Panorama

Birmas Regime könnte wackelnDie Wut wächst

07.05.2008, 13:41 Uhr

Verzweifelt versucht das Militärregime in Birma, sich ins rechte Licht zu rücken. Doch die Wut der Bevölkerung wächst. Noch im Zyklon, so wird berichtet, schreckte die Junta vor Gewaltexzessen nicht zurück.

Brutale Gewalt ist die Sprache der Militärjunta in Birma. Das Volk ist seit Jahrzehnten nichts anderes gewohnt. Doch dass die Generäle auch in der Stunde der größten Not kein menschlicheres Gesicht gezeigt haben, könnte ihnen jetzt zum Verhängnis werden.

"Die Wut im Land ist groß, und sie wächst", sagt Aung So, Direktor des Büros der Exilregierung im thailändischen Mae Sot. Er spricht tagtäglich mit Kontaktpersonen im Land. "Die Menschen sind sauer, weil es keine Warnung gab, obwohl die Schneise des Zyklons 48 Stunden vorher bekannt war, und weil keine Hilfe kommt."

"Ich frage mich, wo die Truppen sind, die im vergangenen September draufgeknüppelt haben", sagte eine Hausfrau in Rangun dem Internet-Magazin "Irrawaddy" in Thailand. Sie bezieht sich auf die brutale Niederschlagung des Mönchsaufstands, bei dem Dutzende ermordet wurden. "Im September waren sie schnell hier, aber jetzt schaffen sie es nicht, den Opfern zu helfen."

Im Sturm zu Tode gefoltert

Nach Angaben von Aung So versucht das Regime jetzt verzweifelt, sich ins gute Licht zu rücken. "Sie haben die Hilfslieferungen aus China und Thailand am Flughafen umgepackt, um den Anschein zu erwecken, dass die Güter vom Regime kommen", sagt er. "Aber die Leute sind nicht dumm."

"Die Junta kennt eben nur ein Mittel, um Probleme zu lösen - und das ist Gewalt", sagt Bo Kyi, der nach sieben Jahren und drei Monaten als politischer Gefangener in den Foltergefängnissen des Regimes nach Mae Sot flüchtete. Im berüchtigten Insein-Gefängnis in Rangun wurden nach seinen Angaben am Samstag mitten im Orkan 36 politische Gefangene erschossen. Von ihren Zellen waren die Dächer weggeflogen, und die Männer hatten schon zwölf Stunden durchnässt und kalt auf Hilfe gewartet. Als sie randalierten, eröffneten die Wachen das Feuer. "100 werden seitdem verhört, vier davon sind schon zu Tode gefoltert worden", sagt Bo Kyi, dessen Angaben über die Lage der Gefangenen bislang immer akkurat waren.

Verfassungsreferendum hat Vorrang

Auch Staatsangestellte und Soldaten bekamen jetzt wieder das hässliche Gesicht des Regimes zu spüren. Tausende waren vor zwei Jahren zum Umzug aus Rangun in die 300 Kilometer ins Landesinnere verlegte neue Hauptstadt Naypyidaw gezwungen worden, oft ohne Familien. Obwohl sie jetzt um das Leben ihrer Angehörigen fürchten, gilt Urlaubssperre, wegen des umstrittenen Verfassungsreferendums, das die Junta ungeachtet der nationalen Katastrophe an diesem Samstag in weiten Landeszeilen durchziehen will. Nur in den besonders betroffenen Gebieten soll in zwei Wochen nachgewählt werden.

Viele Ministeriumsmitarbeiter seien einfach trotzdem gefahren, berichtet "Irrawaddy". "Wir mussten unsere Kinder in Rangun lassen, wir sollten jetzt bei ihnen sein", sagte einer dem Magazin. Und Soldaten verließen auch ihre Posten, um ihren Familien im Krisengebiet zu Hilfe zu eilen.

Gunstbeweis der Götter

Aung So ist überzeugt, dass sich der Frust schon bei der Stimmabgabe an diesem Samstag zeigt. Die Junta will mit der Verfassung ihren Machtanspruch zementieren. "Wer kann und nicht eingeschüchtert wird, stimmt mit Nein", sagt er voraus. "Aber sie haben das Ergebnis natürlich längst festgelegt und werden einen großen Erfolg verkünden", meint er. Die aufgestaute Wut über den Betrug werde sich früher oder später entladen.

Kommt hinzu, dass die Birmanen höchst abergläubisch sind. Wenn das Land von einem schlechten König regiert wird, brechen Naturkatastrophen herein, hieß es früher - also ein Zeichen, dass der Tyrann bei Seite geschafft werden muss. Gleichzeitig könnten die Astrologie hörigen Junta-Generäle aber annehmen, dass die Götter ihnen gnädig gestimmt sind, weil sie selbst an ihrem abgelegenen Regierungssitz verschont blieben.

Von Christiane Oelrich, dpa