Vater der Unwort-KürHorst Dieter Schlosser
Die jährliche Wahl eines "Unworts" hat den Frankfurter Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser über Deutschland hinaus bekanntgemacht. Zum 18. Mal erläutert der Vater der sprachkritischen Aktion am 20. Januar den Begriff, den eine Fachjury aus vielen hundert Vorschlägen zum Unwort gekürt hat.
Die jährliche Wahl eines "Unworts" hat den Frankfurter Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser über Deutschland hinaus bekanntgemacht. Zum 18. Mal erläutert der Vater der sprachkritischen Aktion am 20. Januar den Begriff, den eine Fachjury aus vielen hundert Vorschlägen zum Unwort gekürt hat. Seine persönlichen Favoriten sind 2008 "intelligente Wirksysteme" als Umschreibung einer neuen Artilleriemunition, "notleidende Banken" und "Rentnerdemokratie", wie der 71-Jährige vor dem Beginn der Beratungen der Juroren verriet. "Meist weiß ich bis zum Schluss selbst nicht, wofür ich mich entscheide."
Unter den vielen Faxen, Briefen und E-Mails - Rekord waren 2400 -, die jedes Jahr eingehen, war 2007 auch ein Vorschlag von Schlossers Tochter Carlotta. Die inzwischen 15-Jährige hatte "Hausaufgabenclub" als Bezeichnung für Nachsitzen als unwortverdächtig eingeschätzt "und damit das Prinzip erkannt", wie der dreifache Vater und zweifache Großvater Schlosser sagt. Viele junge Menschen, allen voran eine Schule im Odenwald, beteiligten sich regelmäßig mit "guten Vorschlägen" an der Suche nach Begriffen, die sachlich besonders grob unangemessen seien und möglicherweise die Menschenwürde verletzten.
Das Unwort als Nebensache
Das Interesse am Unwort geht über Deutschland und sogar den deutschsprachigen Raum hinaus. Kürzlich suchte eine italienische Studentin aus Sardinien, die ihre Bachelor-Arbeit über deutsche Wörter und Unwörter des Jahres schreibt, bei dem emeritierten Professor Schlosser Unterstützung. "Viele haben uns vorgeworfen, wir hätten das Unwort erfunden", erzählt Schlosser. Denn zu Beginn der Suche habe sich der Begriff noch nicht im Duden gefunden. Dabei verzeichne schon das "Deutsche Wörterbuch" der Brüder Grimm für das Jahr 1473 einen Beleg für das Unwort, sagt der Altgermanist.
"Das Unwort ist bei mir aber Nebensache", sagt Schlosser, der im siebten Jahr im Ruhestand noch immer im Fachbereich Germanistik Prüfungen abnimmt, und damit den Studierenden die Wartezeiten verkürzt. "Da ist praktisch keiner mehr dabei, der mal bei mir studiert hat", erzählt Schlosser, der in Frankfurt 30 Jahre eine Professur für deutsche Philologie innehatte. An der Senioren-Uni hält er zudem noch immer regelmäßig Vorlesungen. "Menschenbilder in der deutschen Sprache und Literatur" sind gerade sein Thema. Mit Blick auf 60 Jahre Gründung der Bundesrepublik und 20 Jahre Mauerfall spricht er im nächsten Semester über deutsch-deutsches Deutsch, einer seiner Forschungsschwerpunkte.
Nachfolger gesucht
Wandel, Verfall und Instrumentalisierung des gesprochenen und geschriebenen Worts lassen Schlosser, der zusammen mit mehreren hundert Sprachwissenschaftlern gegen die "verunglückte" Rechtschreibreform protestiert hat, einfach nicht los. "Meine Frau sagt: 'ein Beruf ist Dein Hobby.'" Sie habe ihm zwar zum 65. Geburtstag einen Jugendtraum erfüllt und ihm eine Querflöte geschenkt, diese habe er aber schnell an den Nagel gehängt. Auch das Saxofon-Spielen gab er bald auf. "Das viele Üben! In der Beziehung bin ich faul."
Für seine Studien, Veröffentlichungen, Vorlesungen und Unwort-Aktionen kann Schlosser in der Universität noch einen kleinen Raum im Untergeschoss nutzen. "Einen Anspruch auf ein eigenes Zimmer habe ich aber nicht", betont Schlosser. Unterstützt wird er bei seinen Aktivitäten noch von der ehemaligen Sekretärin seines Fachbereichs, Roswitha Busch, die eigentlich auch schon längst im Ruhestand ist. Ideen für Projekte hingegen habe er noch viele. Als nächstes möchte er ein Buch über die Sprache im Nationalsozialismus beenden, das er schon vor Jahren angefangen habe.
Die Vorstellung des Unworts und die Erläuterung der Entscheidung machen dem Sprecher der Jury immer wieder sichtlich Spaß. Unverkennbar sind dabei seine wissenschaftlichen Steckenpferde: Das Verhältnis von medizinischer Ethik und Sprache sowie von Technik und Sprache. Auch Begriffe aus der Wirtschafts- und der Militärsprache kritisiert er regelmäßig. Trotz aller Freude an der Sprachkritik suche er schon länger einen Nachfolger für die Unwort-Aktion. "Aber das ist nicht so einfach, denn das ist ein Haufen Arbeit." Ganz eilig hat er es mit dem Nachfolger aber noch nicht. "Das 20. Unwort - in zwei Jahren - würde ich gerne auch noch schaffen, wenn es gesundheitlich klappt."