Sehnsucht nach starken SymbolfigurenSamurais sind in Japan Kult
Ob als Videospiel oder in Manga-Comics, die japanischen Samurai haben eine Popularität erreicht, von der Herrscher der Gegenwart nur träumen können.
Samurai sind in Japan derzeit Kult - ob als Videospiel, auf Kinoleinwänden oder in Manga-Comics. Die Schwerter schwingenden Kriegsfürsten aus Japans Feudalzeit haben eine Popularität erreicht, von der Herrscher der Gegenwart nur träumen können.
Biographien der mittelalterlichen Kämpfer erzielen Verkaufsrekorde, die Familienwappen der Clans sind als Glücksbringer begehrt und ihre Burgen werden von Legionen von Fans belagert. Ob als Hintergrundbild auf dem Handy-Display oder als Stars in Historiendramen im Fernsehen - mit den Samurai sind Umsatz und Quote in Japan derzeit garantiert. Grund für den Kult um die martialischen Krieger ist nach Ansicht von Experten die Politikverdrossenheit und Unsicherheit der japanischen Gesellschaft in der Krise.
Samurai-Kult für 510 Euro im Jahr
Der Samurai-Kult ist nach Berechnungen des Wirtschaftsexperten Toshihiro Nagahama vom Forschungsinstitut Dai-ichi Life umgerechnet gut 510 Millionen Euro im Jahr wert. Vor allem Videospiele und mit populären Darstellern besetzte TV-Serien haben den Krieger-Boom befördert. Die Zeitschrift für Geschichtsinteressierte "Rekishi Kaido" ("Straße der Geschichte") brachte fast jeden Monat des vergangenen Jahres eine Titelstory über die Samurai.
Einige Beobachter erklären den Trend mit der Sehnsucht nach starken Führungspersönlichkeiten im rezessionsgeschwächten Japan und angesichts der farblosen Politik der beiden gemäßigten Parteien. In Krisenzeiten "suchen die Leute starke Symbolfiguren, auf die sie ihre Ideale projizieren können", sagt Hideki Nakagawa. Der Soziologe an der Nihon-Universität gilt als Experte für Popkultur.
Was als Trend unter Videospiel-Freaks begann, wuchs sich zum Mainstream-Kult aus, als junge Frauen ihre Vorliebe für die japanischen Ritter entdeckten. In einer Gesellschaft, in der Meinungsforscher den "passiven Pflanzenfresser" als neuen männlichen Bevölkerungstypus identifizieren, suchten Frauen "Super-Fleischfresser", sagt der Medienforscher Ichiya Nakamura von der Keio-Universität. "Die Samurai-Krieger waren anders als die leidenschaftslosen, kaltäugigen japanischen Männer von heute. Sie hoben sich von der Masse ab wegen ihrer starken Persönlichkeiten."
Angesagter Samurai: "Einäugiger Drache"
Die zurzeit angesagtesten Samurai sind Oda Nobunaga, der im 16. Jahrhundert Japan erstmals weitgehend vereinigte, und der als "Einäugiger Drache" bekannte Date Masamune, berühmt für seinen Helm mit klingenähnlichem Halbmond. In der Tokioter Buchhandlung Jidaiya wurden nach Angaben einer Sprecherin in den vergangenen zwölf Monaten zehn Mal mehr Samurai-Biographien verkauft als sonst.
Nicht zuletzt zeugt das große Interesse an den Samurai von der Verunsicherung der Gesellschaft, gerade jetzt, wo Japan aus der schlimmsten Rezession seit Ende des Zweiten Weltkriegs auftaucht. "Wenn die Verbraucher frustriert sind durch Stagnation und sogar Rezession, wächst ihre Faszination für Figuren, die diese Stagnation aufbrechen könnten", sagt der Verbraucherforscher Yoshiya Nomura.
Es mangelt an resoluten Politikern
In einem auf Samurai-Bücher spezialisierten Laden schwärmt eine 17-Jährige, die japanischen Ritter hätten sich "für Gerechtigkeit und zum Schutz des Volkes" geopfert. Inzwischen aber diene "Politik nur noch den Interessen der Politiker". "Wir leben in einer Zeit, der es an resoluten Politikern mangelt", sagt auch der 39-jährige Fumikazu Oyama.
Er schaut sich in einem Buchgeschäft um, das sich auf die Sengoku-Zeit (Zeit der streitenden Reiche) des 15. bis 17. Jahrhunderts spezialisiert hat. "Die heutigen Politiker verschleppen und verschieben die Lösung der Probleme nur", betont er. "Japan wird es noch schlechter gehen, wenn dies so weitergeht."