Panorama

Erdogan in Ludwigshafen"Trauer unermesslich"

07.02.2008, 18:57 Uhr

Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) sicherte dem türkischen Ministerpräsidenten zu, dass alles zur Aufklärung der Hintergründe getan wird.

Nach der Brandkatastrophe von Ludwigshafen haben deutsche und türkische Politiker zu Besonnenheit gemahnt. Bei einem Besuch am Unglücksort dankte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan den deutschen Rettungskräften ausdrücklich für ihren Einsatz. Angesichts der Spekulationen über einen ausländerfeindlichen Hintergrund bat Erdogan: "Lassen Sie uns alle helfen, die Freundschaft der Türkei zu Deutschland zu stärken." Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) sicherte zu, dass alles zur Aufklärung der Hintergründe getan wird.

Die Ursache der Katastrophe war auch nach vier Tagen noch nicht geklärt. Die Ermittler schließen sowohl einen technischen Defekt als auch Brandstiftung nicht aus. Bei dem Brand in einem von Türken bewohnten Haus waren am Sonntag neun Menschen ums Leben gekommen, darunter fünf Kinder. 60 Personen wurden verletzt. Besonders in der Türkei wird darüber spekuliert, dass die Katastrophe einen ausländerfeindlichen Hintergrund haben könnte.

Indizien und Aussagen

Als Indizien dafür gelten die Aussagen von zwei Mädchen, die einen Mann am Tatort beobachtet haben wollen, sowie Nazi-Schmierereien, die in dem ausgebrannten Eckhaus entdeckt wurden. Diese seien jedoch schon vor Jahren angebracht worden, gaben die Ermittler inzwischen bekannt. Außerdem wurde auf das Haus im August 2006 ein Anschlag verübt. Zu türkischer Kritik am Einsatz der Rettungskräfte sagte Erdogan: "Wenn es das große Engagement der Polizei und Feuerwehr nicht gegeben hätte, wäre der Schmerz noch größer gewesen." Der Trauer in der Türkei sei "unermesslich". Er hoffe, "dass die Ermittlungen sehr sorgfältig und sehr schnell durchgeführt werden".

Die Staatsanwaltschaft dämpfte allerdings Hoffnungen auf einen schnellen Durchbruch. "Wir werden einfach Geduld haben müssen", sagte Oberstaatsanwalt Lothar Liebig. Erdogan, der in Ludwigshafen von mehr als tausend Menschen mit viel Beifall empfangen wurde, sprach auch mit Hinterbliebenen. An diesem Freitag wird der Ministerpräsident im Rahmen eines schon länger geplanten Besuchs von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) empfangen.

Politiker warnen

Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) warnte in der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" vor falschen Verdächtigungen. Mit Blick auf die Reaktionen in der Türkei sagte er: "Wir fühlen uns genauso betroffen, dass neun Menschen ums Leben gekommen sind, die bei uns gelebt haben. Wir sind in unserer Betroffenheit über Todesopfer nicht von der Staatsangehörigkeit abhängig." Auch Beck rief dazu auf, keine Vorurteile zu schüren. "Das Unglück wird uns nicht auseinander bringen. Wir sind in Trauer vereint." Zugleich setzte sich der SPD-Chef gegen Kritik zur Wehr, wonach er einen Anschlag zu früh ausgeschlossen haben soll.

Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) sagte, die Politik solle zunächst einmal die Experten ihre Arbeit machen lassen. "Das gilt ganz besonders und in erster Linie für türkische Parteien und Politiker." Grünen-Chefin Claudia Roth sagte: "Wir brauchen Besonnenheit und Vertrauen in die Arbeit der Behörden." Auch der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, mahnte zu Zurückhaltung. Für die These, es könne sich um einen Anschlag handeln, sei es "zu früh", sagte er im Südwestrundfunk.

Aleviten kritisieren Medien

Die Alevitische Gemeinde in Deutschland kritisierte das Verhalten von Regierung und Medien in der Türkei. Generalsekretär Ali Ertan Toprak warf ihnen vor, Misstrauen zu schüren. "Das schadet der Integration." Dass die türkische Regierung ihre eigenen Ermittler nach Ludwigshafen schicke, sei falsch. "Es entsteht der Eindruck: Wir trauen den deutschen Ermittlern nicht." Unter den neun Toten sind acht Aleviten. In Deutschland gehören rund 800.000 Menschen der liberal-islamischen Glaubensgemeinschaft an, die in der Türkei nicht offiziell anerkannt wird.