Für ein friedliches Afghanistan"Skateistan" in Kabul
Ein einzigartiges Hilfsprojekt in Kabul will helfen, die Grenzen zwischen den verschiedenen Ethnien in Afghanistan aufzuheben: Mit Hilfe des Skateboards.
Stürze machen ihr nichts aus, dazu ist Fatana viel zu begeistert von ihrem neuen Hobby. Die zehnjährige Afghanin rollt mit lautem Rattern auf einem Skateboard durch einen trockenen Brunnen in Kabul, ein gutes Dutzend andere Jungen und Mädchen tun es ihr gleich. Zusammenstöße, bei denen die Boards unter den Kindern davonschießen, werden mit einem Lachen quittiert. Junge afghanische Männer und der Deutsch-Australier Oliver Percovich zeigen dem Nachwuchs, wie man die Bretter beherrscht. Ihrem einzigartigen Hilfsprojekt haben sie einen eingängigen Namen gegeben: Skateistan.
Skateistan soll helfen, die Grenzen zwischen den verschiedenen Ethnien in Afghanistan aufzuheben, die sich in der Vergangenheit immer wieder bekriegt haben. "Wir wollen die Barrieren durchbrechen", sagt der 33-jährige Percovich. Nicht nur der Ansatz, auch die Arbeitsweise der Jungs von Skateistan ist unkonventionell: Während Mitarbeiter manch anderer Hilfsorganisation nur noch mit gepanzerten Fahrzeugen unterwegs sind, fahren die Skater mit Motorrädern und Taxis zu den Treffen mit den Kindern. Sie haben weder bewaffneten Wachschutz noch ein großes Budget, nur ihre Begeisterung und ihre Bretter mit den vier Rollen. Das Skateistan-Logo zeigt einen Skateboarder, unter dessen Brett eine Kalaschnikow zerbricht.
Vom Straßenkind bis zur Tochter eines Bankmanagers
Percovich selber skatet seit seiner Kindheit, auch auf seinen ausgedehnten Reisen außerhalb Australiens hat ihn sein Board immer begleitet. Im Februar vergangenen Jahres folgte er seiner damaligen Freundin nach, die in Kabul Arbeit gefunden hatte. Die Freundin, ein weiterer Freund und er skateten in der Freizeit. Kinder hätten damals gefragt, ob sie sich die sonderbaren Geräte einmal ausleihen dürften. Im vergangenen November wurde die Skateistan-Idee geboren. "Die Kinder lächelten, also schien es eine gute Idee zu sein", sagt Percovich. "Wir dachten, das ist ein hervorragender Weg, um mit den Menschen auf der Straße ins Gespräch zu kommen."
70 Prozent der Afghanen seien jünger als 25 Jahre, die meisten Hilfsorganisationen arbeiteten aber mit den Älteren. "Es gibt wenig Unterstützung für die Kinder, um ihnen zu ermöglichen, Kinder zu sein", sagt Percovich. Er will Skateistan so schnell wie möglich in einheimische Hände geben und unabhängig von ausländischer Hilfe machen. Das Projekt ist schnell gewachsen. Skateborards und Material wurden aus dem Ausland gespendet. Rund 100 Jungen und Mädchen - vom Straßenkind bis zur Tochter eines Bankmanagers - wagten sich bislang auf die Bretter, etwa 20 davon kommen regelmäßig zu den Treffen an verschiedenen Plätzen in der Hauptstadt. Nächstes Ziel ist der Bau einer Skateboardschule auf einem eigenen Gelände in Kabul und dann in anderen afghanischen Städten.
Mit Vorurteilen aufräumen
Bis es soweit ist, skaten Percovich, seine afghanischen Freunde und die Kinder auf anderen halbwegs glatten Asphaltflächen, die sie in der Stadt finden - wie dem eingangs erwähnten trockenen Brunnen. Dort hat sich der 16-jährige Mirwais eingefunden, er nennt Skateboarden "wunderbar". Viel Erholung hat er in seinem Leben ansonsten nicht. Wenn die Schule aus ist, steht Mirwais auf der Straße und putzt Autos, er bringt es auf etwa zwei Euro am Tag, mit denen er seine achtköpfige Familie unterstützt.
Seit zwei Monaten ist sein Alltag etwas bereicherter, sein jüngerer Bruder nahm in damals mit zu einem der Skateboard-Treffen. Er selber lerne schnell, sagt Mirwais. "Eines Tages hätte ich gerne mein eigenes Skateboard." Der Sport sorgt nicht nur für Erholung in der unsicheren und immer noch armen Stadt, in der das tägliche Überleben auch für Kinder schwierig sein kann. Er räumt zudem mit Vorurteilen auf. "Ich kann besser skaten als die Jungs", sagt die zehnjährige Fatana. "Was Jungen können, können Mädchen auch."