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12.000 Kinder haben ihre Eltern verloren
12.000 Kinder haben ihre Eltern verloren(Foto: ASSOCIATED PRESS)
Samstag, 04. Juni 2011

Sparen für eine Kalaschnikow: Mexikos Drogenkrieg traumatisiert Kinder

Seit 2006 kamen 34.600 Menschen im blutigen Drogenkrieg in Mexikos Norden ums Leben. Viele von ihnen waren Eltern. Nicht selten mussten die Kinder die Hinrichtung von Mutter und Vater miterleben - ein Trauma, das sie ihr Leben lang begleiten wird. Doch es gibt viel zu wenig professionelle Hilfe.

Jorge ist sechs Jahre alt und spart sein Geld für eine Kalaschnikow AK-47. Solch ein Sturmgewehr, so glaubt der mexikanische Junge, braucht er mindestens, um den brutalen Mord an seinem Vater zu rächen. Jorge ist eines von 12.000 Kindern, die Mexikos unerbittlicher, blutiger Drogenkrieg zu Waisen oder Halbwaisen gemacht hat. Mehr als 34.600 Menschen starben in dem zentralamerikanischen Land seit Dezember 2006 durch Revierkämpfe, mit denen die Drogenbarone das ganze Land überziehen, und durch Militäreinsätze gegen die Kartelle. Weitere 5000 Menschen gelten nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten als vermisst.

Aktion gegen Gewalt: Kinder geben in Ciudad Juárez ihre Spielzeug-Waffen ab.
Aktion gegen Gewalt: Kinder geben in Ciudad Juárez ihre Spielzeug-Waffen ab.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Der Drogenhandel floriert in ganz Mexiko - vor allem entlang der Grenze zu den USA. Allein in der Grenzstadt Ciudad Juárez wurden seit Ende 2006 etwa 7000 Menschen ermordet, die meisten davon waren zwischen 17 und 35 Jahre alt. Viele von ihnen hatten nach Angaben von Sozialarbeitern und Trauerbegleitern kleine Kinder. Für Gustavo de la Rosa von der regionalen Menschenrechtskommission ist es ein bleibendes, tragisches Vermächtnis der brutalen Schlacht der Drogenkartelle: "Mindestens 12.000 Kinder haben Mutter oder Vater oder beide verloren", sagt er. Wer die Hinrichtung seiner Eltern miterleben muss, trägt ein Leben lang seelische Narben, auch wenn er selbst unverletzt blieb.

"Wir brauchen dringend Psychologen"

Doch in Juárez gibt es lediglich 20 Psychologen, die die Überlebenden betreuen. Und die Zahl der Waisen nimmt täglich zu: "Wir brauchen dringend Psychologen", sagt De la Rosa. Die Behörden suchen nun speziell Personal, das bereits Erfahrung mit Kriegs- und Gewaltopfern in Krisengebieten wie auf dem Balkan und in Afrika hat. Weil es nicht genug Therapeuten gibt, mussten bereits Akademiker, Geistliche oder Sozialarbeiter einspringen. Jorge hat Glück: Als eines der wenigen Kinder, die ein Elternteil verloren haben, wird er therapeutisch betreut. Nachdem der Kleine seiner Mutter erzählt hatte, dass er sich ein Gewehr kaufen wolle, wandte sie sich hilfesuchend an einen Sozialarbeiter.

Kinder stehen vor einem abgesperrten Tatort im mexikanischen Morelia.
Kinder stehen vor einem abgesperrten Tatort im mexikanischen Morelia.(Foto: REUTERS)

"Diese Geschichten sind nicht ungewöhnlich", sagt Silvia Aguirre, die in der Stadt ein Familienzentrum gründete. Die sechs Therapeuten der Institution arbeiten an den Grenzen ihrer Belastbarkeit. Für Eltern oder Pflegeeltern traumatisierter Kinder gibt es Workshops, doch die Nachfrage übersteigt bei weitem das Angebot. Einige Kinder erhalten Spieltherapie, um den gewaltsamen Tod ihrer Eltern zu verarbeiten. Andere kämpfen als Angehörige von Dealern oder Narcos, wie sie hier heißen, mit den emotionalen Folgen der Stigmatisierung. Aguirre erzählt von einem Kind, das sein Sparschwein füttert, "um eine Bombe zu kaufen und einen TV-Sender in die Luft zu jagen". Dieser hatte Bilder vom abgetrennten Kopf seines ermordeten Vaters gezeigt.

Die Schriftstellerin Myrna Pastrana, die aus Ciudad Juárez stammt, hat rund hundert Geschichten betroffener Kinder zusammengetragen. "Ein Kind berichtete, wie einige Männer kamen und seine Eltern und drei ältere Geschwister nacheinander erschossen", erzählt sie. Der Sechsjährige erinnere sich lebhaft an die Blutlachen seiner Familienmitglieder auf der Straße.

Kreislauf des Tötens setzt sich fort

In Pastranas Kindheit war Ciudad Juárez eine lebhafte und schöne Stadt, wie sie betont. Das ist heute schwer vorstellbar. Ihrer Ansicht nach ist internationale Hilfe nötig, beispielsweise vom UN-Kinderhilfswerk UNICEF, um den Teufelskreis der Gewalt zu stoppen. "Tausende Kinder bekommen überhaupt keine Hilfe", sagt sie und warnt: "Sie werden ohne Zweifel verbitterte Erwachsene werden und den Kreislauf des Tötens fortsetzen."

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Quelle: n-tv.de

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