Panorama

Mit Toleranz in die GlaubenskriseFreikirchen in Australien

14.07.2008, 12:30 Uhr

Auf der Suche nach Spiritualität wenden sich in Australien immer mehr Menschen den Freikirchen zu. Australische Bischöfe sprechen von einer tiefen Glaubenskrise.

Gordon Plath fand Jesus vor drei Jahren am 7. Loch, als er mit einem Prediger Golf spielte. Sofort rief der damals 43-Jährige Australier seine Frau an, die seit Jahren auf diese Nachricht wartete. "Ich habe Jesus in mein Leben gelassen!" rief der Schichtarbeiter aus Gladstone. Die Aussage reicht in der "Lifestyle"- Kirche, um dazuzugehören. Seitdem dreht sich das Leben der Familie mit vier Kindern vor allem um die christliche Gemeindearbeit.

Die Lehre der "Lifestyle-Kirche" ist konservativ und schlicht: kein Alkohol, Gebete vor dem Essen, Enthaltsamkeit vor der Ehe, Bibelstunden, Jugendarbeit, Missionarsarbeit im Ausland und fröhliche Gottesdienste. Ich frage mich immer: "Was hätte Jesus gemacht?", sagt Denise Plath. "Dann ist jede Entscheidung einfach." Denise und Gordon Plath sind von ihren Eltern nicht religiös erzogen worden. Irgendwann fehlte der jungen Mutter ein spiritueller Lebensmittelpunkt. "Ich habe mir viele Kirchen und Gemeinden angeschaut, aber das meiste war so festgefahren. Zu viele Verbote und Rituale", sagt sie. "Jesus liebt uns wie wir sind. In unserer eigenen Kirche sind wir frei."

Offenheit führt zu Gleichgültigkeit

Australische Bischöfe beschrieben 1998 in Rom eine tiefe Glaubenskrise. Schuld daran sei auch die für Australien charakteristische Toleranz, argumentierten sie nach einem Bericht der Fachzeitschrift "Herder-Korresondenz". Toleranz und Offenheit könne zu Gleichgültigkeit führen. Oder zur Blüte von Freikirchen. Viele, die sich als Erwachsene dem christlichen Glauben zuwenden, halten es wie die Plaths. Die Freikirchen haben enormen Zulauf, geht aus einer Kirchen Studie (NCLS) 2004 hervor. Plus 20, 30 und 42 Prozent Kirchenbesuch bei Freikirchen wie der Christian City Church, minus zwei Prozent bei Anglikanern und minus 13 Prozent bei Katholiken.

"Unser Glaube basiert auf der Bibel", stellt sich zum Beispiel die "Kirche der Christen" vor. "Wir konzentrieren uns auf die wesentlichen Aspekte des christlichen Glaubens, und lassen Vielfältigkeit bei allem Nicht-Wesentlichen zu." In Sydney bringt die "Hillsong-Kirche" jeden Sonntag 20 000 Leute in ein Sportstadion.

Ein Viertel der rund 21 Millionen Australier ist auf dem Papier katholisch, weitere rund 19 Prozent sind als Anglikaner registriert. Aber nur jeder sechste Katholik geht noch regelmäßig zur Kirche. Die Zahl der katholischen Priester ging zwischen 1971 und 2005 um 20 Prozent zurück, ihr Durchschnittsalter stieg von 44 auf 60. Nur einer von drei Priesteranwärtern bleibt bis zur Weihe dabei. "Es ist realistischer, vom Aussterben als vom Altwerden des Klerus zu reden", schrieb Priester Eric Hodgens in einem Artikel zur Nachwuchskrise.

Christlich-spirituelle Heimat gefunden

Zuwachs haben durch die hohe Zahl der Einwanderer in Australien vor allem nichtchristliche Religionen. Nach der jüngsten Volksbefragung waren das zwischen 2001 und 2006 vor allem Hindus (plus 55 Prozent), Muslime (plus 21 Prozent) und Buddhisten (plus 17 Prozent). Stark wuchs auch die Zahl der Konfessionslosen: um 27,5 Prozent. Einzig die Gruppe der Christen schmolz, um 0,6 Prozent.

Die Plaths haben ihre eigene - christliche - spirituelle Heimat gefunden. Tochter Tamika (21) ist seit einem Jahr mit dem Sohn des Predigers verheiratet - "die beiden wollten sich füreinander "rein" halten" erklärt Mutter Denise die frühe Ehe. Die zweite Tochter Marina (20) wartet nach eigenen Angaben "auf einen Mann, der führen kann", die Söhne sind in der Jugendarbeit aktiv. Der Gottesdienst der Plaths findet auf ihrer Terrasse statt, geleitet von Schwiegersohn Aaron (22), der nach eigenen Angaben schon im Kindesalter die Berufung spürte, eine Gemeinde zu leiten. Die besteht bislang nur aus seiner und der Schwiegerfamilie und ein paar Freunden.

Christiane Oelrich, dpa