Panorama

100.000 Tätowierungen für Haiti Kanadier mutiert zur Werbetafel

28.12.2010, 08:19 Uhr
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Mehr als 200.000 Menschen sterben beim Erdbeben in Haiti im Januar 2010. (Foto: REUTERS)

Um Notleidenden zu helfen, kommen manche auf die verrücktesten Ideen - wie Patrick Vaillancourt. Er bietet seinen Körper als Werbeträger und will so 100.000 Firmenadressen auf seinen Körper tätowieren lassen. Der Millionenerlös kommt humanitären Projekten in Haiti zugute.

Zeitungsanzeigen, Plakatwände,

Prospekte? Werbung auf Papier ist out - jedenfalls, wenn es nach Patrick Vaillancourt

geht. Der Kanadier bietet Werbung, die im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut

geht. Für umgerechnet ab knapp 27 Euro lässt der 29-Jährige sich Webadressen auf

seinen Oberköper tätowieren. Und der Platz auf seinem Körper ist begehrt: Seit dem

Start des Projektes Mitte Dezember wurden bereits 200 Internetadressen auf seine

rechte Schulter gestochen. Vaillancourts Ziel: Bis zu 100.000 Adressen sollen ihm

eintätowiert werden. Den Erlös will er zur Hälfte humanitären Projekten in Haiti

spenden.

Bisher werben Immobilienmakler,

Lebensversicherungen, Online-Spieleanbieter oder Diät-Websites bei Vaillancourt,

aber auch Privatpersonen lassen die Adressen ihrer Facebook- oder Twitterkonten

in seine Haut punktieren. Sie zu entziffern, ist allerdings unmöglich - dazu sind

die Buchstaben zu winzig. Schließlich sollen es innerhalb der nächsten sechs bis

zwölf Monate 500 Mal so viele Adress-Tattoos werden. Sie werden zehn Jahre lang

auf Vaillancourts Körper bleiben, wie der Werbeträger selbst versichert. Veröffentlicht

wird jeder Kunde - besser lesbar - auch auf der Website www.back2thelight.com.

Millionen Euro sammeln

Fast 2,7 Millionen Euro

könnten so zusammenkommen, wenn jedes Stückchen Haut belegt wird. Die Hälfte soll

über die Hilfsorganisation Care humanitären Projekten in Haiti zugute kommen. "Ich

habe haitianische Freunde, die das Erdbeben von hier in Québec aus miterlebt haben,

und von ihren Familien seit langem nichts gehört haben", sagt Vaillancourt.

"Ich möchte helfen, so gut ich kann, denn da unten herrscht das totale Elend."

Der selbstständige Informatiker und Vater eines siebenjährigen Jungen beschreibt

sich als "verrückt" und sehr fromm.

Ein Scheck mit umgerechnet

knapp 19.000 Euro ist bereits bei Care angekommen. "Wir dachten nicht, dass

das so schnell geht", sagt die Präsidentin der Hilfsorganisation in der Provinz

Québec, Marie-Eve Bertrand. Bei dem verheerenden Erdbeben im Karibikstaat Haiti

verloren im Januar etwa 250.000 Menschen ihr Leben, rund 1,5 Millionen Menschen

wurden obdachlos.

500 Adressen am Tag stechen

Die andere Hälfte des Geldes

behält Vaillancourt für sich. Die möglicherweise mehr als 1,3 Millionen Euro sieht

er zum Teil als Ausgleich für seinen Verdienstausfall, denn seine eigentliche Arbeit

wird er für das Projekt zurückstellen. Zudem muss er seinen Tätowierer Daniel Tremblay

bezahlen: "Von Januar an werden wir 50 Stunden die Woche daran arbeiten, mit

500 Adressen pro Tag", erklärt Tremblay. Für ihn ist der Job eine echte Herausforderung:

Die Tattoos seien so klein, "dass man sich ständig konzentrieren muss".

Firmen können sich in Vaillancourts

Haut nicht nur ihre Webadresse, sondern auch ihr Logo einstechen lassen. Das kostet

umgerechnet zwischen 3800 und 19.000 Euro. Auch das Logo des Immobilienmaklers Andrew

Moubarak prangt auf Vaillancourts Körper: "Ich profitiere von der Werbewirkung,

und gleichzeitig habe ich indirekt gespendet", sagt Moubarak. Schließlich sei

bereits im Fernsehen über Vaillancourts Tattoo-Projekt gesprochen worden.

10-Jahres-Projekt

Vaillancourt macht sich

auf einen Ansturm in den nächsten Monaten gefasst. Er erhalte Anrufe aus der ganzen

Welt, erzählt er. Sogar "eine der größten Suchmaschinen der Welt" habe

Interesse bekundet, ihren Schriftzug groß auf seinen Rücken tätowieren zu lassen.

Angst, ein wandelndes Adressbuch zu bleiben, hat der Kanadier nicht: In zehn Jahren,

wenn das Projekt beendet sei, werde er sich alles wieder weglasern lassen: "Da

wird man nichts mehr sehen."

Quelle: Clément Sabourin, AFP