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Die kleine Eisenbahn in dem Berliner Freizeitpark FEZ soll Kinder begeistern - eine Missbrauchsserie brachte die Einrichtung aber in Misskredit.

Die kleine Eisenbahn in dem Berliner Freizeitpark FEZ soll Kinder begeistern - eine Missbrauchsserie brachte die Einrichtung aber in Misskredit.
(Foto: dpa)

Sonntag, 06. November 2011

Missbrauch im Kinder-Eisenbahner-Idyll : Vermeintlich heile Welt zerbricht

Eine Parkeisenbahn für Kinder, bei der Teenager Schaffner und Lokführer sind - an der Seite von Erwachsenen. Was wie reine Idylle klingt, entpuppt sich in Berlin als idealer Ort für Kinderschänder.

Die Einladung klingt harmlos und nett: Der Nikolaus lädt zur Dampflok-Fahrt mit der Berliner Parkeisenbahn Wuhlheide. Doch die heile Welt dieser kleinen Schmalspurbahn, bei der schon Teenager Schaffner oder Lokführer werden können, ist zerbrochen. Die Einladung wirkt wie Hohn, wenn Polizisten und Staatsanwälte wegen sexueller Gewalt ermitteln. Zwei erwachsene Hobby-Eisenbahner sind bereits verurteilt, weil sie Jungen missbrauchten. Sieben weitere Männer stehen im Verdacht. Die Sache hatte wohl System, jahrelang.

Sie erinnert ein wenig an das Berliner Canisius-Kolleg, mit dem das Ausmaß sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche ans Licht kam - in der Vergangenheit. Doch das hier ist die Gegenwart. Es geht um Missbrauch in einem Freizeit-Verein, sicher nicht dem einzigen.

"Können Sie einen Kinderschänder erkennen?"

Die heile Welt der kleinen Schmalspurbahn ist zerbrochen.

Die heile Welt der kleinen Schmalspurbahn ist zerbrochen.
(Foto: dpa)

Ernst Heumann, ehrenamtlicher Geschäftsführer der Parkeisenbahn, kämpft um das Lebenswerk von Eisenbahnfreunden. Über die Wende haben sie die kleine Bahn gerettet. Generationen sind seit dem Start als Ostberliner "Pioniereisenbahn" im Jahr 1956 mitgefahren. Es gibt heute nur dreieinhalb feste Stellen. 130 Erwachsene halten die Bahn ehrenamtlich in Schuss. Der Senat zahlt 15.000 Euro Zuschuss, der Betrieb kostet aber mehr als 200.000 Euro im Jahr. Das Geld erwirtschaften die Eisenbahner - durch Ticketverkauf, Beiträge und Spenden. 70 Kinder und Jugendliche lernen hier ganz praktisch, was das Eisenbahnerherz begehrt. So mancher hat durch sein Hobby eine Lehrstelle bei der Deutschen Bahn gefunden. Und nun das.

Heumann erlebt seit der ersten Anzeige im Herbst 2010 eine Krise, die nicht endet. Die Parkeisenbahner waren wie eine Familie. Jetzt hat einer von ihnen gestanden, dass er sich zwischen 2000 und 2008 mindestens 47-mal an sechs Kindern und einem Jugendlichen verging. Was nach dem ersten Schock bleibt, ist tiefe Enttäuschung. Heumann hat alle Verdächtigen sofort aus dem Verein geworfen. Doch es nagt weiter. "Können Sie einen Kinderschänder erkennen?", fragt er.

Politik schaltet sich ein

Die Vorfälle bei der Parkeisenbahn haben die Politik auf den Plan gerufen. Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) regt bundesweit an, dass Kinder- und Jugendbetreuer in Vereinen ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen müssen. Das enthält auch kleinere Vorstrafen oder frühere Taten, die Hinweise auf Gewalt gegen Kinder geben.

Der Hauptbahnhof der Parkeisenbahn Wuhlheide.

Der Hauptbahnhof der Parkeisenbahn Wuhlheide.
(Foto: dpa)

Ernst Heumann verlangt dieses Zeugnis jetzt. Er hat sich Fachberater gesucht und Präventionsseminare zu sexueller Gewalt zur Pflicht gemacht. Niemand habe bisher sein Kind abgemeldet, sagt er. Der Überlebenswille sei groß: "Der Missbrauch und der Betrieb dieser Bahn sind zwei völlig unterschiedliche Dinge". Das mag ein Trugschluss sein. Strukturen und Missbrauch können zusammenhängen.

Problem des Wegschauens

Marek Spitczok von Brisinski ist Soziologe und Traumafachberater bei den "berliner jungs", einem Verein, der auf die Prävention von sexueller Gewalt an Jungen spezialisiert ist. Der Verein hilft der Parkeisenbahn seit Monaten, Missbrauch künftig zu vermeiden.

Der Bahnverein ist kein Einzelfall. "Die meisten kommen erst zu uns, wenn etwas passiert ist", sagt Spitczok von Brisinski. Sexuelle Gewalt sei noch immer tabuisiert. Bei vielen Freizeitvereinen gebe es eine Art innere Distanz, weil das ein unangenehmes Thema sei. "Aber genau das führt dazu, dass man nicht genau hinschaut", ergänzt der Berater. Nach Studien gibt es bei sexueller Gewalt außerhalb der Familie bis zu 350 Betroffene, bevor ein Täter von der Polizei gefasst wird. In Familien sind es zwei bis drei Betroffene.

Eldorado für Pädophile

Die bisherige Struktur der Parkeisenbahn muss pädophile Männer magisch angezogen haben: ein unübersichtliches Gelände, keine ausgebildeten Pädagogen und ein eigener Verantwortungsbereich - sei es Stellwerk oder Bahnhof. Ungestört konnten die Täter das Vertrauen der Jungen gewinnen und verlangten schließlich als "gute Kumpel" sexuelle Gegenleistungen. Sie konnten Druck ausüben und Schweigen erzwingen - wohl mehr als zehn Jahre lang.

Ernst Heumann hat vor einigen Jahren einem Mitarbeiter gekündigt, dem sexuelle Übergriffe vorgeworfen wurden. Er hat damals keine Anzeige erstattet. "Manchmal denke ich jetzt, eine Anzeige wäre besser gewesen", sagt er nachdenklich. "Aber dann frage ich mich, ob es etwas gebracht hätte bei einem einzelnen Tatvorwurf."

Marek Spitczok von Brisinski kennt dieses Denkmuster. Häufig werde Mitarbeitern einfach gekündigt. "Damit wird dem Verdacht nicht hinreichend auf den Grund gegangen." Am besten sei es, eine Fachberatungsstelle hinzuzuziehen. "Es ist schwer für eine Institution, das intern zu klären", ergänzt er. Insbesondere, wenn es dort keine Kinderschutz-Experten gebe. "Denn die Täter manipulieren auch die Mitarbeiter und stellen sich gut mit Leitungen."

Vielleicht ist die Parkeisenbahn erst der Anfang. Gekündigte Mitarbeiter haben nach Zeitungsberichten bei anderen Bahnvereinen in Brandenburg einfach weitergemacht - auch mit sexueller Gewalt.

Ernst Heumann wünscht sich jetzt nur noch Ruhe. Das wird schwierig. Im nächsten Jahr kann es weitere Prozesse geben. Und bis Mitte November muss der Verein dem Senat ein pädagogisches Konzept vorlegen. Sonst gibt es keine Zuschüsse mehr - Endstation.

Ulrike von Leszczynski, dpa

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