U-Bahn-Pfusch mit FolgenKöln fürchtet Hochwasser
Mit dem U-Bahn-Bau steht die Domstadt im wahrsten Sinne des Wortes auf schwankendem Boden. Inzwischen ist von "systematischem Betrug" die Rede. Die Kölner Verkehrs-Betriebe denken als Bauherr schon über die Flutung einer besonders gefährdeten Baugrube im Falle eines Hochwassers nach.
Nach Berichten über organisierten Betrug beim Kölner U-Bahnbau kommt am Dienstag der Aufsichtsrat der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) zu einer Krisensitzung zusammen. Angesichts der aufgedeckten Missstände nehmen die Spannungen zwischen dem Bauherrn KVB und den beteiligten Bauunternehmen deutlich zu.
Der KVB-Vorstand hatte die in einer Arbeitsgemeinschaft (Arge) vereinten Firmen aufgefordert, bis Fragen zur Sicherheitslage an den U-Bahnbaustellen zu beantworten. "Das Schreiben der Arge Nord-Süd ist eingetroffen", sagte KVB-Sprecher Franz-Wolf Ramien. "Aus Sicht der KVB ist es jedoch unbefriedigend und wird deshalb weiter geprüft." Kölns Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) forderte den Baukonzern Bilfinger Berger zu einer Stellungnahme auf.
Was wird bei Hochwasser?
Unterdessen sorgen sich die Kölner auch um die Stabilität der Baustellen bei Hochwasser. Während am Rosenmontag Hunderttausende Narren das Zentrum bevölkerten, war die Stadt damit beschäftigt, die innerstädtischen Baustellen gegen Hochwasser zu sichern.
Experten haben beteuert, dass die Stabilität der Baugruben bis zu einem Pegelstand des Rheins von vier Metern gewährleistet ist. Am Montagnachmittag lag der Pegel bei 2,80 Meter. Die städtische Hochwasser-Schutzzentrale rechnet aber damit, dass der Kölner Rheinpegel in den nächsten Wochen durch Tauwetter auf bis zu acht Meter ansteigen könnte.
Steigendes Rheinwasser führt zu einem höheren Grundwasserspiegel in den U-Bahnbaustellen. Das Wasser drückt dann auf die Baustellenmauern. In der vergangenen Woche war bekanntgeworden, dass darin teilweise 83 Prozent der stabilisierenden Eisenbügel fehlen. "Wir haben bereits mit vorsorglichen Stabilisierungsarbeiten begonnen", sagte der Kölner Stadtdirektor Guido Kahlen: "Während des Rosenmontagszugs liefern die Baufirmen schon das notwendige Material in die U-Bahnbaustelle ein."
Notfalls Flutung der Heumarkt-Baustelle
Falls das Hochwasser zur Gefahr wird, wollen die Kölner Verkehrsbetriebe die U- Bahn-Baustelle am Heumarkt in der Innenstadt fluten. "Das ist eine gute Möglichkeit, die Standfestigkeit zu garantieren", sagte KVB-Sprecher Ramien. Wegen Pfuschs am Bau droht die Baustelle beim Steigen des Rheinpegels deutlich über vier Meter instabil zu werden.
Um das verhindern, werden bereits zusätzliche Querverstrebungen eingebaut. Sollten diese nicht zur Stabilisierung ausreichen, will man die Baugrube mit Wasser füllen. Bereits am Dienstag sollen Arbeiten zum Einbau eines unterirdischen Schotts in der U-Bahnbaustelle zwischen dem Heumarkt und dem Rathaus begonnen werden. Mit Hilfe dieser Abschottung soll verhindert werden, dass das Wasser einer möglichen Flutung auch in die bereits weiter ausgebaute Haltestelle am Rathaus läuft.
"Versehen" wird ausgeschlossen
Nach Zeitungsberichten wächst der Verdacht auf systematischen Betrug beim U-Bahnbau. Mittlerweile seien schon falsche Vermessungsprotokolle für 28 sogenannte Schlitzwände in den Baugruben entdeckt worden, berichteten der "Kölner Stadt-Anzeiger" und die "Kölnische Rundschau". Diese Stahlbetonkonstruktionen sind zum Abstützen der Baugruben notwendig.
"Wir gehen davon aus, dass es noch deutlich mehr sein können", sagte ein an der Aufklärung beteiligter Insider dem "Kölner Stadt-Anzeiger" mit Blick auf die falschen Vermessungsprotokolle. Für die Ermittler sehe es nach einer "systematischen Fälschung" aus. Es sei nahezu auszuschließen, dass es sich bei den fehlerhaften Protokollen um ein bloßes Versehen handeln könne.
Zuvor hatten Zeitungen bereits berichtet, dass bei der Herstellung der unterirdischen Stützwände nicht nur der Großteil der stabilisierenden Eisenbügel weggelassen, sondern auch zu wenig Beton eingefüllt wurde. Die Eisenstangen sollen von Arbeitern an Schrotthändler verkauft worden sein. Die rechtlich vorgeschriebenen Werte, die die Beschaffenheit des jeweiligen Wandabschnitts dokumentieren müssten, seien nicht nur vertauscht, sondern offensichtlich gezielt manipuliert worden, schrieb der "Stadt- Anzeiger".
Das Vertrauen ist futsch
Eine "städtische Führungskraft" wurde in der Zeitung mit den Worten zitiert, das Vertrauen in die am U-Bahnbau beteiligten Firmen sei "erschüttert bis zum Gehtnichtmehr". Eine Kündigung sei jedoch problematisch, sowohl aus rechtlichen wie aus praktischen Gründen. Es gibt nicht viele Firmen, die für einen U-Bahnbau infrage kommen.
Die Angst wächst täglich
Oberbürgermeister Roters forderte den Bilfinger-Berger-Vorstandschef Herbert Bodner auf, zu den Arbeiten an Schlitzwandlamellen der Nord-Süd Stadtbahn Stellung zu beziehen. Die Verunsicherung der Kölner Bevölkerung über die Sicherheitssituation an den Haltestellenbauwerken nehme angesichts der Meldungen über Unregelmäßigkeiten laufend weiter zu, erklärte Roters. Täglich wachse die Angst, weil immer neue Mängel bei der Bauausführung bekannt würden.
In der Nähe des Waidmarkts in der Innenstadt war Anfang März 2009 das Kölner Stadtarchiv eingestürzt. Dabei kamen zwei Menschen ums Leben, zahlreiche wertvolle Archivalien wurden verschüttet. Es wird vermutet, dass das Unglück und Fehler beim U-Bahn-Bau in Zusammenhang stehen.