berlin-Touristen rümpfen die NaseAm schicken Kudamm stinkts
Am Kurfürstendamm stinkts vor Luxusboutiquen und Steakhäusern aus den Abwasserkanälen nach faulen Eiern. Ursachen sind fehlender Regen und sinkender Wasserverbrauch.
Wer an den Kurfürstendamm kommt, rümpft selten die Nase. Doch dieser Tage zückt so mancher Berlin-Tourist ein Taschentuch und hält es sich vors Gesicht - es stinkt zwischen Luxusboutiquen und Steakhäusern. Schuld sind die Abwasserkanäle, aus denen Dämpfe mit Schwefelwasserstoff hochsteigen. Der typische Gestank fauler Eier weht über den Platz. "Bleibt der Regen aus, fließt das Wasser zu langsam durch die Kanäle. An Orten mit viel Gastronomie verklumpt das Fett im Kanal und fängt an zu faulen", sagt Stephan Natz, Sprecher der Berliner Wasserbetriebe.
Das Unternehmen sagt dem Gestank in den Sommermonaten regelmäßig den Kampf an. Die Wasserbetriebe haben ein "Stinke-Kataster" angelegt, wie Natz berichtet. Der Kurfürstendamm steht darauf, auch der Gendarmenmarkt, der Winterfeldtplatz im Stadtteil Schöneberg und rund hundert weitere Orte in der Hauptstadt, die Gefahr für die Nase bedeuten können. Ein eigens für dieses Problem abgestellter Mitarbeiter koordiniert die Geruchsbekämpfung.
"Wasserverbrauch um die Hälfte gesunken"
Neben dem fehlenden Regen ist der gesunkene Wasserverbrauch verantwortlich für den schleppenden Abtransport von Abwässern, Essensresten und noch weniger appetitlichem Kanalunrat. "In den letzten zwanzig Jahren ist der Wasserverbrauch in Berlin um die Hälfte gesunken", sagt Natz. Das Industriesterben sieht er als Hauptfaktor, aber auch die Modernisierung der Haushaltsgeräte und strengere Umweltauflagen für Produktionsbetriebe haben dazu beigetragen. In den älteren Teilen der Stadt gibt es zudem eine sogenannte Mischkanalisation, das heißt, nur einen Kanal für Schmutzwasser und für Regenwasser. Auch dies sei eine Ursache, warum der Dreck in den trockenen Sommermonaten in den Rohren liegen bleibt.
Als Gegenmittel schicken die Wasserbetriebe ihre rund zwanzig Hochdruck-Spül- und Saugewagen durch die Straßen. "Sie donnern Wasser in die Kanäle und saugen es gemeinsam mit dem Dreck wieder ab", berichtet Natz.
Außerdem haben die Wasserbetriebe sechs Ingenieure kurzzeitig engagiert, die in den betroffenen Unternehmen über die Problematik informieren. "Es gibt rund 23.000 gastronomische und lebensmittelverarbeitende Betriebe", sagt Natz - vom der Dönerfleischfabrik bis zum Luxushotel -, die besonders viel Abfall in die Leitungen absondern. Fettabscheidegeräte können hier helfen, die das Fett sammeln und einer getrennten Entsorgung zuführen.
Duftsteine für frische Luft
Eine eher kurzfristige Maßnahme, die aber schnell für Erleichterung sorgt, sind sogenannte Kanaldeos. Die Wasserbetriebe lassen Duftgelplatten an Drähten in die Kanalschächte herunter. Gleich einem WC-Duftstein verströmen sie frische Luft. "Das hilft aber nur vorübergehend", räumt Natz.
Um das Problem der sommerlicher Geruchsbelästigung grundsätzlich in den Griff zu bekommen, haben die Wasserbetriebe ein Forschungsprojekt ins Leben gerufen, in dem sie Fäulnisdämpfe und Korrosion untersuchen. Der Schwefelwasserstoff riecht nämlich nicht nur unangenehm. Wird die Entwicklung von Schwefelwasserstoff nicht rechtzeitig beseitigt, kann sie sich in Schwefelsäure verwandeln, die die Rohre angreift und beschädigt.
Die Wasserbetriebe gehen davon aus, dass der Wasserverbrauch in der Hauptstadt jährlich weiter um ein bis zwei Millionen Kubikmeter sinken wird. Aus diesem Grund rechnet Natz nicht damit, dass der Gestank schnell aus der Welt zu schaffen ist. "Nicht nur Berlin hat damit zu tun, auch andere deutsche Städte kennen das Phänomen", sagt er. In heißen, trockenen Sommern wie diesem sind Taschentücher nicht nur zum Schweißabtupfen durchaus sinnvoll.