Panorama

Einen Monat nach dem BebenChina vor gigantischer Aufgabe

12.06.2008, 19:23 Uhr

Mehrere Milliarden Dollar stehen für den Wiederaufbau der zerstörten, chinesischen Gebiete bereit. In der Bevölkerung wächst jedoch die Angst vor Korruption.

Einen Monat nach dem verheerenden Erdbeben steht China vor der eigentlichen Herausforderung: Dem Wiederaufbau der zerstörten Gebiete in Sichuan. Überlebende wurden gerettet, Millionen Obdachlose fanden in Notlagern Unterschlupf, der Ausbruch von Seuchen konnte verhindert werden. Nun gilt es, Häuser und Straßen wieder aufzubauen und das Kommunikationsnetz zu sanieren. Drei Jahre wird die Arbeit nach Meinung der chinesischen Behörden dauern, ausländische Experten veranschlagen die dreifache Zeit. Mehrere Milliarden Dollar stehen für die Mammutaufgabe bereit.

"Die Herausforderungen sind enorm. Sie zu stemmen, wird eine schwierige Aufgabe für die kommenden Jahre sein", sagt Juan Manuel Suarez del Toro Rivero, der Präsident der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung. Er rechnet damit, dass der Wiederaufbau zwischen fünf und zehn Jahre dauern wird.

Spendengelder fließen

Peking stellt allein in diesem Jahr zehn Milliarden Dollar (6,5 Milliarden Dollar) für den Wiederaufbau zur Verfügung, aus dem Ausland und der chinesischen Bevölkerung stehen noch einmal 6,4 Milliarden Dollar an Spenden bereit.

Angesichts dieser hohen Summen wächst die Angst vor Korruption. Zwar versichert Peking, der Umgang mit den Geldern beim Wiederaufbau werde transparent gemacht. Dennoch glauben viele nicht so recht an die Redlichkeit der damit befassten Funktionäre. "Das ist sehr unwahrscheinlich", sagt der 59-jährige Bauer He Feng. "Nicht alle in der Regierung sind korrupt", fährt er fort - "aber im Großen und Ganzen läuft das hier nun einmal so." Dabei zuckt er fatalistisch mit den Schultern.

Bestechung gefürchtet

Korruption ist ein ernsthaftes Problem in der aufstrebenden Wirtschaftsmacht. Sie zieht sich durch alle Schichten der Gesellschaft und durch alle Ebenen der Verwaltung. Erst langsam bahnt sich das Problem einen Weg in die Medien, und auch die Justiz beginnt nur zögerlich mit der Ahndung.

Ein scharfes Licht fiel auf das Problem, als bei dem Beben ungewöhnlich viele Schulgebäude einstürzten und zehntausende Schüler und Lehrer unter ihren Trümmern begruben: Aufgebrachte Eltern machten Pfusch am Bau dafür verantwortlich - viele der Schulen seien mit billigem Material und billigen Arbeitskräften hochgezogen worden, das dadurch eingesparte Geld hätten sich Behördenvertreter und Bauträger geteilt. Auch in den Medien fanden sich ungewöhnlich kritische Berichte.

Inzwischen erreichen den chinesischen Rechnungshof täglich mehr als 100 Anrufe und E-Mails, die von unterschlagenen Geldern und Versorgungsgütern in der Erdbebenregion berichten. In der Stadt Deyang wurden Regierungsbeamte dabei beobachtet, wie sie Kästen mit Milch, Keksen und Getränken in ein Geschäft schmuggelten, das ihren Verwandten gehört - der Bericht darüber im Internet hätte fast zu einem Aufstand unter den Erdbebenopfern geführt. Nach einer Umfrage des Pekinger Statistikamts vom Mittwoch befürchten 60 Prozent der Hauptstädter, die gespendet haben, dass ihr Geld veruntreut wird. Die Hälfte von ihnen fordert eine öffentliche Rechenschaft die Verwendung der Gelder.

Zukunftsangst

Die Opfer selbst belastet zurzeit aber vor allem die Sorge um die Zukunft. "Bis jetzt hat die Regierung gute Arbeit geleistet. Doch wir müssen wissen, wie es weitergeht", erzählt Geschäftsmann Bai Tao aus Hanwang. Sein Haus und damit sein kleines Bekleidungsunternehmen wurden zerstört, er selbst trägt Kleidung, die er aus den Trümmern eines anderen Hauses gezogen hat.

Andere wollen nicht tatenlos warten, bis die Regierung aktiv wird: Dai Fusheng, dessen Reisfelder durch einen Erdrutsch zerstört wurden, hat sich für einen Job in einer Fabrik in Shenzhen beworben, der ihm 400 Euro im Monat einbringt. "Es wird noch sehr lange dauern, bis sich die Situation hier wieder normalisiert", sagt er. "Ich habe aber keine Zeit zu verlieren."

Dan Martin, AFP

Quelle: ntv.de