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"Urwald-Nonne" ermordetHohe Haftstrafen verhängt

11.12.2005, 14:27 Uhr

Zehn Monate nach dem Mord an der "Urwald-Nonne" Dorothy Stang sind in Brasilien die ersten beiden von insgesamt fünf Angeklagten verurteilt worden.

Zehn Monate nach dem Mord an der "Urwald-Nonne" Dorothy Stang sind in Brasilien die ersten beiden von insgesamt fünf Angeklagten zu 27 und 17 Jahren Haft verurteilt worden. Im nördlichen Bundesstaat Par geht aber die Hetzjagd der Urwaldmafia auf Umweltschützer und Menschenrechtler nach dem weltweit Aufsehen erregenden Anschlag auf die 73-jährige US-Missionarin unvermindert weiter.

"Hunderte ähnlicher Verbrechen, die nicht in den Zeitungen erscheinen, werden nicht einmal untersucht", klagte nach dem Urteilsspruch Andr Muggiati, der Amazonien-Kampagnenchef der Umweltschutzorganisation Greenpeace. Nach einem jüngsten gemeinsamen Bericht von Menschenrechtsgruppen und kirchlichen Organisationen wurden in Par in den vergangenen 33 Jahren mindestens 772 Menschen aus agrarpolitischen Gründen "hingerichtet". All diese Morde hätten nur zu drei Prozessen geführt, heißt es im Bericht.

Par - ein "gesetzloses Land", wie die Zeitung "O Globo" schrieb - ist laut Greenpeace "Meister der Urwaldzerstörung, der illegalen Holzgewinnung, der illegalen Landaneignung und der Sklaverei sowie Schauplatz skandalöser Menschenrechtsverletzungen". Zwischen 1985 und 2001 forderte der Landkonflikt in Brasilien 1237 Menschenleben - rund 40 Prozent davon in Par. Und nach dem Tod von Dorothy Stang wurden in dem Bundesstaat mindestens sechs Anführer der Landarbeiter ermordet. Allein im November wurden drei Fälle registriert. Nach Angaben der Zeitung "Folha de So Paulo" stehen zurzeit 51 Umweltschützer, Menschenrechtler, Kirchenvertreter und Landarbeiterführer auf einer "schwarzen Liste". Einer davon ist der 39-jährige Pater Amaro Lopes: "Eine Frau rief an: Du bist einer der Würmer, die wir beseitigen wollen. Dorothy war ein Wurm, schrie sie", berichtete der Geistliche.

Nach Abzug einer 2000 Mann starken Sondereinheit der Streitkräfte, die Präsident Luiz Incio Lula da Silva nach dem Stang-Mord entsandt hatte, habe sich der Landkonflikt in Par seit September wieder verschärft, schreibt "Folha". In einem Brief an die UN forderten am Rande des Prozesses 26 Menschenrechtsgruppen Maßnahmen gegen die "systematische Verletzung der Menschenrechte in Par". Besonders schlimm ist die Menschenrechtslage im Süden und Südosten Pars. "Auf den dortigen Landgütern gehören Sklaverei, Mord und Todesdrohungen schon fast zur Routine", stellte die nationale Bischofskonferenz Brasiliens (CNBB) in einem Bericht fest. Die Arbeit der "Pistoleiros", der bezahlten Killer der Land- und Holzmafia, kennt keine Hemmschwellen. Mit dem Tode bedroht wurde etwa auch der französische Dominikanerpater Frei Henri Roziers, einer der bekanntesten Menschenrechtler Pars. Polizei und Justiz sind in vielen Gemeinden Pars laut "O Globo" überhaupt nicht präsent.

Diese Abwesenheit des Staates versuchte Schwester Dorothy in Par seit 30 Jahren mit unermüdlichem Einsatz etwas auszugleichen. "Sie hat im Urwalddickicht unzählige Kilometer zurückgelegt, um den Frauen zu zeigen, wie man im und vom Regenwald leben kann, ohne ihn zu zerstören. Sie symbolisiert für die armen Menschen im Amazonas-Gebiet den Widerstand und den Kampf für ein würdiges Leben", sagt Meire Cohen, Chefin der Menschenrechtskommission der Anwaltskammer Pars. Der Tod von Stang wird mit dem Mord am Kautschukzapfer und Umweltschützer Chico Mendes, dem "Gandhi des Waldes", verglichen, der 1988 weltweit noch größere Aufmerksamkeit fand. Staatsanwalt Felicio Pontes, der als letzter mit Stang sprach, erzählt, die Missionarin habe ihm am Vorabend ihres Todes mit fester Stimme gesagt: "Gott ist mit uns. Gebt den Kampf nicht auf, wenn ich nicht mehr da bin."