Panorama

"Ich konnte nicht hinsehen"Verzweiflung in Sichuan

14.05.2008, 13:03 Uhr

Der Duft von Räucherstäbchen und das Wehklagen der Angehörigen erfüllen den chinesischen Ort Anwang: 60 Leichen liegen dort notdürftig in Plastik eingehüllt auf der Straße.

Der Duft von Räucherstäbchen und das Wehklagen der Angehörigen erfüllen den chinesischen Ort Anwang: 60 Leichen liegen dort notdürftig in Plastik eingehüllt auf der Straße. Die Verwandten legen Zweige oder Blumen auf die Opfer des Erdbebens vom Montag.

Der 27-jährige Fabrikarbeiter Zhang Chuanlin sagt, seine Mutter sei beim Fernsehgucken in ihrem Haus verschüttet worden. "Zunächst kam niemand zur Hilfe". Eine Stunde später sei es dann mit zwei Fremden gelungen, seine 52 Jahre alte Mutter aus den Trümmern zu bergen. "Als sie sie herauszogen, konnte ich nicht hinschauen. Ich konnte einfach nicht hinsehen", sagt Zhang. Noch am Sonntag hatte er ihr zum Muttertag gratuliert und ihr neue Sandalen geschenkt.

Die Rettungskräfte kämpfen gegen die Zeit: Mit jeder Stunde, die seit dem verheerenden Erdbeben der Stärke 7,9 vergeht, wird die Chance geringer, Überlebende zu bergen. "Die Regierung tut nichts für uns. Die Regierung hilft uns nicht", ruft eine verzweifelte Mutter immer wieder. Li Zhenhua sagt, ihr Mann habe in Wenchuan unweit des Epizentrums gearbeitet, aber sie könne bei den Behörden nichts über ihn in Erfahrung bringen. "Ich habe sie angefleht, mir zu helfen, meinen Mann zu suchen." Soldaten müssen Angehörige zurückdrängen, um die Zufahrtsstraßen zum Katastrophengebiet für Rettungsfahrzeuge offenzuhalten.

Regierungschef Wen tröstet Opfer

Der 30-jährige Lastwagenfahrer Lu Wei will sich selbst zu Fuß auf den Weg durch das bergige Sichuan machen. Im 80 Kilometer entfernten Wenchuan will er nach seinen Verwandten suchen. Er habe kein Lebenszeichen von ihnen, sagt Lu. "Ich höre ständig, dass Wenchuan dem Boden gleichgemacht wurde." Er müsse damit rechnen, nur Verwüstung vorzufinden, aber wolle es mit seinen eigenen Augen sehen, sagt er.

Die Ortschaften in der Nähe des Epizentrums bieten ein Bild des Grauens: Gebäude sind zusammengestürzt wie Kartenhäuser. Jüngste Berichte der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua sprechen von bis zu 20.000 Toten. Allein in der Stadt Yingxiu im Kreis Wenchuan kamen nach jüngsten Berichten 7.700 der 10.000 Bewohner ums Leben. Das gesamte Ausmaß der Katastrophe war am Mittwoch aber immer noch nicht absehbar.

Zehntausende sind durch die Katastrophe obdachlos geworden. Zahlreiche Menschen harrten auf einer Straße bei An Xian in einem improvisierten Holz-Plastik-Verschlag aus, um sich vor heftigem Regen zu schützen. "Alles was wir jetzt brauchen, ist ein bisschen zu essen. Ich bin einfach nur froh, am Leben zu sein", sagt der 38-jährige Bauer Li Zizhong. Die Regierung brachte Überlebende mit Bussen aus Beichuan herbei, von seinen Angehörigen hat Li aber noch nichts gehört. "Wer weiß, was ihnen zugestoßen ist."

Ministerpräsident Wen Jiabao, der wenige Stunden nach dem Unglück in die Region reiste, besuchte am Mittwoch weitere Opfer der Tragödie. "Die Regierung wird sich um Dich kümmern", sagt Wen zu einem etwa neunjährigen Mädchen, das durch das Erdebeben Vollwaise wurde. Die Regierung werde für ihren Unterhalt und ihr Studium aufkommen, sagt Wen. Das Mädchen konnte nur schluchzen und weinte schließlich, wie die Übertragung des staatlichen Fernsehens zeigte.

"Ich traue mich nicht, zu schlafen"

Die Industriestadt Mianyang mit ihren 700.000 Einwohnern ist indes zur überlaufenen Anlaufstelle für Flüchtlinge geworden. Die Lebensmittelpreise in der Stadt haben sich teils mehr als verdoppelt, manche Supermarktregale blieben leer. Xinhua berichtete, dass "50.000 Zelte, 200.000 Baumwolldecken, 300.000 Jacken, Nahrungsmittel, Trinkwasser und Medikamente verzweifelt benötigt" würden.

"Mir ist kalt. Ich traue mich nicht, zu schlafen. Und ich habe Angst, dass ein Gebäude über mir zusammenstürzt", sagt die 20 Jahre alte Kellnerin Tang Ling. Mit drei Kollegen verharrt sie in der Straße vor ihrer Arbeitsstelle, eingewickelt in eine geliehene rosa Daunenjacke. "Was passiert ist, ist so grausam. In einer Minute so viele Menschen streben zu sehen, ist zu tragisch", sagt Tang. Die Region wurde immer wieder von Nachbeben erschüttert.

Die Streitkräfte begannen am Mittwoch mit ersten Hubschrauberflügen in die Orte nahe dem Epizentrum. Nach zwei Tagen schlechten Wetters konnten sie endlich dringend benötigte Hilfsmittel einfliegen. Zuvor hatten sich Soldaten zu Fuß einen Weg ins Krisengebiet gebahnt. Die Regierung in Peking hat bis zu 50.000 Soldaten für den Hilfseinsatz mobilisiert.