Sagenreiche TanzkunstBallett in Kambodscha blüht
Als die Roten Khmer 1975 das Land überrannten, metzelten sie fast jeden nieder, der nicht Bauer war. Das Wissen um die sagenreichen kambodschanischen Tänze ging in den Massengräbern fast mit unter.
Die elegante Dame hat unglaublich zierliche Hände, und lange, schmale Füße - alles biegsam bis zum Gehtnichtmehr. Die Finger klappt sie mühelos nach hinten bis auf den Unterarm, die Zehen im rechten Winkel nach oben. Da steckt Jahrzehnte langes Training hinter, und Hingabe. Die Kambodschanerin Vong Metry ist seit ihrem fünften Lebensjahr klassische Tänzerin - ein Beruf, der in den 70er Jahren ein Todesurteil war. Die Roten Khmer, die das Land 1975 überrannten, metzelten fast jeden nieder, der nicht Bauer war. Das jahrhundertealte Wissen um die sagenreichen Tänze ging in den Massengräbern fast mit unter. Vong Metry war eine der wenigen Überlebenden. Heute hilft sie dem kambodschanischen Tanz in der Apsara Dance Association in Phnom Penh zu neuer Blüte.
Vong Metry gehörte damals zur Tanzelite. Sie lernte und tanzte in den 60er Jahren im Königlichen Palast. "Für die Roten Khmer war unsere Begabung schöngeistige Verschwendung", berichtet die 56-Jährige über die Schreckensherrschaft der Steinzeitkommunisten, die in ihrer Heimat in vier Jahren zwei Millionen Menschen, ein Viertel der Bevölkerung, ausrotteten. "Als sie 1975 in Phnom Penh einmarschierten, vertrieben sie uns sofort aus dem Palast und wir sind um unser Leben gerannt."
Keine Zeit für Trauer
Vong Metry war hochschwanger und verlor ihr Kind nach dem Gewaltmarsch in die Provinz. Für Trauer war keine Zeit. "Ich musste arbeiten wie ein Pferd", sagt sie, und ringt in Erinnerung daran die schlanken Hände. Sie gab sich als Bäuerin aus - Felder beackern, Unkraut jäten, pflanzen, melken. Üben, auch heimlich, kam nicht in Frage. "Es gab ja überall Spione der Roten Khmer", sagt sie. Dann setzt sie sich kerzengerade auf und pocht sich bestimmt auf die Brust. "Ich habe die Musik und den Tanz nur hier im Herzen getragen."
Der klassische kambodschanische Tanz wird auch Apsara genannt, nach den nymphenähnlichen Schönheiten, die nach der Überlieferung in den Palästen der Götter tanzten und auf den fast 900 Jahre alten Tempeln in Angkor Wat in Kambodscha zu Tausenden in Reliefs verewigt sind. So eine Nymphe will auch die siebenjährige Srilang werden, die in der Tanzschule zu Vong Metrys Lieblingsschülerinnen gehört.
Die Kleine kniet artig und sitzt auf ihren Hacken, die Füße nur auf die Zehen gestützt, die Fußsohlen senkrecht und kerzengerade. Vong Metry sitzt hinter ihr und führt ihre Arme in den typischen anmutigen Bewegungen. "Mehr Spannung", sagt sie der Kleinen immer wieder ins Ohr und klopft auf die Oberschenkel. Allein mit dem Muskelspiel kreieren die besten Tänzerinnen später in dieser Haltung eine subtile Wiegebewegung. "Srilang hat viel Talent", sagt Vong Metry. "Sie begreift schnell, behält viel und arbeitet hart - wenn sie noch fünf, sechs Jahre lernt, kann sie richtig gut werden."
Finger wie Blütenblätter
Den alten klassischen Tanz füllt auch Choreographin Sophiline Cheam Shapiro in Phnom Penh mit neuem Leben. Eine halbe Stunde außerhalb von Phnom Penh bietet sie mit ihrem Ensemble auf einer Freilichtbühne unter fünf meterhohen Gesichtstürmen im Stil der Angkor-Tempel Ballett vom Feinsten. Die Tänzerinnen tragen glanzvolle goldene Kostüme und den typischen aufwendigen Kopfschmuck. Sie bewegen sich darin bedächtig und gleichzeitig leicht wie Federn über den Boden - ein Augenschmaus. Allein mit ihren ausdrucksstarken Händen, die Finger wie Blütenblätter grazil und für Ungeübte im unglaublichen Bogen nach hinten geneigt, hypnotisieren die nymphengleichen Tänzerinnen die Zuschauer.
Cheam Shapiro hat unter anderem die Zauberflöte von Mozart im klassisch kambodschanischen Stil kreiert. Zu den Klängen eines kleinen Musikensembles mit Xylofonen, Trommeln, Oboen und Gongschlägen wird die Königin der Nacht zu Sayon Reachny, Prinz Tamino zu Preah Chhapoun und Papageno zu Noreak. Ansonsten entfaltet sich die Liebesgeschichte nach bewährtem Muster.
Cheam braust auf, wenn Puristen darin Verrat an der Klassik sehen. "Der kambodschanische Tanz ist wie eine Mutter, die viele Kinder hat", sagt sie. "Wir können das traditionelle Repertoire pflegen, neue Tänze im klassischen Stil erarbeiten und mit zeitgenössischen Stücken experimentieren." Sie hat mit ihrem amerikanischen Mann das Khmer Arts-Institut gegründet. Damit wollen sie das noch vorhandene Repertoire erforschen und archivieren. "Wir wissen natürlich nicht, wie viel verloren gegangen ist", sagt Cheam Saphiro.