"Gefährlicher Zustand"Chinas Dämme reißen
Etwa die Hälfte aller Talsperren auf der Welt steht in China, viele davon in der vom Erdbeben verwüsteten Provinz Sichuan. Nun zeigen sich an vielen Dämmen Risse. Ganze Landstriche sind von einer möglichen Überflutung bedroht.
Zu allem Unglück droht den Überlebenden des Erdbebens in Südwestchina jetzt auch noch Gefahr durch beschädigte Staudämme. Das Ausmaß der Schäden durch das Beben sei "beträchtlich", kann der Minister für Ressourcen, Chen Lei, seine Besorgnis nicht verbergen. Er spricht von einer "ernsten Gefahr". Es müsse verhindert werden, dass auf das Erdbeben nicht eine Flutkatastrophe folge. Die Schäden an den Dämmen müssten sofort analysiert werden, notfalls Evakuierungen angeordnet werden. Dass der Minister derart Alarm schlägt, liegt nicht nur am Erdbeben, sondern auch daran, dass viele alternde Dämme ohnehin in einem bedauerlichen schlechten Zustand sind. Kritiker sprechen schon länger von einer "Zeitbombe" und warnten, dass die Dämme großen Fluten oder eben Erdbeben nicht standhalten könnten.
Die Gefahr ist dem Minister bekannt. Erst im Januar hatte das Wasserministerium gewarnt, dass immerhin 37.000 und damit etwas weniger als die Hälfte der 87.000 Dämme des Landes "in einem gefährlichen Zustand sind". Die meisten sind zwischen 1950 und 1970 gebaut worden. Ihre Bauqualität sei angesichts der beschränkten Mittel damals schon nicht sonderlich gut gewesen und habe sich seither entsprechend schnell verschlechtert. "Die Defizite sind insofern angeboren", wurde Vizewasserminister Jiao Yong von einer Konferenz des Staatsrates in Chinas Medien zitiert. In den nächsten drei Jahren sollten vorrangig 6240 alte Staudämme repariert werden. Doch gibt es offenbar Streit, wer die Kosten dafür trägt. Es geht um Zig-Milliarden Yuan, umgerechnet mehrere Milliarden Euro, an denen sich die Provinzen knapp zur Hälfte beteiligen sollen.
Beobachtung intensiviert
Gerade die Erdbebenprovinz Sichuan hat besonders viele kleine und mittlere Staudämme. Rund 500 Dämme in Sichuan und um die Megastadt Chongqing wurden durch die Erdstöße beschädigt. Der ebenso gigantische wie umstrittene Drei-Schluchten-Damm am Jangtse-Strom nur 1000 Kilometer vom Epizentrum entfernt soll nach Angaben der Verantwortlichen nichts abbekommen haben. Die Beobachtung des Dammes wurde aber intensiviert. Auch wurde nicht näher beschriebe Ausrüstung in dem größten Wasserkraftwerk der Welt abgebaut, "um die Risiken durch die Nachbeben möglichst klein zu halten", wie es hieß. Mit einer Stärke von 7,8 war das Erdbeben am vergangenen Montag das stärkste seit dem Baubeginn 1993. Die Nachbeben erreichten immerhin noch Stärke 6,0. Was passiert wäre, wenn das Epizentrum des Killerbebens vielleicht unter dem Drei-Schluchten-Damm gelegen hätte, wurde nicht diskutiert.
Die Gefahr durch die beschädigten Dämme ist auch viel aktueller, besonders im schwer betroffenen Landkreis Wenchuan. "Gegenwärtig stellen mehrere Wasserreservoirs nahe Wenchuan die größten Probleme dar", sagte He Biao, der Leiter des Krisenstabes der übergeordneten Präfektur Aba, nach Angaben des Staatsfernsehens. "Es gibt bereits Probleme mit dem Tulong Reservoir am Min-Fluß. Tulong ist ein wichtiger Stausee. Wenn sich die Probleme verschlimmern, könnte es sich das auf mehrere Wasserkraftwerke flussabwärts auswirken, was äußerst gefährlich würde."
Lage äußerst kritisch
Besonders "kritisch" schien die Lage anfangs auch am Zipingpu-Damm. Die Staumauer zeigte gefährliche Risse. Rund 2000 Soldaten eilten zur Stelle. Ein Dammbruch hätte zu einer Flutwelle ausgelöst, die die 600.000-Einwohner-Stadt Dujiangyan "überschwemmt" hätte, wurde gewarnt. Da die Fluttore durch das Erdbeben beschädigt waren, konnte aber nicht einfach das Wasser aus dem Reservoir abgelassen werden. In aller Eile musste ein eigener Kanal geschaffen werden, um den Wasserpegel zu senken und den Druck von der Staumauer zu nehmen. Nach einer Prüfung von Experten wurde der Damm nun als "strukturell stabil und sicher" bezeichnet.
Der deutsche Talsperrenexperte Volker Bettzieche von der Ruhr Universität warnt: "Bricht eine hohe Talsperre, kann eine Flutwelle entstehen, die 20 oder 30 Meter hoch ist", so der Wissenschaftler. Der hohe Wasserdruck könne den Beton regelrecht sprengen. Auch zu einer sogenannten Bodenverflüssigung könne es kommen, wenn die Dämme aus Erdmaterial gebaut sind. Laut international gültigen Standards müssen Dämme Erdbeben der Stufe zwei standhalten, erklärt der Experte.
Andreas Landwehr und Helge Toben, dpa