Panorama

"Organisation nicht im Griff"Klinik-Schließung geprüft

15.11.2007, 16:30 Uhr

Im Skandal um tödliche Behandlungsfehler in einer Klinik im nordrhein-westfälischen Wegberg wird die Schließung geprüft.

Im Skandal um tödliche Behandlungsfehler in einer Klinik im nordrhein-westfälischen Wegberg wird die Schließung geprüft. "Ich habe veranlasst, dass umgehend geprüft wird, ob dem Krankenhaus ein Fehlverhalten bei der Patientenversorgung vorzuwerfen ist", sagte der Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) in Düsseldorf. "Wenn der Krankenhausträger seine Organisation nicht im Griff hat, kann keinem Menschen zugemutet werden, in diesem Krankenhaus behandelt zu werden." Nach bisherigen Ermittlungen wurden monatelang mindestens 19 Menschen falsch behandelt, sechs von ihnen starben. Gegen den Klinikchef in Wegberg wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt, weitere Mediziner stehen unter Verdacht.

Noch am Mittwoch hatte eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums gesagt, eine Schließung sei derzeit nicht im Gespräch. Laumann erklärte nun, ein Verfahren, die Klinik aus dem Krankenhausplan des Landes herauszunehmen, könne nicht kurzfristig umgesetzt werden. Daher sollten die zuständigen Behörden "auch ordnungsrechtlich prüfen, ob von diesem Haus Gefahren für Leib und Leben ausgingen". Dann müsse die Klinik ihre Türen schließen. "Eine solche Schließung aus ordnungsrechtlichen Gründen kann bei entsprechenden Ergebnissen sehr schnell geschehen", betonte Laumann.

Nach einem von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebenen Gutachten waren Patienten falsch oder unnötig operiert worden. Organe sollen ohne medizinische Notwendigkeit entnommen und unnötige Operationen durchgeführt worden sein. Einigen Patienten wurde laut Gutachten Zitronensaft zur Desinfektion in Wunden oder den geöffneten Bauchraum gegeben. Das kleine Krankenhaus hat knapp 100 Betten und beschäftigt rund ein Dutzend Ärzte.

Ärztekammer: "Sicher ein Einzelfall"

Die Ärztekammer Nordrhein schloss ähnliche, bisher unentdeckte Fälle aus. "Die Umstände sind schockierend. In diesem Extrem ist das sicher ein Einzelfall", sagte der Kammer-Justiziar Dirk Schulenburg. Eine zentrale Frage sei, warum die mutmaßlichen Mitwisser unter den Ärzten geschwiegen haben.

Die Ärzte hätten wahrscheinlich aus Angst vor beruflichen Nachteilen geschwiegen, vermutete der Ärztekammer-Justiziar. Die Betroffenen seien überwiegend junge Ärzte, die von dem Chefarzt abhängig seien, etwa wenn es um Zeugnisse gehe. Das Verhalten habe zum einen etwas mit der ausgeprägten Hierarchie im Krankenhaus zu tun. "Das betrifft auch die ärztliche Aus- und Weiterbildung, wie Leute sozialisiert werden im ärztlichen Beruf. Da ist Kritik eben nicht unbedingt erwünscht."

Nach Abschluss des Strafverfahrens will die Ärztekammer Akteneinsicht nehmen, um die Motivlage der zehn Ärzte zu prüfen. Die Kammer wolle verhindern, dass sich so etwas wiederholt. "Wir wollen Ärzte ermutigen, sofort den Mund aufzumachen. Sie dürfen unter keinen Umständen Karrierenachteile haben."