100.000 Tätowierungen für Haiti Kanadier mutiert zur Werbetafel

Um Notleidenden zu helfen, kommen manche auf die verrücktesten Ideen - wie Patrick Vaillancourt. Er bietet seinen Körper als Werbeträger und will so 100.000 Firmenadressen auf seinen Körper tätowieren lassen. Der Millionenerlös kommt humanitären Projekten in Haiti zugute.
Zeitungsanzeigen, Plakatwände,
Prospekte? Werbung auf Papier ist out - jedenfalls, wenn es nach Patrick Vaillancourt
geht. Der Kanadier bietet Werbung, die im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut
geht. Für umgerechnet ab knapp 27 Euro lässt der 29-Jährige sich Webadressen auf
seinen Oberköper tätowieren. Und der Platz auf seinem Körper ist begehrt: Seit dem
Start des Projektes Mitte Dezember wurden bereits 200 Internetadressen auf seine
rechte Schulter gestochen. Vaillancourts Ziel: Bis zu 100.000 Adressen sollen ihm
eintätowiert werden. Den Erlös will er zur Hälfte humanitären Projekten in Haiti
spenden.
Bisher werben Immobilienmakler,
Lebensversicherungen, Online-Spieleanbieter oder Diät-Websites bei Vaillancourt,
aber auch Privatpersonen lassen die Adressen ihrer Facebook- oder Twitterkonten
in seine Haut punktieren. Sie zu entziffern, ist allerdings unmöglich - dazu sind
die Buchstaben zu winzig. Schließlich sollen es innerhalb der nächsten sechs bis
zwölf Monate 500 Mal so viele Adress-Tattoos werden. Sie werden zehn Jahre lang
auf Vaillancourts Körper bleiben, wie der Werbeträger selbst versichert. Veröffentlicht
wird jeder Kunde - besser lesbar - auch auf der Website www.back2thelight.com.
Millionen Euro sammeln
Fast 2,7 Millionen Euro
könnten so zusammenkommen, wenn jedes Stückchen Haut belegt wird. Die Hälfte soll
über die Hilfsorganisation Care humanitären Projekten in Haiti zugute kommen. "Ich
habe haitianische Freunde, die das Erdbeben von hier in Québec aus miterlebt haben,
und von ihren Familien seit langem nichts gehört haben", sagt Vaillancourt.
"Ich möchte helfen, so gut ich kann, denn da unten herrscht das totale Elend."
Der selbstständige Informatiker und Vater eines siebenjährigen Jungen beschreibt
sich als "verrückt" und sehr fromm.
Ein Scheck mit umgerechnet
knapp 19.000 Euro ist bereits bei Care angekommen. "Wir dachten nicht, dass
das so schnell geht", sagt die Präsidentin der Hilfsorganisation in der Provinz
Québec, Marie-Eve Bertrand. Bei dem verheerenden Erdbeben im Karibikstaat Haiti
verloren im Januar etwa 250.000 Menschen ihr Leben, rund 1,5 Millionen Menschen
wurden obdachlos.
500 Adressen am Tag stechen
Die andere Hälfte des Geldes
behält Vaillancourt für sich. Die möglicherweise mehr als 1,3 Millionen Euro sieht
er zum Teil als Ausgleich für seinen Verdienstausfall, denn seine eigentliche Arbeit
wird er für das Projekt zurückstellen. Zudem muss er seinen Tätowierer Daniel Tremblay
bezahlen: "Von Januar an werden wir 50 Stunden die Woche daran arbeiten, mit
500 Adressen pro Tag", erklärt Tremblay. Für ihn ist der Job eine echte Herausforderung:
Die Tattoos seien so klein, "dass man sich ständig konzentrieren muss".
Firmen können sich in Vaillancourts
Haut nicht nur ihre Webadresse, sondern auch ihr Logo einstechen lassen. Das kostet
umgerechnet zwischen 3800 und 19.000 Euro. Auch das Logo des Immobilienmaklers Andrew
Moubarak prangt auf Vaillancourts Körper: "Ich profitiere von der Werbewirkung,
und gleichzeitig habe ich indirekt gespendet", sagt Moubarak. Schließlich sei
bereits im Fernsehen über Vaillancourts Tattoo-Projekt gesprochen worden.
10-Jahres-Projekt
Vaillancourt macht sich
auf einen Ansturm in den nächsten Monaten gefasst. Er erhalte Anrufe aus der ganzen
Welt, erzählt er. Sogar "eine der größten Suchmaschinen der Welt" habe
Interesse bekundet, ihren Schriftzug groß auf seinen Rücken tätowieren zu lassen.
Angst, ein wandelndes Adressbuch zu bleiben, hat der Kanadier nicht: In zehn Jahren,
wenn das Projekt beendet sei, werde er sich alles wieder weglasern lassen: "Da
wird man nichts mehr sehen."