Panorama

Sechs Monate nach dem BebenChina wartet auf Wiederaufbau

11.11.2008, 17:32 Uhr

Mehr als 85.000 Menschen wurden getötet, als am 12. Mai ein Beben China erschütterte. Ganze Dörfer und Städte wurden zerstört. Aber der Aufbau geht nur schleppend voran.

Bis zum 12. Mai war Zhu Chengjian Inhaber einer Teefabrik - bis das verheerende Erdbeben in der chinesischen Provinz Sichuan seinen ganzen Besitz in Schutt und Asche legte. Ein halbes Jahr nach der Naturkatastrophe steht er immer noch vor einem Trümmerhaufen. "Wir würden gerne alles wieder aufbauen, und zwar schnell", sagt Zhu. "Aber noch geht alles viel zu langsam. Mehr als 85.000 Menschen wurden getötet, als am 12. Mai ein Beben der Stärke acht den Südwesten Chinas erschütterte. Ganze Dörfer und Städte wurden zerstört. In fast 50.000 Ortschaften gibt es seither keine Schulen, Krankenhäuser und Fabriken mehr. Der Aufbau geht nur schleppend voran.

Nach dem Erdbeben begann eine Hilfsaktion in einem bis dahin in China nicht gekannten Ausmaß. Sechs Monate später sind die tausenden Zelte für die Obdachlosen verschwunden und durch provisorische Fertighäuser ersetzt. An den Straßenrändern stapeln sich Ziegel, Dachsteine, Rohre und andere Baumaterialien. Doch den Menschen in Sichuan geht der Wiederaufbau viel zu langsam voran.

Streit um zinsloses Darlehen

Teefabrikant Zhu beispielsweise streitet seit Monaten mit den Behörden um eines der von Peking versprochenen zinslosen Darlehen für Kleinunternehmer. Bislang hat er noch keinen Yuan bekommen. Zhu möchte seine Fabrik genau dort wieder errichten, wo sie gestanden hatte. Die Beamten hingegen wollen, dass er das Grundstück in Leigu aufgibt.

Auch die Bewohner in den Bergdörfern sind unzufrieden. "Sie haben die Straßen wieder freigeräumt. Aber unsere Häuser müssen wir ganz allein wieder aufbauen", sagt Dorfbewohner Yang. Sorgfältig haben die Erdbebenopfer die Schutthaufen nach wiederverwendbarem Baumaterial durchwühlt und nach Dingen gesucht, die gerettet werden können. Wang Ke, ein 50-jähriger Händler aus Leigu, nimmt die Regierung in Schutz: "Die meisten Menschen haben fast alles verloren, natürlich beklagen sie sich. Aber die Regierung hat ihr Möglichstes getan und das Volk ist dankbar."

Entmutigende Aufgabe

Die Aufgabe in Sichuan ist gewaltig und angesichts des Ausmaßes der Zerstörung "entmutigend", sagt der Vertreter der Vereinten Nationen in China, Khalid Malik. "Durch das Erdbeben wurden mehr als fünf Millionen Menschen obdachlos, 1,5 Millionen verloren ihre Arbeit. In den am stärksten betroffenen Regionen sind 80 Prozent der Menschen arbeitslos", sagt Malik.

Rund 250 Milliarden Dollar (gut 190 Milliarden Euro) sind umgerechnet für den Wiederaufbau veranschlagt. Die Regierung in Peking hat 146 Milliarden Dollar in den ersten drei Jahren versprochen. Bislang wurden jedoch offiziellen Schätzungen zufolge erst 9,5 Milliarden Dollar ausgezahlt. Eine fast ebenso hohe Summe brachten Spender aus dem In- und Ausland auf.

"Langfristige Perspektiven" schaffen

Beim Wiederaufbau dürfe es nicht nur darum gehen, den Menschen schnellstmöglich ein Dach über dem Kopf zu verschaffen, sagt UN- Vertreter Malik. "Es muss eine langfristige Perspektive geben und eine nachhaltige Entwicklung." Einen Versuch in diese Richtung unternimmt die Regierung in Beichuan. Die Hälfte der 40.000 Bewohner kam bei dem Erdbeben ums Leben, nun soll die Stadt andernorts wieder aufgebaut werden. Doch die Ruinen von Beichuan sollen erhalten bleiben - und irgendwann als Touristenattraktion Geld in die Region bringen.

Quelle: Robert J. Saiget, AFP