Dienstag, 11. März 2008
Straßenkinder in Deutschland: Familienstress und Freiheitssehnsucht
Unter der Weltzeituhr am Berliner Alexanderplatz sitzen mehrere Jugendliche mit abrasierten oder bunt gesträhnten Haaren und frösteln in der noch wenig wärmenden Märzsonne. Die Kleidung ist zerrissen und teilweise kreativ geflickt, viele Gesichter sind vom Alkohol aufgedunsen oder von anderen Drogen eingefallen. "Kommt Essen, aber die Flaschen bleiben da", ruft Sozialarbeiterin Maggy Flandergan von Hilfseinrichtung Karuna. "Wir kommen nur, wenn wir wollen", tönt es ihr patzig entgegen. Doch einige stehen auf und trotten mit ihren Hunden zum grauen Bus am anderen Ende des Platzes, bei dem es für jeden eine Schüssel mit Gulasch gibt.
Auch 20 Jahre nach der Schicksalsschilderung "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" gehören Straßenkinder zum Stadtbild in Deutschland. Genaue Zahlen gibt es nicht, Schätzungen variieren je nach Definition zwischen einigen Hundert und 20.000 Jugendlichen ohne festen Wohnsitz in der Bundesrepublik. In einem am Dienstag gegründeten "Bündnis für Straßenkinder" will sich die Hilfsorganisation terre des hommes mit 25 anderen Organisationen und Initiativen künftig intensiver um sie kümmern. "Junge Menschen mit Lebensmittelpunkt Straße", heißen die Kids in der Sozialpädagogensprache von Streetworker Ralf Köhnlein vom Klik-Kontaktladen in Berlin. Straßenkinder klingt ihm zu sehr nach einer abgemagerten Achtjährigen, die unter der Brücke schlafen muss. "Das gibt es in Deutschland sicher nicht", sagt er.
Jugendliche ab 13 bis 14 Jahren
Es sind vielmehr Jugendliche ab etwa 13 bis 14 Jahren, die eine Mischung aus persönlichen Problemen und pubertärer Freiheitssehnsucht in die U-Bahnschächte und auf die Bahnhofsvorplätze von Deutschlands Großstädten treibt. "Unsere Klienten kommen aus allen Schichten", sagt der Köhnlein. Die meisten konsumieren nach der Schilderung von Experten illegale Drogen oder Alkohol, je nach Szene halten sich die jungen Menschen mit Betteln oder in manchen Fällen mit Prostitution über Wasser. Fast alle haben Strafverfahren wegen Schwarzfahrens, Mietschulden oder Gewaltverbrechen am Hals. Im Sommer gibt es aber auch die sogenannten "Freizeitpunks", die mit einem schlechten Zeugnis und idealisierten Vorstellungen ausreißen und nach wenigen Wochen wieder bei den Eltern auf dem Sofa sitzen.
"Morgen mach' ich mal nach Erfurt, da muss ich meine Mutter besuchen, die wird dort in die Psychiatrie eingewiesen", erzählt ein Junge in zerfledderter schwarzer Jeansjacke und grün gefärbten Haaren auf dem Alexanderplatz. Vielleicht könne er dort auch schnell in einer Woche seine 70 Sozialstunden ableisten, die ihm das Jugendgericht auferlegt hat. Zwei andere Punks wollen auch mit, weil man in der thüringischen Hauptstadt bestimmt besser schnorren könne. Sozialarbeiterin Flandergan nimmt alles mit einem Kopfnicken zur Kenntnis und reicht ihnen Gulasch: "Problemgespräche führe ich nur in unserer Einrichtung, wenn die Kids freiwillig kommen."
Helfen kann man nur, wenn sie freiwillig kommen
"Niedrigschwellige Hilfe", nennen die Experten ihre Angebote ohne jeglichen Druck, um ihre Zielgruppe nicht zu verschrecken. Im Klik-Kontaktladen von Köhnlein können die Jugendlichen beispielsweise kostenlos essen, sich und ihre Wäsche waschen und sogar ins Internet gehen oder gemeinsam basteln. "Je länger die Jugendlichen auf der Straße bleiben, desto größere Probleme stehen dahinter", berichtet Köhnlein. Helfen könne man ihnen nur, wenn sie freiwillig kommen, der Sozialarbeiter ihr Vertrauen erlangt und eine Lebensperspektive entsteht. Angebote dieser Art gibt es seiner Einschätzung nach in Deutschland genug, doch meistens fehlt das Geld.
Auch Flandergan muss vor ihrem Bus Zettel mit der Information verteilen, dass es am Freitag kein warmes Essen gibt - es fehlt Personal. Nur noch wenige Jugendliche stehen um sie herum, einige haben ihr versprochen, zu einem Beratungsgespräch ins Büro zu kommen. "Daran glaube ich erstmal nicht." Fortschritte gebe es bei ihrer Arbeit nur schrittchenweise - viel mehr freue sie, dass ihr Obstbeutel fast leer ist. "Wenn es dich schon glücklich macht, dass einer eine Orange isst und damit wenigstens ein paar Vitamine im Körper hat, bist du hier richtig", sagt sie.
Von Miriam Bandar, dpa
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