Haiti nach dem ErdbebenBesseres Leben bleibt ein Traum
Der Alltag in Haiti scheint sich zu normalisieren, aber das Elend hält an. Noch immer leben Tausende Menschen in Zelten, bedroht von der beginnenden Regenzeit.
Drei Monate nach dem großen Erdbeben geht es in Haiti nicht mehr um Nothilfe. Das Leben in dem Katastrophengebiet in und um die haitianische Hauptstadt Port-au- Prince hat sich auf einem sehr bescheidenen Niveau normalisiert. Die internationale Gemeinschaft hat versprochen, Haiti fast zehn Milliarden Dollar für den Wiederaufbau zur Verfügung zu stellen. Hunderte von internationalen Hilfsorganisationen sind auf der Insel und bieten ihre Projekte an, die dem ärmsten Land Amerikas aus dem Elend helfen sollen.
Doch ein besseres Leben ist für die meisten Haitianer nur ein Traum. 800 Obdachlosenlager entstanden nach dem 12. Januar, als das Erdbeben mehr als 222.000 Menschen tötete, Hunderttausende verletzte, über 600.000 Einwohner zur Flucht in die Provinzen zwang und Tausende von Gebäuden zum Einsturz brachte. Die größten Schäden gab es im Großraum der Hauptstadt, in den Städten Leogane, Petit Goave und auch an der Südküste in der Hafenstadt Jacqmel. Das Wegräumen der Trümmer ist seit langem im Gang. Und obwohl sich rund um die Städte immer mehr Trümmerberge häufen, sind in den Zentren immer noch die meisten zerstörten Häuser und Gebäude nicht angetastet. Unter den Ruinen liegen weiterhin ungezählte verschüttete Leichen.
In Jacqmel sitzt Tomas Oriental jeden Tag vor seinem Maskenladen an der Strandstraße. "Ich muss offen gestehen, wenn ich schlafen gehe, trinke ich. Wenn ich in der Nacht aufwache, trinke ich", erzählt er. "Ich gestehe: Ich trinke." Am 12. Januar hat er seine Mutter aus den Trümmern ihres Hauses gezogen. Retten konnte er sie nicht. Sie starb wenig später. Und Oriental verlor noch zwei weitere Familienmitglieder durch das Beben. Sein Laden ist ein Provisorium: Eine Wand wird derzeit durch ans Dach angelehnte Bretter ersetzt. Sie war eingestürzt. Verkauft hat der Künstler und Geschäftsmann seither fast nichts. Da der Karneval dieses Jahr ausfiel, brauchte auch niemand seine Masken, die er seit Monaten hergestellt hatte.
Menschen flüchten in den Norden
Weit oben im Norden von Haiti haben die Menschen nur wenig unmittelbar vom Beben mitbekommen. Auch hier wurden Obdachlosenlager errichtet, doch nicht für die Einheimischen, sondern für die Flüchtlinge, die aus der Katastrophenzone hierher geflohen waren. Nahe der Ortschaft Milot beobachtet der Zuckerrohrbauer Monpremier Fanel seinen Mitarbeiter, wie der mit einer Zigarette im Mund halbtrockene Zuckerrohrstangen in eine uralte Presse schiebt, um den Zuckersirup aus den Stangen zu quetschen. "Wir haben nur ein Grummeln gespürt", erinnert sich Fanel.
Die meisten Flüchtlinge sind wieder nach Port-au-Prince zurückgekehrt. "Das ist ein zusätzliches Problem für die Hauptstadt", erklärt der Chef der UN-Mission in Haiti, Edmond Mulet. Angezogen von der internationalen Hilfe kommen die Menschen nach Port-Au-Prince zurück, das nicht darauf vorbereitet ist und es wohl auch nicht sein kann. Die Lage spitzt sich zu. Zudem setzt die Regenzeit ein, und mit Beginn der Hurrikan-Saison im Frühsommer können die Wirbelstürme zu einer Bedrohung für die Zeltlager werden.
Schon jetzt setzt meist am späten Nachmittag Regen ein, der die Menschen in den Behelfsunterkünften auf den Plätzen, in den Straßen sowie auf den Freiflächen und in den Parks in Bedrängnis bringt. Rasch sollen in den USA und in einigen europäischen Ländern Fertighäuser gebaut und nach Haiti geliefert werden. "Ich glaube nicht, dass wir diese Häuser bis zum September installieren können", sagt jedoch Mulet.
Schwerverbrecher verstecken sich
Zudem wird die Sicherheitslage in den engen Lagern schwieriger. Zwar beschwichtigt Polizeichef Mario Andresol, seine 5000 Polizisten hätten alles im Griff und eine Zunahme der Gewalt sei noch nicht zu vermerken. Doch bat er die UN, ihm dabei zu helfen, feste Polizeistationen in den großen Lagern einzurichten. Zudem würden jede Woche 30 bis 40 Schwerverbrecher gefasst, die bei dem Erdbeben aus den Gefängnissen geflohen waren. "Wir haben bereits 200 festgenommen", sagt Andresol. "Die Bevölkerung hilft uns dabei."
Bei dem teilweisen Einsturz des Hauptgefängnisses in Port-au- Prince waren über 5000 Häftlinge geflohen, darunter Mörder, Entführer, Vergewaltiger. Viele von ihnen verstecken sich in den Camps, in denen oft mehrere Tausend Menschen auf engstem Raum leben müssen. "Wir wissen, dass sie weiterhin Banditen sind", sagt Mulet dazu, "das ist eine Realität".