Vermutlich über 50.000 ToteAngst vor Dammbrüchen
In China sind bei dem schweren Erdbeben möglicherweise mehr als 50.000 Menschen ums Leben gekommen. Im Katastrophengebiet wächst die Angst vor Dammbrüchen und Chemieunfällen.
In China sind bei dem schweren Erdbeben möglicherweise mehr als 50.000 Menschen ums Leben gekommen. Offiziell wurden mindestens 20.000 Tote gezählt. Allein in Sichuan seien 19.500 Menschen bei dem verheerenden Beben der Stärke 7,9 zu Tode gekommen, berichtet die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua unter Berufung auf die Provinzregierung. Mehrere hundert Tote habe es auch in den Nachbarregionen gegeben. Alles in allen müsse mit mehr als 50.000 Todesopfern gerechnet werden. Rund 65.000 Menschen sind verletzt.
Etwa 130.000 Soldaten und Angehörige paramilitärischer Einheiten suchten in den Trümmern Dutzender zerstörter Städte nach Verschütteten. Doch schwand drei Tage nach der Naturkatastrophe die Hoffnung, viele der 25.000 Vermissten retten zu können.
Kollektive Verzweiflung
Die Führung der kommunistischen Partei rief angesichts von Gerüchten über Chemieunfälle und der Angst vor Dammbrüchen die Funktionäre dazu auf, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten. Sorgen bereiteten den Behörden auch Szenen kollektiver Verzweiflung und ein Anschwellen der Obdachlosenzahlen auf mehrere Zehntausend Menschen. "Wir hatten die letzten Tage nur Mineralwasser, aber nichts zu kochen", klagte ein Lehrer.
Mehr als 12,5 Tonnen Hilfsgüter wurden auf dem Luftweg nach Sichuan gebracht. Unzählige Hubschrauber flogen Helfer und Güter ein. Nach Angaben des Außenministeriums werden vor allem Decken, Zelte, Lebensmittel, Satellitentelefone, Medikamente und Bagger gebraucht. Ein Vizeminister aus dem Gesundheitsministerium ergänzte, benötigt würden auch Verbandsmittel, Schienen sowie Dialysegeräte.
Seuchengefahr wächst
In einigen Ortschaften der besonders schwer getroffenen Region klagten Bewohner über fehlendes Essen. Sie seien außerdem gezwungen, verseuchtes Wasser zu trinken. Viele Menschen verbrachten die Nacht in Notunterkünften, wo fehlendes Wasser und blockierte Toiletten die Angst vor Seuchen aufkommen ließ. Nach Angaben der Regierung sind bisher aber keine Epidemien aufgetreten.
Zusätzliche Gefahren kamen von beschädigten Staudämmen. Der Minister für Wasserwirtschaft, Chen Lei, nannte die Schäden gravierend. Die davon ausgehenden Gefahren könnten nicht abgeschätzt werden. Das Ausmaß der Schäden sei auch deshalb unklar, weil es Probleme in der Leitung der Wasserkraftwerke gebe und Informationskanäle blockiert seien, sagte Chen am Mittwoch vor Funktionären.
Ministerpräsident Wen Jiabao, der die Rettungsarbeiten in Sichuan leitet, machte sich auf den Weg in die Region Qingchuan, wo Erdrutsche zwei Flüsse blockieren. In dem Gebiet befindet sich auch die wichtigste Forschungseinrichtung für Atomwaffen in Mianyang. Das Unternehmen China Nuclear Engineering and Construction Corp berichtete, einige seiner Einrichtungen in Sichuan seien beschädigt worden. Ein Austritt von Radioaktivität wurde jedoch nicht erwähnt.
Deutscher Journalist festgenommen
Der deutsche Journalist Henrik Bork von der "Süddeutschen Zeitung" wurde indes vorübergehend festgenommen. "Die Militärs sagen, sie könnten meine Sicherheit nicht gewährleisten, obwohl 20 andere chinesische Journalisten hier auf den Trümmern der Häuser herumklettern." Erst nach längeren Diskussionen konnte Bork seine Arbeit - begleitet von zwei Soldaten - zumindest eingeschränkt fortsetzen und Verletzte sprechen. Zu Berichten über einen getöteten Deutschen sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amts in Berlin, sein Tod stehe nicht in einem Zusammenhang mit dem Beben.
Das Erdbeben war mit einer Stärke von 7,8 das folgenschwerste seit 32 Jahren. 1976 waren bei einem Beben in der nordostchinesischen Stadt Tangshan unweit von Peking 242.000 Menschen ums Leben gekommen.