Tote Kinder von SichuanChina vertuscht Wahrheit
Bei dem verheerenden Erdbeben in Chinas Provinz Sichuan vor einem Jahr kamen Tausende Kinder ums Leben. Ihre Schulen stürzten ein, während benachbarte Gebäude den Erdstößen standhielten. Die Regierung versucht den Skandal zu vertuschen, doch ein namhafter Künstler kämpft gegen das Vergessen.
Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben in Sichuan kämpft Ai Weiwei gegen das Vergessen. Der 51 Jahre alte Künstler sammelt die Namen von getöteten Kindern. Denn viele Schulen stürzten ein, während benachbarte Gebäude den Erdstößen standhielten. "Pfusch am Bau", lautete das Urteil von Experten sofort nach dem Erdbeben, das sich erstmals jährt. Insgesamt 87.000 Menschen kamen an jenem tragischen 12. Mai 2008 ums Leben, als die Erde in der Südwestprovinz bebte. "Ich denke, es sollte alles aufgedeckt werden", sagt Ai Weiwei, der als einer der bedeutendsten Künstler Chinas gilt und das Pekinger Olympiastadion mitentworfen hat. Zwar erntete die Regierung viel Lob für ihre schnelle Reaktion auf das Beben, vertuschte aber den Skandal um die "Tofu"-Schulen, die wie weicher Sojabohnenkäse nachgaben und tausende Kinder unter Trümmern begruben.
Ai Weiwei will die Opfer aus der Anonymität holen. Seine Freiwilligen suchen die Eltern auf, tragen die Fakten zusammen. "Die lokalen Behörden behindern die Untersuchung", berichtet Ai Weiwei. "Unsere Leute werden festgenommen, verhört und abtransportiert. Unsere Bilder und Informationen werden konfisziert oder gelöscht." Dennoch haben sie schon etwa 5200 Fälle namentlich dokumentiert. Es könnten deutlich mehr werden. Durch den öffentlichen Druck sah sich die Regierung gezwungen, die Zahl von 5335 toten Schulkindern zu berichten. Doch Ai Weiwei glaubt ihr nicht: "Die Zahl ist nicht genau und basiert nicht auf einer echten Namensliste."
Künstler als öffentliches Gewissen
Wie heikel das Thema ist, zeigt die Weigerung amtlicher Stellen, eine Untersuchung einzuleiten. Denn viele Funktionäre, die früher für die Schulen verantwortlich waren, sind seither in höhere Positionen in der Provinz oder der Zentralregierung in Peking aufgestiegen. Das heute für Polizei und Staatssicherheit zuständige Mitglied im höchsten Machtorgan, dem Ständigen Ausschusses des Politbüros, Zhou Yongkang, war von 1999 bis 2002 Parteichef von Sichuan. Und eins ist allen klar: Eine Offenlegung der Korruption beim Bau der Schulen könnte so manche Karriere beenden. Eltern oder Aktivisten, die Verantwortliche benennen und die Wahrheit ans Licht bringen wollen, werden eingeschüchtert, einige sogar inhaftiert. Dabei weiß die Hälfte der Eltern nicht einmal, wo ihre Kinder begraben sind.
"Eltern, die versuchen zu verstehen, wie und warum ihre Kinder ums Leben gekommen sind, verdienen Antworten und Mitleid, nicht Drohungen und Misshandlungen", kritisierte Sophie Richardson von Human Rights Watch. Dass Ai Weiwei weltberühmt und der Sohn des großen Dichters Ai Qing ist, hat ihn vielleicht bisher vor dem Druck von oben bewahrt. Doch immer wieder wird die Liste der Namen aus seinem populären Internetblog gestrichen. Auch blockt die Zensur kritische Kommentare von Nutzern. "Offensichtlich will die Regierung nicht offen über diese Namensliste reden", sagt Ai Weiwei. "Es hat Tradition in unserem Land, der Öffentlichkeit Informationen vorzuenthalten."
Der Künstler wirkt wie ein öffentliches Gewissen. "Ich wünschte, die Regierung würde sich an Fakten und Tatsachen halten, auf der Wahrheit beharren und Fehler korrigieren", sagt Ai Weiwei. "Das sind Grundprinzipien der Kommunistischen Partei." Von wem, wann und wie Fehler begangen worden seien, müsse den Bürgern deutlich gemacht werden. Dann gebe es auch Verständnis, glaubt Ai Weiwei. "Die Verantwortlichen zu finden, wird nur das Ansehen der Regierung heben und das Vertrauen der Bürger stärken." Dass die Kritik berechtigt ist, gestand die Regierung zum Jahrestag zumindest indirekt ein, als sie ankündigte, über drei Jahre alle Schulen landesweit untersuchen und verstärken zu lassen, damit sie Erdbeben der Stärke 8 aushalten können - so stark wie vor einem Jahr in Sichuan.