Zorn der Chinesen wächstEltern fordern Aufklärung
Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 10.000 Kinder bei dem Erdbeben in China verschüttet und getötet wurden. Die Eltern dieser Kinder sind aufgebracht und wütend. Sie wollen Erklärungen dafür, warum die Schulgebäude nicht erdbebensicher waren.
Die Trauer nach dem verheerenden Erdbeben in Südwestchina schlägt bei einigen Angehörigen zunehmend in Wut um. Hunderte Eltern marschierten vor ein paar Tagen durch die Stadt Mianzhu der Erdbebenprovinz Sichuan. Sie trugen Fotos ihrer verschütteten Kinder und Spruchbänder bei sich. Die Hinterbliebenen vermuten Baumängel an vielen der knapp 7000 zerstörten Schulen, von denen einige zusammenfielen wie Schlösser aus Sand. Vermutlich wurden Tausende Kinder unter Trümmern begraben.
Die Behörden, die in einem Kraftakt mit den Folgen des schweren Bebens der Stärke acht kämpfen, sehen den wachsenden Zorn der Eltern mit großer Sorge. In einer ungewöhnlichen Geste warf sich der Parteichef von Mianzhu vor den Marschierenden auf die Knie. Er flehte die trauernden Eltern an, ihren Protest einzustellen. "Ihre Herzen sind gebrochen, und sie verlangen eine Erklärung", sagte der Parteichef Jiang Guohua laut Nachrichtenagentur Xinhua.
Baumängel für Zusammenbruch der Schulen verantwortlich
Viele Eltern sehen gierige Kader und schludernde Bauherren am Werk, die an Qualität sparten und in die eigene Tasche wirtschafteten. Sie hätten "Schlupflöcher für Korruption" offen gelassen, erklärte bereits selbstkritisch der Vize-Inspektor der Erziehungsabteilung der Provinz, Lin Qiang. Der Beamte trat wegen der Vorwürfe als olympischer Fackelträger zurück. Seine Abteilung hat mittlerweile zugegeben, dass Baumängel und veraltete Gebäude zumindest teilweise für den Kollaps der Schulen verantwortlich seien.
Die eingestürzten Schulen seien zudem nicht gegen Erdbeben dieser Stärke geschützt gewesen. Da sich das Beben während der Unterrichtszeit ereignete, waren viele Klassenräume voll mit Schülern. Eine Pekinger Akademie für Gebäudeforschung hat mittlerweile 60 Experten in die Region entsandt, um die Trümmer zu untersuchen. Die Experten empfehlen, die erforderliche Erdbebensicherheit der Schulen in der Region in Zukunft zu erhöhen.
"Einer grundlegenden Regel nach sollten Schulgebäude einen höheren Standard für Erdbebensicherheit haben als andere Gebäude", sagte der Sprecher des Pekinger Bildungsministeriums, Wang Xuming. Nur zehn Sekunden hatte es gedauert, bis die Fuxin-Grundschule Nummer zwei in Mianzhu bei dem Beben dem Erdboden gleichgemacht worden war. 127 Schüler kamen bei der Katastrophe ums Leben. Wie durch ein Wunder waren aber umliegende Häuser, die zum Teil aus den 60er Jahren stammten, unversehrt geblieben.
Schätzungen von bis zu 10.000 toten Schulkindern
Manche Schätzungen gehen von bis zu 10.000 getöteten Schulkindern aus bei vermutlich mehr als 80.000 Erdbebenopfern insgesamt. Experten sehen die Baumängel vor allem in unbiegsamem und "unbewehrtem" Beton. In dieser Art von Beton sind zu wenig oder gar keine Stahlverstärkungen eingebaut.
Als einer der ersten ausländischen Experten hatte der US-amerikanische Bauingenieur Kit Miyamoto die Schulen in der Erdbebenregion inspiziert. Ungenügend verarbeiteter Beton habe sich auch bei der Juyuan-Mittelschule in der schwer betroffenen Stadt Dujiangyan als "Killer" entpuppt, wie der Amerikaner aus Kalifornien in einem Untersuchungsbericht erklärt. In der erst 1996 gebauten Schule seien von 1000 Schülern vermutlich 700 ums Leben gekommen. Es sei nur noch ein Trümmerhaufen übrig.
Die Betondecken in dem Schulgebäude seien unter anderem lediglich auf "unbewehrte" Mauersteine gebaut worden, schreibt Miyamoto: Wie ein Lego-Haus aus Steinen, denen die stabilisierenden Verbindungen fehlten. "Unbewehrtes Mauerwerk und unbiegsame Betonstrukturen töteten wieder einmal Tausende", klagt der Amerikaner. Die Verantwortlichen dürften seiner Ansicht nach allerdings schwer zu fassen sein. Da viele der Schulen fast vollständig zerbröselten, gebe es kaum mehr Beweise für die Mängel.
Von Till Fähnders, dpa