Panorama

Lob den SonntagsfahrernSenioren fahren sicherer

05.04.2008, 11:55 Uhr

Senioren weisen die längste Reaktionszeit beim Autofahren auf. Doch verursachen sie die wenigsten Unfälle. Routine und Lebenserfahrung lassen sie sicher durch den Straßenverkehr gleiten.

Plötzlich ging alles zu schnell für den 82 Jahre alten Autofahrer: Der Wagen aus der rechten Seitenstraße hatte Vorfahrt - aber der ältere Herr erkannte die Situation zu langsam. Die Zahl solcher Unfälle steigt laut Statistik rasant an, weil es immer mehr alte Menschen gibt, die zudem bis ins hohe Alter mobil bleiben. "Spätestens mit 70 sollte man sehr vorsichtig sein", sagt der Leipziger Verkehrspsychologe Bernd Wiesner. Viele Menschen sehen und hören dann schlechter, reagieren langsamer und ermüden schneller.

Trotzdem sind Senioren nach der Erfahrung Wiesners die sichersten Autofahrer. "Die haben jahrzehntelang Routine." Schon mehrmals habe er ältere Menschen gesehen, die beim Reaktionstest völlig versagt haben und anschließend mit großer Sicherheit durch den Stadtverkehr steuerten, erzählt der Verkehrspsychologe. Und wenn es doch einmal kracht, bleibe es oft bei kleinen Blechschäden.

80 Prozent der über 80-Jährigen 2025 mit Führerschein

Gefährlich werde es, wenn Autofahrer die Zeichen des Alters nicht erkennen, sagt Wiesner. Für Behörden, Verbände und Politiker stellt sich die Frage, wann man einen Senioren besser nicht mehr ans Steuer lassen sollte. "Im Jahr 1999 hatten nur zehn Prozent der über 80-Jährigen einen Führerschein, 2025 werden es 80 Prozent sein", sagt Heidi Hagenreiner vom TÜV Süd in München.

Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden verzeichnet einen starken Anstieg bei verunglückten Senioren im Straßenverkehr - allerdings auf niedrigem Niveau. Nur an 9,5 Prozent der Autounfälle waren bei der letzten Erhebung im Jahr 2006 Menschen über 64 Jahren beteiligt - obwohl 19 Prozent der Deutschen zu den älteren Fahrern zählen. Die Altersgruppen lassen sich allerdings nur eingeschränkt vergleichen, weil Senioren meist seltener hinter dem Steuer sitzen als Jüngere.

Doch die niedrigeren Unfallzahlen könnten nicht nur an der geringen Kilometerleistung älterer Menschen liegen, glaubt Sachsens Innenminister Albrecht Buttolo (CDU), in dessen Bundesland die Senioren besonders wenig Unfälle verursachen. "Es kann davon ausgegangen werden, dass sich Senioren umsichtiger im öffentlichen Verkehrsraum bewegen und altersbedingte Leistungsschwächen durch Lebenserfahrung, Regeltreue und Verantwortungsbewusstsein ausgleichen", sagt er.

Kein freiwilliges Verzichten aufs Autofahren

An dieses Verantwortungsbewusstsein müssten auch Familie und Freunde appellieren, sagt Verkehrspsychologe Wiesner. Zu oft fehle der Mut, einen älteren Menschen auf seine Fahrunsicherheit hinzuweisen und zum Verzicht auf sein Auto zu überreden. Nach Angaben der Verkehrsbehörden ist es trotzdem die große Ausnahme, dass Senioren freiwillig auf den Führerschein verzichten.

Strikte Altersgrenzen lehnen die meisten Experten aber ab. So hat etwa im sächsischen Zwickau ein 93-Jähriger alle medizinisch-psychologischen Tests mit Bravour bestanden. Trotzdem sollten Autofahrer spätestens vom 70. Lebensjahr an regelmäßig ihre Fahrtüchtigkeit testen lassen, rät Verkehrspsychologe Wiesner.

Meist reiche es auch schon, ein paar Verhaltenstipps zu beherzigen: Ältere Autofahrer sollten eben nicht in einem schnittigen Porsche durch die Gegend fahren, "sondern ein Auto mit bequemer Sitzposition und guter Rundumsicht nehmen". Auch Musik aus dem Radio vertrage sich oft nicht mit dem Hörgerät. "Und wer sich dann jede Stunde eine Ruhepause gönnt und gemütlich einen Kaffee trinkt, der macht eigentlich alles richtig."

Von Marc Herwig, dpa