Panorama

Schöffin befangenKinderporno-Prozess geplatzt

15.09.2010, 11:00 Uhr
2010-09-08T082223Z-01-AD04-RTRMDNP-3-GERMANY-JPG7706383390767886012
Vor Gericht verbergen die Angeklagten ihr Gesicht. (Foto: REUTERS)

Einer der größten Kinderpornoprozesse in Deutschland platzt wegen der Befangenheit einer Schöffin. Neun Männer sind angeklagt, mehr als 100.000 Sexdateien aus dem Internet heruntergeladen zu haben. Der Prozess muss nun neu eröffnet werden.

Vor dem Landgericht Darmstadt ist einer der bundesweit größten Prozesse um Kinderpornografie geplatzt. Das Gericht gab am vierten Verhandlungstag dem Befangenheitsantrag eines Verteidigers gegen eine Schöffin statt.

Der Anwalt hatte einen Antrag auf Ablehnung der Frau gestellt, da sie gegen seinen Mandanten voreingenommen sei. Daraufhin war der Prozess am Dienstag bereits unterbrochen worden.

Neun Männer angeklagt

Neun Männer aus mehreren Bundesländern sind angeklagt, hauptsächlich zwischen 2006 und 2009 mehr als 100.000 Sexdateien aus dem Internet heruntergeladen zu haben. Darauf soll der sexuelle Missbrauch von Kindern zu sehen sein. Es soll auch um den Missbrauch von Säuglingen gegangen sein. Zwei Männer sind zudem wegen mehrfachen Kindesmissbrauchs angeklagt. Der Prozess wird am 30. September neu eröffnet.

2ta90935-jpg1427919234297689373
Auf dem USB-Stick vom Bündnis gegen Kinderpornografie befindet sich ein Programm für den Internetbrowser, mit dem man Seiten mit kinderpornografischen Inhalten per Knopfdruck an "White IT" weiterleiten und melden kann. (Foto: dpa)

Der mutmaßliche Kinderporno-Ring habe dafür im Internet geheime Treffpunkte für bestimmte Nutzer eingerichtet, so die Staatsanwaltschaft Darmstadt zu Prozessbeginn. "Die Treffpunkte konnten selbst mit Suchmaschinen wie Google nicht gefunden werden", sagte Oberstaatsanwalt Rainer Franosch beim Verlesen der Anklage. Für die Treffs seien Bezeichnungen wie "Zauberwald" und "Sonneninsel" gewählt worden. Teilnehmer hätten sich Spitznamen wie "Waldmeister" und "Lumpi" zugelegt. Wer dazugehören wollte, habe erst einmal eine Art Aufnahmeprüfung bestehen müssen. Die Gruppe war bei einer Razzia im vergangenen Jahr aufgeflogen.

Scheußliche Einzelheiten

Am Dienstag hatte einer der Angeklagten im Alter zwischen 30 und 58 Jahren ein junges Opfer um Entschuldigung gebeten. Der 57-jährige Hesse gab zu, die heute 19-Jährige als Kind missbraucht zu haben. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters, ob er pädophil sei, antwortete der Mann mit "einem klaren Ja". Die junge Frau ist Nebenklägerin in dem Prozess.

Er habe schon immer "Freude im Umgang mit Kindern" gehabt, beschrieb der 57-Jährige seine pädophile Neigung. "Das Sexuelle ist im Laufe der Jahre dazugekommen", sagte der Angeklagte, dem auch mehrfacher Missbrauch von Kindern vorgeworfen wird.

2010-09-08T081912Z-01-AD02R-RTRMDNP-3-GERMANY-JPG700739315843514288
Die Angeklagten sind zwischen 30 und 58 Jahre alt. (Foto: REUTERS)

Auf die Frage, welche Altersgruppen er denn bei seinen Aktivitäten im Internet bevorzugt habe, antwortete er: "Mädchen und Jungen zwischen neun und 13 Jahren." Nach eigenen Angaben suchte der Mann wegen seiner Pädophilie eine Therapie auf: "Ich musste lernen, nein zu sagen."

Der Mann, der in den 1970er Jahren für eine katholische Einrichtung gearbeitet hat, interessierte sich nach seinen Worten mehr für pornografische Geschichten als für Bilder und Filme. Diese teils 20 Seiten langen Geschichten seien "mehr romantisch" gewesen. Rund ein bis zwei Stunden täglich habe er deswegen vor dem Computer verbracht.

Zuvor sagte ein weiterer Angeklagter vor Gericht aus, seit der Trennung von seiner Ehefrau 1996 keinen sexuellen Kontakt zu erwachsenen Frauen gehabt zu haben. Bei den aus dem Internet heruntergeladenen Bildern habe er "Mädchen von 0 bis zwölf" bevorzugt, sagte der Vater von zwei Söhnen. Er sei "ganz klar pädophil", räumte er ein. Der Mann war in der Vergangenheit bei verschiedenen Pfadfindergruppen tätig und organisierte Kindergeburtstage im Zoo seiner sächsischen Heimat. Das Verlangen, ein Kind zu missbrauchen, habe er jedoch nie gehabt, betonte er auf Nachfrage des Richters: "Ich konnte ein Mädchen nicht mal trösten, wenn es geweint hat, da war eine innere Blockade."

Ein dritter Angeklagter gab an, in zehn Jahren rund eine Million Dateien "wahllos" und mit einem automatisierten Verfahren aus dem Internet gesaugt zu haben. Neben Musikdateien waren auf den zehn Computern des Mannes auch harte kinderpornografische Bilder gefunden worden. Darunter waren Bilder von Kindern, "die nicht mal ein Jahr alt sind", wie Richter Jens Aßling beim Vorlegen einiger Bilder kommentierte. Der Angeklagte meinte dazu, er habe viele der Bilder nicht genauer betrachtet. Er habe eine Art "Sammelwut" entwickelt. "Wenn man so viel herunterlädt, ist eben alles dabei."

Quelle: dpa