Panorama

U-Bahn-Pfusch mit FolgenKöln droht mit Kündigung

16.02.2010, 17:15 Uhr

Die Stadt Köln und die Verkehrsbetriebe prüfen wegen des Pfuschs beim Bau der U-Bahn in der Domstadt, den Vertrag mit der Arbeitsgemeinschaft der Bauunternehmen zu kündigen. An der Baustelle Heumarkt werden Sicherheitsvorkehrungen wegen des Rhein-Hochwassers getroffen.

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(Foto: dpa)

Die zusätzlichen Hochwasser-Sicherungen an einer gefährdeten U-Bahn-Baugrube in der Kölner Innenstadt sollen bis Ende der Woche fertig sein. Das gaben die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) nach einer Krisensitzung bekannt. Bis dahin sollen Stahlverstärkungen angebracht und Vorbereitungen getroffen werden, damit die Grube im Notfall geflutet werden kann. Dies könnte nötig werden, um bei steigendem Grundwasserspiegel die Stabilität der Baukonstruktion am Heumarkt zu gewährleisten.

Nach immer neuen Berichten über Pfusch beim U-Bahnbau prüfen die Stadt Köln und die KVB als Bauherrin auch, den Vertrag mit den beteiligten Bauunternehmen zu kündigen.

"Das muss aber genau abgewogen werden", sagte KVB-Vorstandssprecher Jürgen Fenske. Denn als Folge einer Kündigung könne es zu weiteren erheblichen Verzögerungen beim U-Bahnbau kommen. Das Baufirmen-Konsortium unter Federführung des Konzerns Bilfinger Berger sei in der Pflicht zu erklären, wie es zu den Unregelmäßigkeiten gekommen ist. Der Mannheimer Baukonzern hat unterdessen drei Mitarbeiter entlassen, die in leitender Funktion an einer Baugrube tätig waren.

Systematischer Betrug auf Baustellen

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Noch immer ist die genaue Ursache für den Archiveinsturz vor einem Jahr unklar. Fest steht: Es gibt erhebliche Mängel beim Bau der U-Bahn. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Bisher ist die Antwort der Unternehmen aus Sicht von Stadt und KVB "unzureichend". Es sei auch noch nicht dargelegt worden, wie ähnliche Missstände künftig verhindert werden sollten. Vorstand und Aufsichtsrat der KVB kritisierten erneut die unzureichende Informationspolitik der Unternehmen zur Sicherheitslage an den Kölner Baustellen. In den vergangenen Tagen und Wochen gab es immer wieder neue Berichte über Baumängel. Auch über systematischen Betrug bei dem U-Bahnbau wird spekuliert. Für 28 unterirdische Schlitzwände - sie dienen der Stabilität - sollen falsche Vermessungsprotokolle angefertigt worden sein.

Stabilisierende Eisenbügel fehlen an einigen Stellen in drastischen Ausmaßen: Am Heumarkt waren nur 17 Prozent der vorgeschriebenen Bügel eingebaut worden, der Großteil soll abgezweigt und an einen Schrotthändler verkauft worden sein.

Köln hat auf Kies gebaut

Die Baustelle in der Innenstadt könnte nach Experten-Einschätzung instabil werden, falls der Rheinpegel auf vier Meter steigt. Derzeit liegt der Pegel deutlich unter der Drei-Meter-Marke, ab Wochenende werden aber steigende Werte erwartet.

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Die Baustelle Heumarkt muss möglicherweise bei Hochwasser geflutet werden, um die Stabilität zu sichern. (Foto: dpa)

"Beim Kölner Baugrund handelt es sich um durchlässigen Kiesbaugrund, das heißt, wenn der Rhein hochkommt, steigt das Grundwasser in gleichem Maße", erläuterte der Präsident der Ingenieurkammer-Bau NRW, Heinrich Bökamp. "Wenn die Grube nicht rechtzeitig stabilisiert werden kann, bleibt eine Flutung die einzige Möglichkeit", sagte Bökamp. So werde erreicht, dass der Druck von innen und außen gleich ist. "Das Fluten geht recht schnell und birgt vergleichsweise geringe Risiken für umliegende Häuser."

Bis Ende der Woche sollen in der Baugrube Stahlverstärkungen angebracht werden, um die Wände stabiler zu machen. Außerdem werde Schotter in die Grube gefüllt, damit diese bei Bedarf geflutet werden kann.

Bilfinger entlässt drei Mitarbeiter

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Bilfinger entlässt wegen der Vorwürfe drei Mitarbeiter. (Foto: dpa)

Bilfinger Berger hatte auf Fragen von KVB und Stadt bisher nur mit der Auskunft reagiert, bei den Bauprotokollen seien "vielleicht aus Software-Unverständnis" Fehler gemacht worden. Drei Mitarbeiter, die in leitender Funktion beim U-Bahnbau tätig waren, seien freigestellt worden. Ein Sprecher von Bilfinger Berger sagte, bei den drei freigestellten Mitarbeitern handelte es sich nicht - entgegen einiger Medienberichte - um die "Führungsriege" des Unternehmens. Die Freistellungen seien zudem bereits vor einigen Wochen ausgesprochen worden, mit Beginn der Ermittlungen. Es handele sich um einen Polier, einen Bauleiter und einen Oberbauleiter. Das gesamte Bauprojekt hat nach Angaben von Bilfinger Berger ein Volumen von 400 Millionen Euro, der größte Teil sei schon abgewickelt.

Ermittlungen in drei Fällen

Wer Schuld hat an den Missständen, ist noch völlig unklar. Die Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen in drei parallelen Fällen: Gegen Unbekannt nach dem Einsturz des Historischen Archivs am 3. März 2009. Das Unglück steht im Zusammenhang mit dem U-Bahnbau und forderte zwei Menschenleben. Ein zweites Verfahren richtet sich gegen zwei Mitarbeiter von Baufirmen. Der Verdacht laute hier auf Betrug und Fälschung technischer Aufzeichnungen, sagte Oberstaatsanwalt Günther Feld.

Zudem ermittelt die Behörde "in Sachen Eisenklau" gegen rund zehn Verdächtige. In den vergangenen Wochen war aufgefallen, dass die Eisenbügel an den unterirdischen Schutzwänden an mehreren Baustellen fehlten. Sie sollen an Schrotthändler verkauft worden sein. Feld sagte, der Diebstahl sei an einer Baugrube aufgefallen. "Wir prüfen aber auch die anderen Baustellen, wo die verdächtigen Arbeiter tätig gewesen sein könnten. Es ist unklar, ob es sich hier noch um größere Ausmaße handelt."

Quelle: dpa/AFP