Panorama

Frankreich gewährt AsylHoffen auf Klitoris-OP

15.04.2009, 08:33 Uhr

Rund 55.000 beschnittene Frauen aus afrikanischen und arabischen Ländern leben in Frankreich. Dort bezahlt die Krankenkasse eine OP zur Wiederherstellung ihrer Klitoris.

Guten Sex hatte Aissata (Name geändert) zum ersten Mal, als sie über 40 war. Die aus Mali stammende Französin war als Kleinkind beschnitten worden. Sie hat drei Töchter zur Welt gebracht, aber kannte beim Geschlechtsverkehr keinen Orgasmus. Kürzlich hat sie sich in einer Operation die Klitoris wieder herstellen lassen. "Seitdem geht es mir viel besser. Ich hatte mir immer gewünscht, dass man das reparieren kann", sagt die 46 Jahre alte Lehrerin, die in Paris lebt. Aissata engagiert sich heute im Kampf gegen die Mädchenbeschneidung. Die französische Regierung hat in dieser Woche eine umfassende Kampagne gestartet, um gegen diese Praxis vorzugehen.

"Ich habe meine Mutter immer wieder gefragt, warum ich beschnitten wurde, aber sie wollte nie darüber sprechen", sagt Aissata. "Für sie war das völlig selbstverständlich, aber für mich war es nur mit Leiden verbunden", sagt sie. Ihr französischer Ehemann habe ihr immer vorgehalten, sie reagiere beim Sex "nicht normal".

Ritus ohne religiöse Basis

Die Beschneidung von Mädchen ist in verschiedenen Formen in afrikanischen und arabischen Ländern weit verbreitet. Es ist ein Initiationsritus, der keine religiöse Basis hat. Die Beschneiderinnen entfernen den Mädchen die Klitoris und - vor allem in Somalia und Dschibuti - auch die Schamlippen. Die Genitalverstümmelung ist in Europa und vielen afrikanischen Ländern verboten. In Frankreich, wo zahlreiche Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien leben, sind schätzungsweise 55.000 Mädchen und Frauen beschnitten.

"Keine Tradition oder kulturelle Gewohnheit kann eine Praxis rechtfertigen, die das fundamentale Recht von Frauen verletzt", betont die französische Staatssekretärin für Solidarität, Valrie Ltard. Viele Mädchen aus Einwandererfamilien würden beschnitten, wenn sie mit ihren Familien in den Ferien in die Herkunftsländer reisten, sagt Ltard. "Es kommt vor, dass sie als Jugendliche beschnitten und dann gleich zwangsverheiratet werden."

Asyl bei drohender Genitalverstümmelung

In Frankreich wird die Gefahr einer Beschneidung als Asylgrund anerkannt. Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der Asylbewerber aus Mali deswegen vervierfacht. Erst im März hat ein französisches Gericht bekräftigt, dass bei drohender Genitalverstümmelung sowohl das Mädchen als auch die Eltern als Flüchtlinge anerkannt werden sollen.

So wie Aissata lassen sich immer mehr beschnittene Mädchen in Frankreich ihr Geschlechtsorgan wieder herstellen. Der Arzt Pierre Folds hat die Methode bereits vor 25 Jahren entwickelt. "Die Klitoris ist ein inneres Organ, das mehrere Zentimeter lang ist", erklärt er in einem Interview mit dem Online-Magazin afrik.com. "Bei dem Eingriff wird ein Stück hervorgeholt." Nach etwa einem halben Jahr würden Frauen beim Geschlechtsverkehr erstmals etwas empfinden, das sie zuvor nicht kannten. Jede Woche lassen sich mehrere Frauen behandeln, die Operation wird von der Krankenkasse bezahlt.

"Ich bin froh, dass ich mich dazu entschieden habe", sagt Aissata. Sie wäre nicht auf die Idee gekommen, ihre Töchter beschneiden zu lassen, auch wenn ihre Familie in Mali das nicht verstehen kann. "Man sagt den Mädchen, es sei zu ihrem Vorteil, aber das stimmt einfach nicht."

Ulrike Koltermann, dpa