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Panorama

Montag, 16. November 2009

Tausend Männer in einer Nacht : Journalistin sorgt für Wirbel

Rosanna al-Yami wurde im islamischen Königreich Saudi-Arabien durch den Skandal um eine Sex-Reportage über Nacht bekannt.

Rosanna al-Yami wurde im islamischen Königreich Saudi-Arabien durch den Skandal um eine Sex-Reportage über Nacht bekannt.
(Foto: dpa)

Rosanna al-Yami trägt blaue Kontaktlinsen und ein dezentes Nasenpiercing. Ein weißer Spitzenschal bedeckt das schwarze Haar der 21-Jährigen, die im islamischen Königreich Saudi-Arabien durch einen Skandal um eine Sex-Reportage über Nacht bekannt geworden ist. Die schwergewichtige Nachwuchsjournalistin ist in diesen Tagen sehr gefragt. Ihr Mobiltelefon piepst im 3-Minuten-Takt. "Ich habe heute schon 86 SMS erhalten", sagt Rosanna al-Yami und man kann spüren, dass sie die viele Aufmerksamkeit genießt. Trotzdem sagt sie: "Über den Fall will ich lieber nicht mehr sprechen." Viel lieber erzählt sie, dass ein libanesisches Verlagshaus demnächst ihren ersten Roman "1000 Männer in einer Nacht" veröffentlichen will, die Geschichte einer jungen Frau, die ihre ersten Gehversuche im Journalismus macht.

"Der Fall", über den die junge Reporterin nicht sprechen will, hatte im vergangenen Juli begonnen, als der libanesische Fernsehsender LBC, für den Al-Yami damals als Assistentin arbeitete, einen Beitrag über außerehelichen Sex in Saudi-Arabien ausstrahlte. In der Sendung kam ein junger Familienvater aus der Hafenstadt Dschidda zu Wort, der mit seinen Verführungskünsten protzte und erklärte, er habe im Alter von 14 Jahren zum ersten Mal Sex gehabt - mit eine Nachbarin. Was in Ländern wie Deutschland oder Spanien gängige Vormittags-Fernsehkost ist, schockierte das Publikum in Saudi-Arabien, wo der Wahabismus - eine besonders puritanische Spielart des Islam - Staatsreligion ist. Denn in Saudi-Arabien dürfen ein Mann und eine Frau theoretisch nicht einmal gemeinsam im Restaurant essen, wenn sie nicht mit einander verwandt oder verheiratet sind. Der orientalische Casanova wurde vor Gericht gestellt. Im Oktober verurteilte ihn ein Richter zu fünf Jahren Haft und 1000 Peitschenhieben.

Heikle Themen

König Abdullah von Saudi-Arabien hat die 21-Jährige vor ihrer Strafe bewahrt.

König Abdullah von Saudi-Arabien hat die 21-Jährige vor ihrer Strafe bewahrt.
(Foto: picture-alliance/ dpa)

Rosanna al-Yami, die in dem Prozess ebenfalls angeklagt war, konnte den Richter zwar davon überzeugen, dass sie an der Produktion dieser Folge der Serie "Rote Linien" nicht beteiligt war. Er verurteilte sie aber trotzdem im Oktober zu 60 Peitschenhieben, weil sie für einen in Saudi-Arabien offiziell nicht akkreditierten Sender gearbeitet hatte. Das von vielen Journalisten außerhalb des Königreichs als unfair kritisierte Urteil erregte international großes Aufsehen. Auch König Abdullah billigte den Richterspruch nicht. Er begnadigte die junge Frau, die bis heute auch noch als Redakteurin für die saudische Zeitschrift "Ro'aa" arbeitet. "Diese Folge der LBC-Sendung war wirklich inakzeptabel", sagt Al-Yami. "Ich habe sie, als sie ausgestrahlt wurde, aber gar nicht gesehen, weil meine Großmutter an diesem Tag starb", sagt sie und zupft sich den Schleier zurecht. "Erst später, als mir Freunde von dem Skandal erzählten, habe ich sie mir im Internet angeschaut, auf der Website von YouTube."

Dabei schreckt Al-Yami, die aus der Stadt Nadschran stammt, auch selbst nicht vor Themen zurück, die in ihrer Heimat als heikel gelten. Dem LBC-Team half sie, Beiträge über ungewollte Kinderlosigkeit, islamische Totenwäsche und sogenannte islamische "Ehen auf Zeit" zu drehen. "Mein Traum ist es, als erste Frau in Saudi-Arabien Chefredakteurin einer Tageszeitung zu werden", sagt sie. Dieses Ziel, das in dieser fast ausschließlich von Männern kontrollierten Gesellschaft ohnehin nur schwer zu erreichen ist, dürfte für sie allerdings nach Einschätzung arabischer Kollegen durch den LBC-Skandal unerreichbar geworden sein. "Ihre Karriere ist vorbei, und wenn der Fall aus den Schlagzeilen verschwunden ist, wird sie sicher gefeuert", sagt einer von ihnen.

Anne-Beatrice Clasmann, dpa

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