Das "Guantanamo-Stigma"Leiden auch nach der Entlassung
Obama hat die Schließung Guantanamos angekündigt, das der ehemalige Häftling Mustapha Ait Idir als einen Ort schlimmer als die Hölle beschreibt. Doch nach einer Entlassung ist der Alptraum noch lange nicht vorbei, sagen Ex-Häftlinge und Wissenschaftler.
Winzige Zellen ohne Tageslicht, Prügel und Erniedrigungen, Folter mit lauter Musik und grellem Licht - diese Leiden von Häftlingen des Gefangenenlagers Guantanamos sollen nach dem Willen des neuen US-Präsidenten Barack Obama schnell ein Ende haben. Er hat die Schließung des Lagers auf Kuba angekündigt, das der ehemalige Häftling Mustapha Ait Idir als einen Ort schlimmer als die Hölle beschreibt. Doch nach einer Entlassung ist der Alptraum Guantanamo noch lange nicht vorbei, sagen Ex-Häftlinge und Wissenschaftler. Das Leben im Lager hinterlässt tiefe Narben, die eine Rückkehr in die Normalität fast unmöglich erscheinen lassen.
"Niemand kann sich vorstellen, wie schrecklich es war", sagt der 38-jährige Idir über seine siebenjährige Haft in Guantanamo. "Selbst der Teufel hätte nicht einen solch schlechten Ort schaffen können." Idir wurde als junger Mann unschuldig in das Gefangenenlager gesteckt. Ein US-Zivilgericht stufte im November die Inhaftierung des gebürtigen Algeriers und vier weiterer Häftlinge als illegal ein und ordnete ihre Freilassung an. Seit Dezember ist Idir wieder ein freier Mann. Die Qualen während seiner Haft hat er jedoch noch lange nicht verarbeitet.
Schockierte Anwälte
"Die Wachen hatten die Angewohnheit, in Gruppen von sechs oder sieben Leuten zu kommen (...) und dann fing die Prügel an", erzählt Idir von seiner Haftzeit. Einmal seien die Wachen in Begleitung eines Arztes gekommen. "Er zeigte auf einige Stellen am Körper und sagte 'schlagt hier'. Nach den Schlägen gab es keine sichtbaren Spuren am Körper, aber es tat so weh, dass man sich nicht bewegen konnte."
Anwälte haben wiederholt berichtet, wie schockiert sie waren, als sie das Lager in Guantanamo zum ersten Mal besuchten. Erlaubt wurden die Besuche erst Ende 2004, also knapp drei Jahre nach der Einrichtung des Gefangenenlagers. Stephen Oleskey erzählte einmal, wie sein Mandant Lakhdar Boumedienne auf Guantanamo gequält wurde - auch er wurde inzwischen für unschuldig erklärt und entlassen. Während eines monatelangen Hungerstreiks sei Boumedienne zwangsernährt worden. Zwei Mal täglich hätten sie den geschwächten Häftling an einen Stuhl gefesselt, ihm eine Maske übergestülpt und einen Schlauch durch die Nase eingeführt. "Manchmal ist der Schlauch in der Lunge gelandet und nicht im Magen: Das ist Folter", sagte der Anwalt.
Dauerhaftes Stigma
In Guantanamo waren insgesamt rund 800 Männer und Jugendliche inhaftiert, mittlerweile sind es nach Angaben des Pentagon noch etwa 245. Das Schicksal von rund 60 der ehemaligen Guantanamo-Insassen wurde von Forschern der University of California in Berkeley untersucht. "Der Alptraum der Häftlinge hört nicht mit ihrer Freilassung auf", fassen die Wissenschaftler Laurel Fletcher und Eric Stover die Ergebnisse ihrer Studie zusammen. "Diese Männer, die nie wegen eines Verbrechens angeklagt wurden und nie die Gelegenheit hatten, ihre Ehre reinzuwaschen, leiden unter einem dauerhaften 'Guantanamo-Stigma'." Deswegen würden die Ex-Häftlinge wieder in Freiheit auch keine Arbeit mehr finden, sagen die Forscher.
Fletcher und Stover haben von den Ex-Häftlingen schreckliche Erinnerungen zu hören bekommen. Einer berichtete, wie er stundenlang in einer unbequemen Haltung gefesselt wurde und zusätzlich mit grellem Licht und extrem lauter Musik gequält wurde. "Erst einmal fühlst du nichts, dann nach einer Weile (...) bekommst du Krämpfe in den Oberschenkeln, am Hintern, in den Waden und dann werden deine Beine taub", zitieren die Wissenschaftler den Häftling.
Auch der in Bremen geborene Türke Murat Kurnaz hat Schreckliches im Guantanamo-Lager erlebt. Er habe unter Isolationshaft, Schlafentzug, religiösen und sexuellen Erniedrigungen, wiederholten Schlägen und endlosen Verhören gelitten, sagte er im Mai vor dem Auswärtigen Ausschuss des US-Repräsentantenhauses. "Ich habe nichts Schlechtes gemacht und wurde wie ein Monster behandelt."