Panorama

Illegales Geschäft blühtRussland kämpft um seine Tiger

01.05.2009, 15:02 Uhr

Russlands Tierschützer konnten bei ihrem Kampf um die Rettung seltener Arten nur kurz aufatmen: Zwar hat Putin ein Tigerschutzprogramm aufgelegt, aber in Zeiten der Wirtschaftskrise blüht das Geschäft mit den Wildtieren.

Russlands Tierschützer konnten bei ihrem Kampf um die Rettung seltener Arten nur kurz aufatmen: Zwar ließ Regierungschef Wladimir Putin nicht nur ein Tiger-Schutzprogramm auflegen und verbot das blutige Geschäft mit Sattelrobbenbabys, die wegen ihrer Felle lange Zeit im Weißen Meer abgeschlachtet wurden. Der Moskauer Tierschützer Igor Beliatski meinte dazu sicher zu Recht: "Für die Tiere ist diese neue Politik ein Segen." Aber zur Freude gebe es dennoch kaum einen Grund, denn wegen der Wirtschaftskrise blühe das illegale Geschäft mit den Wildtieren wie lange nicht mehr.

"Die Menschen bei uns gehen wieder verstärkt in den Wäldern auf Jagd, nicht nur um Fleisch zu haben, sondern auch um Trophäen zu schießen und zu verkaufen", berichtet Beliatski. Er arbeitet für den Internationalen Tierschutzfonds IFAW. Da immer mehr Menschen ihre Arbeit verlieren, sinke auch die Hemmschwelle, in die Wilderei und den Schmuggel von toten oder lebendigen Tieren einzusteigen. Für einen toten, wilden Amur-Tiger würden mehr als 10.000 Dollar auf dem Schwarzmarkt gezahlt - beim Nachbarn China werde alles von der Kralle bis zum Zahn verarbeitet. In arabischen Ländern seien auch lebende Falken aus Russland als Statussymbole begehrt.

Nur noch 40 Leoparden

Die russische Polizei in Ussurijsk im Fernen Osten hatte erst Anfang April nach Angaben der Naturschutzorganisation WWF (World Wide Fund for Nature) einen erschossenen Leoparden in einem Auto bei einer Verkehrskontrolle entdeckt. "Es gibt doch nun wirklich auch in der Krise andere Möglichkeiten, Geld zu verdienen", kommentiert der WWF-Experte Sergej Aramilew den Trend. Nur noch etwa 40 Leoparden gebe es in Russland. Dem Wilderer drohen zwei Jahre Haft und 500.000 Rubel (12.000 Euro) Strafe.

Kaum besser steht es um die Population der Amur-Tiger, der größten Raubkatze der Welt, deren geschätzte Zahl von 450 weiter schrumpft. Oft seien nicht einmal mehr die ausgehungerten oder kranken Tiger- Waisen der getöteten oder überfahrenen Mütter in den Auffangstationen zu retten, sagt Beliatski. Zudem gebe es zu wenig Inspektoren, die die Jagd verhindern. Die Tierschützer beklagen auch, dass ein dauerhaftes Gerangel der Behörden um Zuständigkeiten echte Tierschutzarbeit bremse. Zwar gebe es Fälle, in denen Geheimdienste, Zoll und Polizei gut zusammenarbeiteten, sagt Beliatski. Doch der Schwarzmarkt sei mit vielen Hintermännern perfekt organisiert.

Schwach ausgeprägtes Umweltbewusstsein

Die Artenschützer kritisieren seit langem, dass das Umweltbewusstsein in Russland nur schwach ausgeprägt ist. "In der Krise nehmen die Gesetzesverstöße zu", sagt Beliatski. Er beklagt auch, dass organisierte Jagden auf geschützte Tiere wie die Saiga- Antilope mit unzulässigen Hilfsmitteln wie Hubschraubern, teils sogar mit Staatsdienern an Bord, weiter üblich seien. Der IFAW und andere international tätige Organisationen verlangen seit Jahren, dass etwa auch die Jagd auf Bären im Winter verboten wird. Jedes Jahr gebe es bis zu 3000 Bärenjungen, die so zu Waisen würden. "Retten können wir nur etwa 20 pro Jahr. Viele Bären werden als Haus- und Zirkustiere aufgezogen, ihre Haltung ist oft reine Quälerei", sagt Beliatski.

Nach Putins jüngsten Initiativen "zum Schutz der natürlichen Ressourcen" hoffen die Experten auch auf eine Lösung einer Vielzahl anderer Umweltprobleme in Russland. So werde etwa durch die Abholzung von jährlich 50 Millionen Kubikmeter Wald in Russland eine wichtige Lebensgrundlage für die Tiere vernichtet. Der IFAW verlangt zudem die Ausweisung von Naturschutzgebieten auch in Meeresregionen, damit etwa Algen und Wale besser geschützt werden - vor allem vor den Projekten der Öl- und Gasindustrie mit ihren Bohrinseln und Pipelinenetzen.

"Sie sind der Präsident meines Herzens"

Russlands Initiative zum Schutz der Sattelrobbenbabys im Weißen Meer zeige, dass an den höchsten Stellen ein Sinneswandel eingesetzt habe, meinen Tierschützer. "Natur und Rohstoffe sind der wichtigste Reichtum Russlands", sagt Beliatski. Zudem merke Putin, dass der Schutz von Tieren sein Image auch international verbessere. Nahezu begeistert lobte Frankreichs Ex-Filmdiva und Tierschutzaktivistin Brigitte Bardot den früheren Kremlchef: "Sie sind der Präsident meines Herzens", schrieb sie ihm nach dem Verbot der Robbenjagd.