Panorama

Hartnäckiger PolizistKampf den Kaffeefahrten

21.11.2007, 13:14 Uhr

Das Geschäft mit der Gutgläubigkeit der Menschen ist lukrativ. Etwa 100.000 Kaffeefahrten gibt es jährlich in Deutschland , fünf Millionen Gäste sorgen für einen Umsatz von 500 Millionen Euro. Der Polizist Bernhard Stitz hat sich dem Kampf gegen die "Kaffeefahrten-Mafia" verschrieben.

Bernhard Stitz bezeichnet sich als "Jäger der Kaffeefahrten-Mafia". Angefangen hat alles vor rund 20 Jahren, als seine sparsame Mutter mit einer Gesundheitsdecke aus Lama- und Alpakawolle von einer Kaffeefahrt zurückkam. 600 Mark hatte die Dame dafür hingeblättert, der reale Wert betrug keine 60 Mark. Seitdem heftet sich der Flensburger Polizist an die Fersen der Organisatoren dieser meist illegalen Verkaufsfahrten. Auf rund 70 Veranstaltungen hat sich Stitz bundesweit bisher eingeschlichen. Die Androhung von Schlägen und anonyme Drohbriefe sind oft der "Lohn". Zum Tag des Ehrenamtes wird der 52-Jährige Anfang Dezember von der Stadt Flensburg für sein ungewöhnliches Freizeitengagement geehrt.

Die Problematik ist aktueller denn je, sagt Regina Pott von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein. "Im Moment ist das wieder ganz stark im Kommen, jeden Tag haben wir Anrufe von Menschen, die Gewinnbenachrichtigungen und Einladungen zu Kaffeefahrten bekommen haben." Obwohl im Jahr 2000 die rechtliche Lage verschärft wurde und Gewinnversprechen seitdem eingehalten werden müssen, hat sich wenig verändert. "Das Problem ist, dass nicht nur die Täter schwer zu stoppen sind, sondern auch die Opfer", sagt Polizist Stitz. Rund 80 Prozent der Kaffeefahrten-Teilnehmer sind seiner Meinung nach Wiederholungsfahrer. Einsamkeit, der Wunsch nach Geselligkeit und scheinbar tolle Angebote - die Motive zur Teilnahme sind vielfältig.

Geschäft mit der Gutgläubigkeit

Stitz verweist darauf, wie lukrativ heute das Geschäft mit der Gutgläubigkeit alter Menschen ist. 100.000 solcher Fahrten gebe es seinen Informationen zufolge in Deutschland jährlich, fünf Millionen Gäste nähmen daran teil, sie sorgten für einen Umsatz von 500 Millionen Euro. Bis zu 15.000 Euro verdiene ein Verkäufer pro Monat, ganz gerissene Gauner bringen es sogar bis auf 50.000 Euro.

Und die Methoden werden immer dreister. In Schleswig-Holstein flatterte jüngst bei einigen Bürgern eine besonders verheißungsvolle Gewinnbenachrichtigung ins Haus: Sieben Jahre kostenloses Tanken im Wert von 27.500 Euro und ein Besuch des Schweriner Schlosses wurden in Aussicht gestellt, Voraussetzung war die Teilnahme an einer Kaffeefahrt. "Die Adressen von potenziellen Opfern werden gekauft oder mit Hilfe von Preisrätseln erworben", erklärt Stitz.

Vier Akten-Ordner zu Kaffeefahrten

Vier Akten-Ordner zu Kaffeefahrten hat der Beamte in seinem Dienstzimmer stehen. Er spricht von einer Mafia, weil das Geflecht undurchschaubar ist. Busfahrer werden häufig erst während der Fahrt instruiert, welchen abgelegenen Landgasthof sie ansteuern sollen. Nach der Gewerbeordnung (Paragraf 56 a) drohen eigentlich bis zu 1000 Euro Bußgeld, wenn die Verkaufsveranstaltung nicht angezeigt worden ist - die Gewinnspanne ist so hoch, dass die Gauner das Risiko trotzdem eingehen. Die angeblichen Gewinne sind nur ein Lockmittel.

"Die Verantwortlichen bleiben in der Regel anonym", sagt Stitz. Er berichtet von einem Sozialhilfeempfänger, der gegen Zahlung von 500 Euro überredet wurde, auf Einladungen für eine Kaffeefahrt mit seiner Adresse aufzutreten und damit auch für die Gewinnversprechen zu bürgen. Stitz' dreistester Fall war vor zwei Jahren ein Betrüger mit dem Künstlernamen "Dr. med. Martens", der sich als Sportmediziner aus Rostock vorstellte. Spottbillige Vitaminpräparate verkaufte er als leistungsfördernde Hormone für 700 Euro. Es stellte sich raus, dass der angebliche Dr. Martens 24 Vorstrafen hatte.

Stitz hat sich in ganz Deutschland einen Namen gemacht und wird von Senioren, Polizisten und Ordnungsämtern um Hilfe gebeten. Manchmal sei die verdeckte Ermittlertätigkeit frustrierend, aber die Teilnehmer würden endlich rebellischer, sagt er. Eigentlich könnte die Kaffeefahrten-Mafia ausgetrocknet werden. "Es würde reichen, wenn auf jeder illegalen Verkaufsveranstaltung ein Teilnehmer einfach die Polizei anruft und die Ganoven auf frischer Tat ertappt werden."

Von Georg Ismar, dpa