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Donnerstag, 18. Februar 2010

Gewalt in der Erziehung: Das verhängnisvolle Erbe

Solveig Bach

Kindheit soll ein geschützter Raum sein.

Kindheit soll ein geschützter Raum sein.
(Foto: picture alliance / dpa)

Nach Paragraph 1631 Absatz 2 BGB haben Kinder in Deutschland das Recht "auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig." Der Gesetzgeber hat dies in erster Linie den Familien ins Stammbuch geschrieben, blickte aber auch auf Kindergärten und Schulen. Die aktuelle Formulierung im Bürgerlichen Gesetzbuch stammt aus dem Jahr 2002. Doch schon 1980 lautete der Absatz 2: "Entwürdigende Erziehungsmaßnahmen sind unzulässig."

Die Missbrauchsfälle, die jetzt aus Einrichtungen des Jesuitenordens bekanntwerden, geschahen in den 1970-er und 80-er Jahren. Die  Opfer berichten von Manipulationen an ihren Genitalien und von zudringlichen Zärtlichkeiten, weniger von körperlichen Verletzungen. Einer der beschuldigten Jesuitenpater beschreibt in der "Zeit" jedoch Schläge, wie sie auch schon zu jener Zeit im Schulalltag kaum toleriert waren, Schläge mit der Hand oder dem Riemen auf den "nackten oder bekleideten Hintern".

Gewalterfahrung als Normalität

Warum offenbarten sich diese Kinder niemandem? Dieser Frage ging 1997 bereits Peter Wetzels, Professor am Institut für Kriminalwissenschaften der Universität Hamburg, nach. Seine Studie zu "Gewalterfahrungen in der Kindheit" kommt zu dem Schluss, dass ungefähr 1/5 aller Erwachsenen in ihrer Kindheit mit "schwerwiegenden bzw. häufigeren Formen der sexuellen und/oder physischen Gewalt konfrontiert waren". Gewalt in der Erziehung war also noch sehr viel normaler. Wenn also jeder in der Schule auch mal Züchtigung erlebt und auch die Freunde ihre "Wucht" bekommen, was soll man da viel erzählen.

Allerdings nahmen die Erfahrungen immer weiter ab, je jünger die Befragten waren. Das lässt zumindest die Hoffnung zu, dass sich gewaltfreiere Erziehungsauffassungen zunehmend durchsetzten und damit sicher auch die Tolerierung von drastischen Erziehungsmethoden beispielsweise in der Schule abnahm.

Verhängnisvolle Kausalitäten

Heute sehen es Psychologen als sicher an, dass Kinder mit Gewalterfahrungen und ohne Selbstbewusstsein leichter Opfer von Übergriffen werden. Sie schweigen oft, weil sie Misshandlung oder Missbrauch möglicherweise gar nicht als diesen erkennen, weil sie keine gesunden sozialen Modelle erlernt haben. So verlieren sie die Fähigkeit zu engen, liebevollen Beziehungen und akzeptieren Gewalt als "normalen Kontakt". Und möglicherweise setzen sie dieses belastende Erbe fort, indem sie selbst Täter werden.

Allerdings sollte man sich davor hüten, diese Kindheiten nur in sozial schwächeren Milieus zu vermuten. Auch ein auf Erfolg getrimmtes Kinderleben kann bei bester materieller Ausstattung mit seelischen Verletzungen und emotionaler Verwahrlosung einhergehen. Die Ausübung von elterlicher Autorität nimmt dann nur zu leicht die Züge von Gewalt an. Und wer in jedem Fall gehorchen und unkompliziert funktionieren soll, wird nur schwer Nein sagen können, auch wenn er noch so gern würde.

Offenheit schützt

Seit jenen Vorgängen an den Jesuitenschulen sind gute 30 Jahre ins Land gegangen, die Zahl der Straftaten gegen Kinder ist relativ stabil. Heute laufen Eltern Sturm, wenn einer Lehrerin die "Hand ausrutscht". Kriminologen und Psychologen werden nicht müde zu betonen, wie elementar gewaltfreie Erziehung ist. Wie schützend es ist, offene Gespräche darüber zu führen, was mit dem eigenen Körper und in der Schule geschieht. Wie wichtig es ist, die Dinge beim Namen zu nennen, auch die unangenehmen. Es gibt auch gute Kinderbücher zum Thema. Doch fernab von jedem Medienereignis ist man gut beraten, die Tatsache zu akzeptieren, dass es immer Sporttrainer, Lehrer, Chorleiter oder Priester geben wird, die es mit Kindern nicht gut meinen.

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