Suche
hier klicken, um den Ort für die Startseite festzulegen
Berlin
17
MI 6° / 15°
DO 4° / 13°
Panorama

Freitag, 13. März 2009

Angebliche Amok-Drohung: Minister Rech unter Druck

Die Herkunft der angeblichen Ankündigung des Amoklaufs von Winnenden und Wendlingen ist weiter rätselhaft. Es werde überprüft, ob der Eintrag auf der Website krautchan.net tatsächlich von Tim K. stamme oder eine Fälschung sei, teilte die Polizei mit. Der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech (CDU) geriet unter Druck, weil er die Falschmeldung voreilig verbreitet hatte.

Rech hatte am Donnerstag auf einer Pressekonferenz gesagt, der Amokläufer habe die Bluttat in einem Internet-Chat angedeutet. Der Minister hatte zudem behauptet, Ermittler hätten entsprechende Daten auf dem PC des Amokläufers gefunden. Dies wurde am Abend von der Polizei dementiert.

Nach Angaben des Waiblinger Polizeisprechers Klaus Hinderer wurde auf dem Computer des Täters keine solche Ankündigung verfasst. Die Ermittler gingen deshalb laut Polizei eher von einer Fälschung als einer echten Botschaft aus.

"Eventuell war das ein Übermittlungsfehler", sagte ein Polizeisprecher zum Auftritt des Ministers vom Vortag. Allerdings hat sich mittlerweile herausgestellt, dass der Computer von Tim K. zum Zeitpunkt der Pressekonferenz noch gar nicht ausgewertet war.

Die Zeugen werden vernommen

Für die Echtheit spreche allerdings, dass zwei Zeugen unabhängig voneinander den Eintrag Stunden vor der Tat gelesen und kommentiert haben wollen, sagte Hinderer. Deren Aussagen würden überprüft. Für eine Fälschung spreche wiederum auch das Dementi des Server-Betreibers des Internet-Forums krautchan.net in den USA. Zudem habe Tim K. seinen PC in der Nacht zum Mittwoch gegen Mitternacht, also vor dem Zeitpunkt des vermeintlichen Internet-Eintrags, abgeschaltet.

Die Polizei prüfte nun, ob Tim K. die Botschaft von einem anderen Computer aus versendet haben könnte. Darauf gab es laut Hinderer aber zunächst keine Hinweise. Klarheit sollten die Daten des Server-Betreibers schaffen. Die US-Behörden wurden den Angaben zufolge gebeten, alle Informationen auf dem Server der Firma sicherzustellen.

"Gründlichkeit vor Schnelligkeit"

Die baden-württembergische SPD warf Minister Rech vor, Fehlinformationen zu verbreiten. "In solchen Fällen geht Gründlichkeit vor Schnelligkeit", sagte SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel. Dass eine womöglich falsche Information weltweit verbreitet worden sei, sei "peinlich".

Rech verteidigte sein Vorgehen. Zum Zeitpunkt der Pressekonferenz seien die Ermittlungsbehörden überzeugt gewesen, dass der Täter seinen Amoklauf angekündigt habe. Es sei richtig gewesen, die Öffentlichkeit zu informieren. Sollten sich die Zweifel an der Echtheit des Chat-Eintrags bestätigen, müsse sorgfältig über Konsequenzen nachgedacht werden. "Es kann und darf nicht sein, dass auf so skrupellose und menschenverachtende Weise die Gefühle der trauernden Angehörigen mit Füßen getreten werden", erklärte Rech.

Noch sieben Verletzte im Krankenhaus

Am Freitag wurden noch sieben Opfer des Amoklaufs im Krankenhaus behandelt. Der Zustand der fünf Schüler und zwei Polizisten sei nicht lebensbedrohlich, sagte Hinderer. Einige der Schüler zwischen 14 und 17 Jahren hätten Schussverletzungen erlitten. Andere hätten sich auf der Flucht Knochenbrüche zugezogen. Tim K. hatte 15 Menschen getötet und sich am Ende seiner Flucht selbst erschossen.

Um die Hinterbliebenen und die Mitschüler kümmert sich ein Team aus rund hundert Notfallbetreuern und Seelsorgern. Nach der ersten Schockphase kämen nun die Emotionen durch, sagte eine Betreuerin des Deutschen Roten Kreuzes. "Wir nehmen die Betroffenen einfach in den Arm und bieten bei Bedarf Hilfe an." Die Leichen der 15 Opfer des Amokschützen wurden in einem Krankenhaus aufgebahrt, so dass ihre Angehörigen sich von ihnen verabschieden konnten.

Nach Angaben der Schulbehörde wird der Unterricht für die Schüler der Albertville-Realschule auch in der nächsten Woche ausfallen. Allerdings soll es in umliegenden Schulen ein Betreuungsangebot geben, an dem Psychologen teilnehmen. Wann der reguläre Schulbetrieb wieder aufgenommen werde, sei unklar.

Trittbrettfahrer festgenommen

Unterdessen hielten mehrere Trittbrettfahrer die Polizei in Atem. Im niedersächsischen Schneverdingen wurde ein 21-Jähriger festgenommen, der am Donnerstagabend einen Amoklauf an seiner Schule angedroht hatte. Im baden-württembergischen Ilsfeld wurde eine Realschule gesperrt, nachdem ein Unbekannter einen Amoklauf im Internet angekündigt hatte.

"Das ganze ist kein Spaß und die Konsequenzen sind bitterernst", sagte Oberstaatsanwalt Stefan Wirz, Sprecher des baden- württembergischen Justizministeriums. Ein Trittbrettfahrer müsse mit empfindlichen Strafen rechnen. "Diese gehen bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe."

Außerdem könnten in solchen Fällen "erhebliche Schadenersatzforderungen" auf den Täter zukommen, sagte Wirz. "Der Polizeieinsatz und die Evakuierungskosten können sehr teuer werden und dann ist der Täter oft ein Leben lang damit beschäftigt, seine Schulden abzustottern.

Artikel versenden

Angebliche Amok-Drohung: Minister Rech unter Druck

Empfänger
Ihre Informationen
Persönliche Mitteilung

Die Daten werden nur zum Versenden der Nachricht benutzt und nicht gespeichert.