Panorama

Verzweiflungstat eines MördersEinsamer Riese

12.07.2010, 09:54 Uhr

Er war ein Kraftpaket mit breiten Schultern, ein ehemaliger Türsteher, doch in ihm herrschte offenbar nur Einsamkeit. In dem Drama um Mord, Eifersucht und eine tagelange Flucht ist auch der mutmaßlicher Killer ein Opfer.

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Polizeiexperten an dem Ort, an dem Raoul M. starb. (Foto: dpa)

Am Ende sah Raoul M. keinen Ausweg mehr - und schoss sich selbst in den Kopf. Mit dieser Verzweiflungstat beendete der 37-Jährige am frühen Samstagmorgen einen der größten Polizeieinsätze der britischen Geschichte. Fast eine Woche lang hatte ihn die Polizei gesucht, nachdem er vermutlich einen Mann getötet, zwei Menschen schwer verletzt und in Briefen ein Massaker angekündigt hatte. M. schien wie vom Erdboden verschluckt. Würde er plötzlich irgendwo auftauchen und seine Drohung wahr machen, noch mehr Menschen zu erschießen?

Hunderte Beamte durchkämmten Tag und Nacht die Wälder, Wiesen, Höhlen und Flussbiegungen in der Region in Nordengland, in der Nähe der Stadt Newcastle. Schließlich kam das Militär zur Hilfe. Sogar ein Flugzeug, das für Kriegseinsätze ausgerüstet ist, drehte seine Runden über den Dörfern. Eine ganze Region war wie gelähmt, weil sich der vermutliche Killer irgendwo da draußen versteckt hielt. Schulen wurden bewacht, Autos durchsucht. Die Polizei rief die Menschen auf, Türen und Fenster zu schließen und nur im Notfall rauszugehen.

Schlimme Erinnerungen

Das Drama weckte schlimme Erinnerungen an dem Amoklauf vor nur einem Monat, bei dem ein Taxifahrer ebenfalls in einer ländlichen Region in Nordengland zwölf Menschen und sich selber umgebracht hatte.

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Tagelang hatte die Polizei immer wieder Spuren von M. gefunden, ihn slbst aber nicht. (Foto: dpa)

Begonnen hatte alles am 1. Juli. M. war nach knapp fünf Monaten aus dem Gefängnis gekommen, wo er wegen Körperverletzung gesessen hatte. Auf seiner Facebook-Seite schrieb er: "Bin gerade aus dem Knast gekommen. Ich habe alles verloren, meine Arbeit, mein Haus, und als wäre das nicht genug ist mein Mädel auch noch mit einem anderen davongelaufen. Schaut genau hin und guckt zu, was jetzt passiert." Zwei Tage später war der neue Partner von M.s Ex-Freundin tot, die Frau selbst lebensgefährlich verletzt.

M. hatte außerdem einen Polizisten ohne Vorwarnung angeschossen und in einem Brief der Polizei "den Krieg erklärt". Danach verschwand er in den dichten Wäldern der Gegend. Die Polizei fand ein Zelt, Feuerstellen und andere Spuren, ihn selbst aber nicht. Bis er am Freitag plötzlich in dem Örtchen Rothbury entdeckt wurde. Stundenlang lag er auf einer Wiese in der Nähe eines Flusses, umzingelt von schwer bewaffneter Polizei. Experten sprachen mit ihm bis in die Nacht, Freunde wurden zur Hilfe geholt. Doch am Ende schoss er sich in den Kopf. Er starb vermutlich auf dem Weg ins Krankenhaus.

Unglücklich und einsam

Langsam kommt jetzt zutage, dass das Bild von dem massigen, aggressiven Mann, der auch Steroide genommen haben soll, wohl täuscht. Hinter dem Macho-Auftreten des dreifachen Vaters verbarg sich offenbar eine riesige Einsamkeit. In den letzten Stunden vor seinem Tod soll er den Polizisten zugerufen haben: "Niemand sorgt sich um mich." Anwohner berichteten, sie hätten gehört, wie M. über seine Familie gesprochen habe: "Ich habe nie einen wirklichen Vater gehabt." In den Tagen zuvor hatte Moats Mutter, zu der er seit 18 Jahren keinen Kontakt mehr gehabt hatte, Medien gesagt: "Es wäre besser, wenn mein Sohn tot wäre."

Quelle: Britta Gürke, dpa