Panorama

Kriminalität in Mexikos NordenTijuana in Angst

29.10.2008, 09:25 Uhr

Die Gewalttaten in Tijuana im Norden Mexikos nehmen beständig zu. Bisher beschränkte sich das Morden auf die Mitglieder zweier Kartelle, doch zunehmend sind auch Unbeteiligte betroffen.

Um 20.30 Uhr betrat das Kommando eines Verbrecher- Kartells das Fischrestaurant "Nuevo Durazo" im Herzen von Tijuana. Die Killer gingen auf drei Männer an einem Tisch nahe der Musikerempore zu, zogen Schnellfeuerwaffen und erschossen die drei Männer. Drei weitere Personen des beliebten Lokals wurden verletzt. Ohne Hektik verließen die Killer das Lokal und rasten dann in zwei Autos mit quietschenden Reifen davon. Danach wurden in der Nähe noch mehrere Schießereien registriert. In dieser Nacht" forderte der "Narco-Krieg" in Tijuana an der Nordwest-Grenze Mexikos noch mindestens fünf weitere Tote.

Der Polizei und den von Präsident Felipe Caldern in den Krieg gegen die Drogenkartelle abgestellten Streitkräften, die das Gebiet um das "Nuevo Durazo" abriegelten, bot sich ein schon gewohntes Bild. Zweien der Opfer war es noch gelungen aufzustehen. Die Kugeln durchschlugen ihre Körper, die zwischen die Musikinstrumente geschleudert wurden. Zum Glück der Musiker hatte die Band gerade eine Pause eingelegt. Der dritte Mann starb auf einem Stuhl. In der ersten Oktoberhälfte wurden allein in Tijuana 104 Menschen im Kugelhagel getötet, meist Mitglieder rivalisierender Drogenbanden.

Zunehmend Unbeteiligte betroffen

Seit mehr als einem Jahrzehnt haben die Gewalttaten in der 1,6 Millionenstadt beständig zugenommen. Doch bis vor einiger Zeit beschränkte sich das Morden hauptsächlich auf die Mitglieder zweier Kartelle, des Golf-Kartells und der Bande der Arellano Felix (Tijuana-Kartell), die um die Kontrolle über die Stadt kämpfen. Die Stadt im äußersten Nordwesten Mexikos ist eine der lukrativsten Nahtstellen zwischen den USA und Lateinamerika für den Drogenhandel, den Waffenschmuggel, für Prostitution und Menschenschmuggel.

"Die Schießereien spielten sich meist in den nicht von der Regierung kontrollierten Armenvierteln ab", erklärt Rodolfo Corona Vsquez vom Institut der Nordgrenze. "Jetzt sind zunehmend auch unbeteiligte Einwohner betroffen. Das Leben ist für uns alle unsicher geworden." Vor wenigen Tagen wurde ein Baby von einem Geschoss getötet, als es mit seinen Eltern zwischen die Fronten geriet. Bürgermeister Jorge Ramos Hernndez bekannte, die Lage in der Stadt sei bedauerlich.

Gefegte Straßen

Am Abend nach dem blutigen Überfall auf das Fischrestaurant herrschte in den Lokalen der Innenstadt gähnende Leere. "Die Leute haben Angst, in der Dunkelheit auf die Straße zu gehen", sagt Adela Navarra, Direktorin der Wochenzeitung "Revista Zeta". Sie weiß, wovon sie redet. Der Gründer des Blattes und drei weitere Mitarbeiter wurden ermordet, nachdem die Zeitung begonnen hatte, über die Machenschaften der Kartelle und die Korruption führender Persönlichkeiten der Stadt zu berichten.

Dabei wirken Tijuana und die anderen Städte des Norden weitaus aufgeräumter, ordentlicher und sauberer als die meisten Städte im Zentrum und im Süden des Landes. Die Straßen sind gefegt, es liegt kaum Müll herum, und die Menschen halten sich an die Verkehrsregeln: An Stopp-Schildern und roten Ampeln bremsen die Autofahrer ihr Fahrzeug und lassen Fußgängern den Vortritt. Selbst die in den Straßen patrouillierenden schwer bewaffneten Militärfahrzeuge halten sich an die Gesetze.

Touristen machen sich rar

Aber die wachsende Unsicherheit und die Tatsache, dass die Stadtregierung nicht in der Lage ist, die Menschen zu schützen, hat schwerwiegende Folgen für die wirtschaftliche Entwicklung. Touristen, vor allem US-Amerikaner aus dem nahen San Diego, die sich früher zu Tausenden in den Bars der Revolutions-Avenue diversen Vergnügungen hingaben, machen sich rar. Ebenso gehen Investitionen zurück - etwa für die Ansiedlungen von Verarbeitungsbetrieben. Die Einnahmen der Restaurants sind in den vergangenen Wochen um über 30 Prozent eingebrochen.

"Der Tourismus hat wegen der Gewalttaten um bis zu 50 Prozent verloren", sagte die Chefin des Tourismus-Komitees von Tijuana, Ana Alicia Menenes, Mitte Oktober. Sie forderte die Behörden auf, dem Verbrechen entschlossener entgegen zu treten. Auch die Einwohner der Stadt sind der Gewalt und der Angst müde. "Wir können nicht mehr unser Haus verlassen, ohne zu denken, dass etwas passieren könnte", sagte ein Mann. "Wenn nicht einmal diejenigen sicher sind, die für die Sicherheit zuständig sind, was können wir dann als Bürger erwarten?"

Besonders unsicher ist das Leben vor allem für die Wohlhabenden, die in ständiger Angst davor leben, dass sie erpresst oder entführt werden. Die meisten von ihnen leben mit ihren Familien bereits seit Jahren in San Diego. Seit einiger Zeit verlagern sie auch ihre Geschäfte und Restaurants in die USA oder eröffnen dort Filialen.

Quelle: Franz Smets, dpa