Bombensonntag am RheinKoblenz atmet erleichtert auf

Nach fast dreistündigem bangem Warten kommt die erlösende Nachricht: Die Entschärfung zweier Weltkriegsbomben im Rhein bei Koblenz glückt ohne Zwischenfälle. 45.000 Menschen dürfen zurück in ihre Häuser. "Ich bin kein Held", sagt Kampfmittelräumer Lenz.
Es war ein gespenstischer Sonntag in Koblenz - mit einem glücklichen Ende. Stundenlang war das Zentrum der 106.000-Einwohner-Stadt am zweiten Adventswochenende komplett menschenleer.
Weil zwei Weltkriegsbomben im Rhein entschärft wurden, hatte fast die Hälfte der Stadtbewohner ihre Häuser und Wohnungen verlassen müssen. Es war die größte Evakuierung wegen Relikten aus dem Zweiten Weltkrieg in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Beobachter sprachen von der größten Räumungsaktion seit 1945.
Am Ende brauchten die Experten des Kampfmittelräumdienstes knapp drei Stunden, um eine 1,8 Tonnen schwere britische Luftmine, eine 125 Kilogramm schwere US-Bombe sowie ein Fass mit gefährlichen Chemikalien aus Wehrmachtsbeständen unschädlich zu machen. "Insgesamt lief alles wunderbar", sagte der technische Leiter des Kampfmittelräumdienstes Rheinland-Pfalz, Horst Lenz. In Interviews vor der Räumung hatte er bei der Erläuterung der geplanten Vorgehensweise nur von "dem Ding" gesprochen. Hinterher äußerte er sich betont zurückhaltend. Ein "Held" sei er nicht, sagte Lenz und verwies auf die Arbeit der beteiligten Helfer. Letztendlich sei eine solche Entschärfung nur eine schwere "Schufterei".
Begonnen hatte der Großeinsatz frühmorgens in strömendem Regen. "Hier spricht die Bundeswehr im Auftrag der Feuerwehr Koblenz", quäkte es aus Lautsprechern auf tarnfarbenen Geländewagen. Bis 9.00 Uhr mussten Anwohner die Sperrzone im Umkreis von 1,8 Kilometern um die Bomben verlassen. Dann durchkämmten rund 1000 Feuerwehrleute und Mitarbeiter des Ordnungsamtes die Straßen und prüften, ob wirklich alle Anwohner die Sperrzone verlassen hatten.
Erinnerungen an den Krieg
"Wir hatten vier Türöffnungen, ansonsten war alles ruhig", sagte ein Polizeisprecher. Dreimal war es Fehlalarm, etwa durch eine Lampe mit Zeitschaltuhr, einmal holten Helfer eine demenzkranke Frau aus ihrer Wohnung. Was zurückblieb, war vielerorts Stille und Leere. Im Hauptbahnhof war auf der Anzeigentafel "Zug fällt aus" zu lesen, die elektrische Kerzenbeleuchtung mehrerer Weihnachtsbäume beleuchteten eine verlassene Eingangshalle - fast wie in einem Endzeitfilm aus Hollywood.
Andernorts dominierte bis zum Mittag das Blaulicht der Einsatzfahrzeuge. Insgesamt wurden am Tag der Entschärfung noch 320 Bewohner aus Altenheimen sowie 200 Hilfebedürftige aus privaten Haushalten abgeholt. Bereits an den Vortagen waren zwei Krankenhäuser sowie ein Gefängnis geräumt worden.
Einigen Bewohnern des Altenheims "De Haye'sche Stiftung" war die Angst ins Gesicht geschrieben. Schon um 5.00 Uhr früh wurden sie geweckt. Die 81 Jahre alte Gerti Kraus sagte: "Man mag sich gar nicht ausmalen, was passiert, wenn die Bombe explodiert." Eine Angehörige erzählte von einer Frau, die bitterlich geweint habe: "Sie hat Bombennächte im Zweiten Weltkrieg erlebt und das kommt jetzt alles wieder hoch."
"Vernünftiger" Ausflug
Die sieben Notunterkünfte mit rund 12.000 Plätzen blieben dagegen fast leer. Gerade einmal 522 Menschen zählten die Behörden. In einer Sporthalle im Stadtteil Karthause etwa warteten rund 140 Menschen, Platz wäre für 4000 gewesen. Viele Bewohner waren bei Freunden untergekommen. "Oder sie haben das Wochenende für einen Ausflug genutzt, was vernünftig ist", sagte Oberbürgermeister Joachim Hofmann-Göttig, der selbst in der Sperrzone wohnt und obdachlos auf Zeit war.
"Ich bin es fast schon gewöhnt", erzählte eine evakuierungserfahrene 77-Jährige in einer anderen Halle. Sie sei schon zweimal betroffen gewesen. "Als heute Morgen der Wagen durch die Straßen fuhr und ich die Lautsprecher-Durchsagen gehört habe, habe ich aber doch eine Gänsehaut bekommen. Da kamen Kindheitserinnerungen hoch."
Ein Ehepaar zeigte sich besorgt, jahrelang in Nachbarschaft zu mehreren Bomben gelebt zu haben. Es sei erstaunlich, dass die Bombe erst jetzt beim Niedrigwasser im Rhein entdeckt wurde, sagte der Ehemann. Es sei ein Riesenglück gewesen, dass während der Bundesgartenschau nichts passiert ist: "Die Schiffe sind ja immer an dieser Stelle vorbei gefahren." Fast schon stolz erzählten sie, dass Freunde Zeitungsartikel aus Dubai geschickt hätten über die Bombenentschärfung in ihrer Heimatstadt.
Handpuppen-Show gegen die Angst
In einer anderen Sporthalle brütete eine 24-jährige Studentin über Blöcken und Ordnern. Sie studiert Mathe und Biologie auf Lehramt und nutzte die Zeit zum Lernen. Ursprünglich wollte sie wegfahren, hat sich dann aber doch dagegen entschieden. "Ich möchte einfach mal mitbekommen, wie so etwas abläuft." Nebenan kaute eine Frau an einem belegten Brot. Sie lobte die Helfer in den höchsten Tönen. Langweilig werde ihr mit Kreuzworträtseln und Illustrierten auch nicht.
Freiwillig war Stephan Siegfried in eine Notunterkunft gekommen. Der 23-Jährige studiert in Berlin Puppenspielkunst und gastiert gerade als Schauspieler in Koblenz. Mitgebracht hatte er an diesem Sonntag eine Katzen-Handpuppe - und kam damit gut an. "Ich will die Menschen unterhalten und ablenken", sagte er.
Und dann machte die Nachricht von der erfolgreichen Entschärfung die Runde. Somit konnte sich der spanische Ingenieur Carlos Erviti gemeinsam mit Frau und zwei Kindern wieder auf den Rückweg machen. Er war den Tag über bei Bekannten im hessischen Eltville rheinaufwärts gewesen. "Ich erlebe das wie eine Anekdote, die ich in Spanien später erzählen kann", sagte er. "Bei uns in Spanien kennen wir ja ."