Die Angst nimmt zuMittelamerika und die Krise
Obwohl die Menschen in den Elendsvierteln nichts besitzen, zeigt die globale Wirtschaftskrise auch hier ihre Auswirkungen: Die armen Länder Mittelamerikas stehen vor einer neuen Herausforderung.
Am Eingang eines der zahllosen Gässchen im Barrio 22. April, des wohl größten Slums von San Salvador, haben sich zehn Jungen und Mädchen auf einer Bastmatte niedergelassen. Vergnügt, aber hochkonzentriert setzen sie, beobachtet von der Lehrerin Ana Mercedes Guzman, Puzzle zusammen. Über ihnen an der Hauswand haben Mitglieder der Jugendbande "Mara 18" ihre Insignien aufgemalt und damit klargemacht, wer hier das Sagen hat. Am Rande der engen Straße, durch deren Gossen Abwasser in Richtung Panamerican Highway fließen, stehen zwei Pappkartons mit Lehrbüchern.
Der aus Deutschland stammende Pater Gerhard Poeter hat es möglich gemacht. Seit der 1,97 Meter große Mann vor über 20 Jahren nach San Salvador kam, hat er in dieser, auf dem Müllberg der salvadorianischen Hauptstadt gewachsenen Elendssiedlung Schulen gegründet und betrieben. Und aus Mangel an Gebäuden organisiert er auch Klassen unter freiem Himmel. "Wir setzen uns am Morgen in eine Straße und fangen an, mit unserem Material zu spielen", sagt Ana Mercedes. "Dann kommen die Kinder und schließen sich uns an und die Schule beginnt."
Auf dem Müllhaufen angesiedelt
Armut und Perspektivlosigkeit, aber auch die Flucht vor dem Bürgerkrieg mit 75.000 Toten haben die Leute einst gezwungen, sich auf dem großen Müllhaufen anzusiedeln. Mittlerweile sind in dem Teil südlich der Panamericana aus Hütten feste Häuser geworden und auch die engen Straßen und Gassen haben eine Betondecke. Darunter modert weicher Müll.
Und darüber, im Viertel, ist das Leben gefährlich, vor allem wegen der "Maras". Das sind gewalttätige Jugendbanden, die die Menschen terrorisieren. Sie kassieren unter anderem "Steuern" ein, von kleinen Geschäften, von Bus- und Taxifahrern. Wer nicht zahlt, muss damit rechnen, erschossen zu werden. "Hier werden jeden Monat zwei Jugendliche getötet", berichtet Poeter, der die "Mara"-Häuptlinge kennt, wie jeder hier. Seine Schulen zielen unter anderem darauf ab, die meist alleingelassenen Kinder nicht in die Hände der "Maras" fallen zu lassen.
"Alles das ist seinerzeit einfach auf dem Müll errichtet worden", sagt der aus dem Emsland stammende Pater. "Das ist sehr gefährlich. Bei Erdbeben werden Häuser beschädigt oder sie stürzen ein." Und doch bleiben die Menschen hier wohnen. Immerhin haben sie hier ein Häuschen und ein allerdings sehr bescheidenes Auskommen. "Viele leben vom Straßenhandel im Stadtzentrum oder halten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, die sie nur dort finden können."
Gastarbeiter kommen aus den USA zurück
Obwohl die Armen in diesem Elendsviertel nichts besitzen, hat die globale Wirtschaftskrise auch hier schon spürbare Auswirkungen. Viele Familien leben von Überweisungen der Väter oder der Mütter aus den USA. Doch die bleiben seit einigen Monaten zunehmend aus, weil die Jobs fehlen. Und viele Gastarbeiter kommen zurück, weil sie von den US-Behörden des Landes verwiesen werden oder weil sie arbeits- und mittellos aufgeben. In El Salvador gibt es keine Arbeit. Und im Armenviertel 22. April machen die kleinen Geschäfte zu, kein Geld, keine Waren.
Die Weltwirtschaftskrise stellt die armen Länder in Mittelamerika vor neue Herausforderungen. Die Region, die in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugelegt hatte, muss nun befürchten, dass die bescheidenen Fortschritte wieder zunichtegemacht werden. Fachleute befürchten den Absturz in völlige Armut, den Verlust von Arbeit und Auskommen für hunderttausende Menschen in der Region von Mexiko bis Panama. Schon die Explosion der Brennstoff- und der Lebensmittelpreise hatte zu Beginn des vergangenen Jahres in Haiti Unruhen und in Honduras Demonstrationen ausgelöst.
Die Angst der Regierungen
Davor haben die Regierungen der Region die größte Angst. Tausende der illegalen Gastarbeiter kommen in diesen Tagen aus den USA zurück in die Heimat, wo es schon keine Arbeit gab, als sie weggingen. In El Salvador sind die "Remesas" (Überweisungen aus den USA), die wichtigste Einnahmequelle des Landes, von 3,8 Milliarden Dollar auf rund drei Milliarden zurückgegangen. In den anderen Ländern sieht es nicht besser aus. Deshalb drängen die Regierungen Washington, die "Illegalen" nicht in Massen zurückzuschicken. "Hier bei uns könnte das zu einer Katastrophe werden", sagt Pater Gerhard Poeter.