Panorama

"Lütt Dirn"Birnbaum für 130.000 Euro

26.06.2007, 15:38 Uhr

Die erste Niederschrift des Fontane-Gedichtes "Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland" ist für 130.000 Euro unter den Hammer gekommen.

Die erste Niederschrift des Fontane-Gedichtes "Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland" ist für 130.000 Euro unter den Hammer gekommen. Auf einer Auktion des Autographenhauses J.A. Stargardt in Berlin erhielt ein deutscher Privatmann den Zuschlag.

Das dreiseitig Manuskript lässt die Entstehung des Gedichts schrittweise nachvollziehen - von den in einem Zug niedergeschriebenen ersten Zeilen über verschiedene Zwischenstufen mit vielfach korrigierten und verworfenen Strophen bis zur Endfassung.

Theodor Fontane schrieb das Gedicht 1889 im Alter von 69 Jahren. Die Urschrift wurde zuletzt 1933 in einer Auktion in Berlin angeboten; seither galt sie als verschollen. Ihr Wortlaut war bisher nicht bekannt. Geschätzt worden war die Schrift auf 30.000 Euro.

Das Gedicht

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,

Ein Birnbaum in seinem Garten stand,

Und kam die goldene Herbsteszeit

Und die Birnen leuchteten weit und breit,

Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,

Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,

Und kam in Pantinen ein Junge daher,

So rief er: "Junge, wiste 'ne Beer?"

Und kam ein Mädel, so rief er: "Lütt Dirn,

Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn."

So ging es viel Jahre, bis lobesam

Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.

Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,

Wieder lachten die Birnen weit und breit;

Da sagte von Ribbeck: "Ich scheide nun ab.

Legt mir eine Birne mit ins Grab."

Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,

Trugen von Ribbeck sie hinaus,

Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht

Sangen "Jesus meine Zuversicht",

Und die Kinder klagten, das Herze schwer:

"He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?"

So klagten die Kinder. Das war nicht recht -

Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;

Der neue freilich, der knausert und spart,

Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.

Aber der alte, vorahnend schon

Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,

Der wußte genau, was damals er tat,

Als um eine Birn' ins Grab er bat,

Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus

Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Und die Jahre gingen wohl auf und ab,

Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,

Und in der goldenen Herbsteszeit

Leuchtet's wieder weit und breit.

Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,

So flüstert's im Baume: "Wiste 'ne Beer?"

Und kommt ein Mädel, so flüstert's: "Lütt Dirn,

Kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn."

So spendet Segen noch immer die Hand

Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.