Panorama

"Meine Tochter zuerst"Die Geretteten von Madrid

22.08.2008, 15:11 Uhr

19 Menschen haben die Flugzeugkatastrophe in Madrid überlebt. Darunter befindet sich ein Mädchen, dessen Mutter darauf bestand, nicht vor ihr geborgen zu werden.

Francisco Martnez war einer der ersten Feuerwehrleute, die nach dem Absturz der Spanair-Maschine am Unglücksort eintrafen. In den Trümmern des abgestürzten Flugzeugs entdeckte er eine Frau, die zusammen mit ihrer Tochter inmitten von Metallstreben in ihrem Sitz eingeklemmt war. "Ich wollte zuerst die Frau befreien, denn ihr Zustand schien dramatischer zu sein", berichtete der 42-Jährige. Die Mutter sträubte sich jedoch und bat den Feuerwehrmann: "Rette zuerst meine Tochter!"

Dies sollte der letzte Wunsch der Frau gewesen sein. Sie starb im Flammenmeer am Madrider Flughafen, wo insgesamt 153 Menschen ihr Leben ließen. Die kleine Mara dagegen, die der Retter gerade noch rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte, erholt sich in einem Krankenhaus der spanischen Hauptstadt. Auch der Vater der Elfjährigen überlebte, ihre ältere Schwester dagegen kam ebenso wie die Mutter in den Flammen ums Leben.

Ein böser Traum

Maras Retter erkundigte sich später im Spital bei den Ärzten nach dem Befinden des Mädchens. Dabei berichtete er von einem Jungen, der ebenfalls unter den insgesamt 19 Überlebenden der Katastrophe war: "Der Kleine war völlig verwirrt, als wir ihn bargen. Er hielt alles für einen bösen Traum." Der achtjährige Jess habe wissen wollen, wo sein Vater war, und habe immer wieder gefragt: "Wann ist dieser Film zu Ende?" Der Vater des Jungen überlebte das Unglück nicht, seine Mutter liegt in einem Krankenhaus im Koma.

Kronprinz Felipe und Prinzessin Letizia besuchten in einem Spital Überlebende der Katastrophe. Der Thronfolger zeigte sich vor allem von der Vitalität des kleinen Roberto beeindruckt: "Der Sechsjährige hat erzählt, dass er es selbst geschafft habe, aus den Trümmern herauszukommen. Er ist für uns alle ein Held."

24 Stunden nach der Katastrophe flog erneut ein Spanair-Jet mit der Flugnummer JK5022 auf derselben Route wie die Unglücksmaschine von Madrid nach Gran Canaria. Es war wieder ein Flugzeug vom Typ MD-82, und es startete wieder von der Bahn 36-L, auf der sich am 20. August die Katastrophe ereignet hatte. Die Maschine war gut besetzt, nur 15 Plätze blieben frei.

Besatzung nervös, Passagiere gelassen

Der Besatzung sei die Nervosität anzumerken gewesen, berichtete ein Reporter der Zeitung "El Pas". Eine Stewardess sagte: "Das Unglück geht uns sehr nahe, aber wir müssen unsere Arbeit tun." Die Frau war kurz vor der Katastrophe mit der Unglücksmaschine von Barcelona nach Madrid geflogen und hatte mit drei Kolleginnen Dienst getan, die in den Flammen ums Leben kamen.

Die Passagiere, die am Tag nach dem Unglück den Flug JK 5022 antraten, wirkten dagegen eher gelassen. Sie gingen wohl davon aus, dass sich eine Katastrophe nicht zweimal an derselben Stelle ereignet. "Nach dem, was am Mittwoch geschah, ist ein Platz auf dieser Flugroute der sicherste der Welt", meinte ein Fluggast. Als die Maschine sich nach dem Start in die Luft erhob, blickten alle Passagiere aus dem Fenster, um etwas von der Absturzstelle sehen zu können. Dort zeugte nur noch eine verbrannte Grasfläche von der Katastrophe. Als das Flugzeug sicher auf Gran Canaria landete, applaudierten einige Fluggäste dem Piloten.

Hubert Kahl, dpa