"Der Welt ins Gewissen reden"Papst reist in die USA
Lange schon wollte er vor den Vereinten Nationen sprechen. Nun kann sich Papst Benedikt XVI. diesen Wunsch erfüllen. Die Lage in Tibet und im Irak, Armut und die umstrittene Todesstrafe wird er auf seiner Reise in die USA zur Sprache bringen.
Papst Benedikt XVI. war erst ein paar Monate im Amt, da gab es erste Spekulationen, dass er gerne vor den Vereinten Nationen (UN) in New York sprechen wolle. "Er hat ein Ziel: Der Welt ins Gewissen zu reden", nannte das ein Vatikan-Insider. Von der "Plattform der Weltpolitik" wolle der strenge Deutsche gegen das Böse in der Welt zu Felde ziehen, gegen "moralischen Relativismus", gegen Armut und Unterdrückung, gegen Umweltzerstörung, gegen Todesstrafe - und natürlich gegen den Krieg.
Lange hat es gedauert, bis Joseph Ratzinger sich diesen Wunsch erfüllt. Wenn er vom 15. bis 20. April nach Washington und New York reist, vor den UN auftritt, am Ground Zero für die Opfer der Anschläge vom 11. September 2001 betet und mit US-Präsident George W. Bush spricht, kann Benedikt bereits sein dreijähriges Dienstjubiläum feiern - doch die Probleme in der Welt haben sich nicht verändert. Eines ist sicher: Der siebte Auslandsbesuch des Deutschen auf dem Petrusstuhl wird auch die "politischste Reise" seiner bisherigen Amtszeit werden. Klare Worte und Fingerspitzengefühl sind gefragt - nicht immer hatte Benedikt in der Vergangenheit mit seinen politischen Äußerungen Glück.
USA-Liebhaber und -Kritiker
"Warum der Papst Amerika liebt", titelt die US-Zeitschrift "Time Magazine" im Vorfeld des Besuchs optimistisch. Ganz angetan sei das Kirchenoberhaupt von der Religiosität der Amerikaner, für die der sonntägliche Kirchgang noch eine Selbstverständlichkeit ist und deren Präsident sich ohne Zögern öffentlich als tiefreligiös "outet". Eine echte Schwäche habe der Papst für das Land, das kaum angekränkelt sei von der "Glaubensmalaise" in Europa. Als "gleichzeitig völlig modern und tiefreligiös" betrachte der Deutsche auf dem Petrusstuhl die Neue Welt.
Doch das ist nur die halbe Wahrheit, zugleich sind die USA ein schwieriges Terrain für Benedikt, kaum eine andere Kirche wurde derart gebeutelt wie die rund 70 Millionen Katholiken der USA. Der Skandal um sexuellen Missbrauch durch Priester - und die teilweise systematische, jahrelange Vertuschung - hat nicht nur die Glaubwürdigkeit der "Priesterklasse" erschüttert, er hat einige Diözesen zudem an den Rand des finanziellen Bankrotts gebracht. "Klare Worte und Fingerspitzengefühl sind notwendig", heißt es. US-Medien registrieren feinsinnig, dass Ratzinger einen Besuch in Boston, der "Hochburg" des Skandals meidet - Stellung beziehen wird er trotzdem, lässt der Vatikan wissen.
Auftakt des Besuchs ist am 16. April ein Gespräch mit dem Präsidenten im Weißen Haus. Beide kennen sich bereits, ihre Differenzen in Sachen Irakkrieg, Umweltpolitik sowie Todesstrafe sind so gut bekannt, dass es kaum Überraschungen geben dürfte. "Höflichkeitsbesuch", heißt der Kurzbesuch im Weißen Haus offiziell. Höflich zugehen wird es sicherlich, notfalls können beide Seiten Gemeinsamkeiten wie Stärkung der Menschenrechte und der Religionsfreiheit betonen. Dass der Papst die Einladung zu einem feierlichen Abendessen ausgeschlagen hat, dürfte die Stimmung dennoch nicht trüben.
Als Professor vor den VN
Doch Washington ist lediglich Auftakt der Reise, als Höhepunkt gilt New York. Nach Paul VI. (1965) und Johannes Paul II. (1979) ist Benedikt der dritte Papst, der im Glaspalast der Vereinten Nationen das Wort ergreift. "Verworrene Weltlage, Krise der Hoffnung", immer wieder versucht Benedikt, von Hause aus eher Professor als Seelsorger, die widersprüchliche Weltlage zu skizzieren. Es gilt als sicher, dass er die Lage im Irak und im Nahen Osten ansprechen wird, Afrika und das anhaltende Drama im sudanesischen Darfur sowie Tibet - aber auch die Schattenseite der Globalisierung, Armut sowie Umweltzerstörung und das Streitthema Todesstrafe.
Mit Spannung wird in den USA erwartet, wie detailliert und wie eindeutig der Papst aus Deutschland das heiße Eisen islamistischer Terrorismus anpacken will. Seit den Turbulenzen nach seiner Regensburg-Rede im Sommer 2006 ist Benedikt vorsichtiger geworden, doch mit der jüngsten Taufe eines ehemaligen Muslimen zu Ostern im Vatikan hat Ratzinger gezeigt, dass er vor Konflikten nicht zurückscheut. Auch das Gebet am Ort des Terroranschlags vom 11. September ist mehr als nur eine beiläufige Geste.
Von Peer Meinert und Hanns-Jochen Kaffsack, dpa